Zu Risiken im Militärischen ist Deutschland bereit, zu Abenteuern nicht. Gerhard Schröder

Meinung ohne Einheitsbrei

Schon die Kanzlerin hat erkannt: Es gibt mehr als eine Öffentlichkeit. Höchste Zeit, dass die alten Eliten in Politik, Wirtschaft und Verlagswesen das begreifen.

Was wir über die Welt wissen, so der Soziologe Niklas Luhmann, das wissen wir durch die Massenmedien. Die als „thematische Struktur öffentlicher Kommunikation“ bezeichnete öffentliche Meinung ist deshalb wesentlich das Ergebnis von Selektion auf der Basis von „Aufmerksamkeitsregeln“.

Und dieser Nachrichten-Flaschenhals wurde von bestimmten Auswahlkriterien geprägt, die bewusst oder unbewusst zu einer Vereinheitlichung des Medientenors führen – in der empirischen Sozialforschung spricht man von Konsonanz.

Medientenor und öffentliche Meinung fallen nur selten auseinander. Bundeskanzlerin Angela Merkel ahnte schon vor gut drei Jahren, dass sich die Theorie der öffentlichen Meinung wandelt und die alten Eliten in Politik, Wirtschaft und Verlagswesen ihre Deutungsmacht im massenmedialen Zirkus verlieren:

„Nachrichten werden heute sehr viel schneller alt. Die Vielzahl der Medien, vom Internet bis zu den zahlreichen Fernsehsendern, verlangt von Politikern ein immer schnelleres Reagieren. Früher, als es nur zwei Fernsehsender gab, gab es allein schon eine deutlich geringere Anzahl von Nachrichtensendungen, von anderen Formaten mal ganz abgesehen. Die Menschen unterhielten sich morgens am Arbeitsplatz über die gleichen Themen. Heute wird es durch die Vielzahl der Informationskanäle, und besonders durch das Internet, immer schwieriger, ein Gesamtmeinungsbild zu erkennen.“

Öffentlichkeit, die über den Nachbarzaun reicht

Durch diesen „sehr großen technischen Wandel“ sei es schwerer geworden, „alle Menschen, alle Generationen zu erreichen, denn diese nutzen die einzelnen Medien mittlerweile sehr unterschiedlich“. Erkenntnis der CDU-Politikerin: „Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen.“

In der empirischen Sozialforschung machte man bislang um dieses Phänomen einen großen Bogen. Schließlich geht es um eine neue Theorie der öffentlichen Meinung, die über die Arbeiten von Luhmann, Noelle-Neumann, Kepplinger & Co. hinausgehen. Einen guten Anfang macht die Landesanstalt für Medien NRW (LfM). In Heft 8 ihrer Schrift „Digitalkompakt“ beschäftigen sich die Medienexperten der LfM mit dem Schwerpunkt „Die vernetzte Öffentlichkeit“. Die Vorahnungen der Kanzlerin finden in den Kommunikationswissenschaften eine erste Bestätigung.

Die etablierten Player der Öffentlichkeit, allen voran Journalisten und Politiker, seien durch die rasante Verbreitung sozialer Netzwerke in Zugzwang geraten: „Wenn Medienkonsumenten und Wahlbürger sich zunehmend in ihren ‚persönlichen Öffentlichkeiten‘ aufhalten und sich dort so viel Zeit und Energie konzentriert, muss jeder, der ihre Aufmerksamkeit erringen möchte, auch dort Präsenz zeigen“, so die LfM.

Aber das ist dann eher die Perspektive der etablierten Medien, um wieder Bodenhaftung zu bekommen. Soziale Netzwerke stehen vor allem für eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Sphäre. Öffentliche und individuelle Kommunikation verschwimmen. Und ob ich nun mit meiner eigenen Teilöffentlichkeit wenige oder sehr viele Menschen erreiche oder nicht, vorher war es schlicht unmöglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit herzustellen, die über den Nachbarzaun reichte.

Inflation persönlicher Öffentlichkeiten

Die neuen Beteiligungs- und Vernetzungsmöglichkeiten verändern die Bildung öffentlicher Meinung, konstatiert die LfM und fragt sich, wie eine Gesellschaft angesichts der Inflation persönlicher Öffentlichkeiten noch zu kollektiv verbindlichen Entscheidungen kommen könne.

Ohne die Gatekeeper in den Massenmedien gibt es also keine verbindlichen Entscheidungen mehr? Wie oft rauscht der einheitliche Medientenor an der Wahrheit vorbei? Wie oft lassen sich die etablierten Medien an der Nase herumführen, etwa bei der vermeintlichen Karstadt-Rettung durch den selbst ernannten weißen Ritter Nicolas Berggruen? Oder bei der Kriegspropaganda von NATO und Bundesregierung Ende der 1990er-Jahre? Es gab schon häufig ein kollektives Versagen der klassischen Medien.

Wenn also Mediennutzer autonomer durch den Nachrichtenstrom surfen, kann das für die Meinungspluralität nur nützlich sein. „Sie werden zunehmend selbst zum ‚Gatekeeper‘ von Informationen, selektieren und empfehlen Informationen aktiv weiter und orientieren sich auch bei ihrem Medienkonsum am Verhalten und den Hinweisen befreundeter Nutzer.

Damit verändert sich die Verbreitungsdynamik von Nachrichten in der Gesellschaft, Freunde und Bekannte bekommen mehr Einfluss auf die Wahrnehmung der Welt als früher und laufen klassischen Autoritäten der öffentlichen Sphäre möglicherweise den Rang ab“, schreibt die LfM.

Keine Chance für Einweg-Kommunikatoren

Wie im Verhältnis Unternehmen und Kunden wird auch bei den klassischen Medien der offene Dialog mit der Netzöffentlichkeit relevanter. Einwegkommunikation und ignorante Taktstock-Akteure verlieren dabei an Bedeutung – was einige Journalisten immer noch nicht kapiert haben, wie Dirk von Gehlen treffend analysiert: Dialog mit dem Leser als Reputationsgewinn. Entsprechend relevanter für die Bildung von öffentlicher Meinung wird das Verhalten der Social-Web-Nutzer beim Kommentieren, Weiterleiten und Empfehlen von Nachrichten.

„Der Wiener Kommunikationsforscher Axel Maireder untersuchte 2011 den deutschsprachigen Twitter-Raum und fand heraus, dass von allen Tweets mit einem Link auf einen Medienbeitrag über die Hälfte einen individuellen Kommentar oder eine Wertung enthielt“, schreibt die LfM. Die Nutzer seien also keineswegs neutrale „Transmissions-Riemen“ für journalistische Produkte, sondern liefern ihrem Publikum auch individuelle Schemata für die Deutung der Beiträge. Das war allerdings schon vorher so. Nur beschränkte sich die Multiplikator-Funktion auf Arbeitskollegen, Familie und Freunde.

Es sei durchaus möglich, dass in den persönlichen Öffentlichkeiten der Netzwerke strittige Themen anders bewertet und gedeutet werden als in den Massenmedien oder im Bundestag. Das von der Demoskopin Noelle-Neumann beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinanderdriften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Mehr Pluralität und weniger Meinungs-Einheitsbrei sind die Folgen. „Die Dynamik in sozialen Netzwerken ist nicht so sehr geprägt von tradierten Hierarchien und Jahrzehnte alten Rollenmustern, sondern von den kurzfristig aufsummierten Handlungen vieler Menschen“, so Maireder.

Scheißt der Teufel immer noch auf den größten Haufen?

Damit fallen allerdings die alten Machtstrukturen und Meinungsmacher nicht unter den Tisch. „Die Potenziale, Deutungsmacht zu erlangen, sind sehr viel breiter verteilt als früher, nicht nur auf klassische Öffentlichkeitsberufe wie Journalisten und Politiker“, bemerkt Maireder. Wie sich öffentliche Meinung in sozialen Netzwerken bildet, ist noch relativ unerforscht. Fraglich ist für Maireder, ob etablierte Meinungsführer aus der Offline-Welt auch online den Ton angeben – oder ob meinungsfreudige Vielschreiber nerven und ignoriert werden.

Gilt auch im Social Web das berühmte Pareto-Gesetz der 80/20-Verteilung? Ziehen also 20 Prozent aller Knoten im Netz 80 Prozent aller Links auf sich? Wo sich Vielfalt, Ungleichheit und Abweichungsverstärkung verkoppeln, stellt sich die 1897 von Vilfredo Pareto entdeckte Verteilung ein, die man in einfachster Mathematik durch die Formel y = 1/x abbilden kann.

Oder wie es der Millionär Gunter Sachs etwas deftiger ausdrückte: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Im Netz gibt es aber sehr viele 80/20-Verteilungen mit sehr geringen Schnittmengen. Systemingenieure, die sich über Netzwerke austauschen, unterscheiden sich von der Gaming-Community oder von Koch-Fans. Die politischen Netzaktivisten haben kaum Zugang zu den Stars der YouTube-Szene. In all diesen Netzwerken könnte Pareto mit seiner Formel fündig werden – nur den einen großen Haufen gibt es nicht mehr. Die liebwertesten Elite-Gichtlinge der Republik müssen halt etwas bescheidener auftreten oder alternative Beschäftigungen zur Ego-Pflege suchen – Golf, Mensch-ärgere-Dich-nicht oder Pullover stricken.

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