Monokausale Kleckskunde

von Gunnar Sohn5.02.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Apple-Kunden ticken anders: Das soll eine reprÀsentative Stichprobe mit ganzen 25 Probanden beweisen. Wie uns neuronale Schlaumeier die Welt erklÀren.

Wie erkennt man, ob jemand ein iPhone besitzt? Er sagt es dir. Diesen Comedy-Kalauer hat das Redaktionsteam der ARD-Sendung „Markencheck“ noch um eine weitere Facette bereichert. Apple-Kunden sind nicht nur Angeber, sie fallen auch auf die Versprechungen des Anbieters leichter herein. Ihr Gehirn tickt einfach anders. Sie lassen sich von Emotionen steuern und blenden Fakten eher aus als Kunden, die stĂ€rker auf das Preis-Leistungs-VerhĂ€ltnis achten und somit rationaler entscheiden. Wie lĂ€sst sich diese These beweisen?

Durch Hirnforschung. Man operiert mit der unheimlich reprĂ€sentativen Stichprobe von 25 Probanden und durchleuchtet sie mit der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Kombiniert wird die hohe Kunst der medialen Recherche mit dem allwissenden Habitus eines Neurowissenschaftlers, der mit irgendwelchen steilen Thesen in Presse-Vorabmeldungen fĂŒr Aufregung sorgen soll. Es ist schon erstaunlich, wie hingebungsvoll und kritiklos ĂŒber die Pseudo-Neuro-Erkenntnisse berichtet wird.

Neuro-Sexismus auf Basis fragwĂŒrdiger Daten

Da muss man nur vom PrĂ€frontal-Cortex labern und schon erstarrt die Öffentlichkeit ehrfurchtsvoll vor diesen neuen Helden in weißen Kitteln. Wer die wissenschaftliche SeriositĂ€t der Hirn-Bubis in gesellschaftlich relevanten Fragen anzweifelt, bekommt direkt die Empfehlung zu einem Praktikum in der Psychiatrie, wird als ahnungslos abgestempelt oder ist intellektuell nicht in der Lage, der GenialitĂ€t der Avantgarde des medizinischen Fortschritts zu folgen – man nennt diese rhetorische Strategie zur Abwehr von kritischen EinwĂ€nden auch Manfred-Spitzer-Neuro-Sprech.

Die monokausale Kleckskunde mit bunten Hirnbildern ist mittlerweile eine beliebte Allzweckwaffe in Politik, Kriminalistik, Ökonomie, Werbung und Bildung. Da tauchen sogar alte Geschlechtervorurteile wieder auf: „Gerade das Klischee ‚emotionale Frau – rationaler Mann‘ (mit Ausnahme von mĂ€nnlichen Apple-Fanboys, gs) ist wieder gut im GeschĂ€ft. So vertritt der Cambridge-Psychologe Simon Baron-Cohen unbeirrt die Position, das weibliche Gehirn sei auf emotionale Analysen und das mĂ€nnliche Gehirn auf das Verstehen von Systemen ausgelegt“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Felix Hasler in seinem Buch „Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ (transcript Verlag).

Ein neuronal begrĂŒndeter Geschlechterwahn auf der Basis von fragwĂŒrdigen Hirndaten. Die Kognitionspsychologin Cordelia Fine spricht sogar von Neuro-Sexismus, den es in dieser AusprĂ€gung schon im 19. Jahrhundert gab. Um Frauen von höherer Bildung und Wahlrechten fernzuhalten, wurde schon vor ĂŒber 100 Jahren die Anatomie des Gehirns bemĂŒht. Die kruden Untersuchungstechniken durch moderne Hirnscanner machen die Befunde nicht wahrer als damals.

Suche nach den Schwarzen SchwÀnen in der Hirnforschung

Aber irgendwie scheinen die bunten Flecken in den Tomogrammen auf Nicht-Fachleute wie eine Offenbarung zu wirken. Der Christbaum-Effekt eines blinkenden Gehirns erklĂ€rt alles und nichts. Und da ist die Suche nach den Schwarzen SchwĂ€nen erhellend. „Der eindrĂŒcklichste Fall ist ein junger Student, der einen IQ von 126 hat, erstklassige Noten in Mathematik schreibt und sozial völlig normal ist. Jedoch hat dieser Junge so gut wie kein Gehirn. Ein MRT-Scan zeigte, dass bei diesem Studenten in der Hirnrinde lediglich eine dĂŒnne Schicht von Neuronen von vielleicht einem Millimeter Dicke festgestellt wurde. Etwa 95 Prozent seines SchĂ€delraumes waren mit HirnflĂŒssigkeit gefĂŒllt“, erlĂ€utert Hasler.

Das Gewicht des untersuchten Gehirns liegt bei 50 bis 100 Gramm. Weit entfernt von dem normalen Durchschnittsgewicht von 1,5 Kilogramm. Offensichtlich verfĂŒge das Gehirn ĂŒber ganz unglaubliche ReservekapazitĂ€ten – die nicht zwingend benötigt werden. Ähnlich wie dies auch bei Nieren- und Lebergewebe der Fall sei. Deshalb sollte man nach Ansicht von Hasler vorsichtig sein, mit einer klar definierten funktionellen Ausrichtung kortikaler Hirnareale zu arbeiten.

Die MRT-Aktivierung ist eher ein Instrument fĂŒr eine beliebige, willkĂŒrliche und abenteuerliche Dateninterpretation, die kritiklos von Publizisten weitergetragen wird. So soll Einfachheit dumm machen. So belegt angeblich eine Studie der Uni Schlagmichtot, dass handschriftliches Schreiben mehr Hirnregionen aktiviert als Tippen – darunter auch solche, die fĂŒr das Denken und die Erinnerung zustĂ€ndig seien. Unsere Gehirne wĂŒrden viel besser auf Hindernisse reagieren, als wir uns das vorstellen – etwa an Schulen oder UniversitĂ€ten. Also den Lernstoff möglichst sperrig prĂ€sentieren und schon wachsen die Albert Einsteins auf den BĂ€umen wie Obst.

Naiver Empirismus

Wir könnten diese steile These auch etwas einfacher verkaufen: Übung macht den Meister. In einer Disziplin, in der ich es zur Meisterschaft bringen will. Deshalb gehe ich ja auch jede Woche zum Volleyballtraining, um besser zu werden – allerdings in einer Hobbymannschaft, die keine Ambitionen mehr besitzt, in die Bundesliga aufzusteigen. Aber gilt das auch generell fĂŒr das Alltagsleben?

Warum soll man denn kostbare Lebenszeit fĂŒr sinnlose TĂ€tigkeiten aufwenden, wenn sie nicht ins Zentrum der eigenen Interessen passen? Beim Kaffeetrinken ist mir das Innenleben des Vollautomaten völlig egal. Kommt es zu einer Leistungsverweigerung des Apparates, reicht meine handwerkliche Grobmotorik sowieso nicht aus, um der Maschine wieder Leben einzuhauchen.

Hier ist Reparaturservice gefragt und nicht die Notwendigkeit, im zweiten Bildungsweg noch Kompetenzen als Mechatroniker zu erwerben. Mutiere ich unter diesen Voraussetzungen zum Sklaven einer nicht beherrschbaren Technik? Oder werde ich zum Opfer eines perfiden Marketings von Apple? DarĂŒber kann man nach Herzenslust streiten und es gibt sicherlich eine Vielzahl von Motivationen und Überlegungen, die mein Verhalten beeinflussen. Die zweifelhafte Ursache-Wirkung-Schwurbelei von Neuro-DauerschwĂ€tzern ist fĂŒr diese Disputationen ein schlechter Wegbegleiter.

Problematisch ist vor allem der ideologische Überbau der liebwertesten Neuro-Gichtlinge, die man ĂŒbrigens auch bei den Big-Data-Maschinenintelligenz-Apologeten vorfindet. Es ist ein naiver Empirismus, der auf biologistischen und mechanistischen Annahmen beruht. Was die Neuronen wohl zu diesem einfachen Weltbild sagen? Sie blinken ratlos.

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