Große Anführer sind fast immer große Meister im Vereinfachen. Colin Powell

Übersinnlich

Mit Google Plus hat der Suchmaschinengigant sein Portfolio logisch erweitert. Doch wie wird der nächste Schritt aussehen? 50 Milliarden Endgeräte werden bis 2020 darauf warten, miteinander vernetzt zu werden. Die Technik dazu wird sich nach den Menschen richten müssen.

Es wächst zusammen, was zusammengehört: Auf der Plattform Google+ fusionieren „Search“ und „Social“. Sie bilden die neue Einheit für den nächsten großen Wurf des Internetgiganten: Die semantische Suche, die jede Anfrage versteht und beantwortet – abgestimmt auf den eigenen Kosmos, die eigenen Wünsche und Vorstellungen. Überall, auf jedem Gerät, ohne Apps und all dem Schnickschnack. Ein Blick in die Glaskugel – denn die Frage à la Jeff Jarvis lautet nicht: Was würde Google tun, sondern was wird Google tun?

„Was interessiert Dich?“

„Die perfekte Suchmaschine versteht genau das, was man meint, und liefert genau das, was man sucht“, sagt Larry Page, Mitbegründer von Google. Es ist der erste Satz von Googles Unternehmensphilosophie. Insofern ist die Entwicklung von Google+ eine logische Folge: „Die Plattform ist eine geschickte Annäherung an die Zukunft der Medienrezeption. Die Informationsquellen werden von einem sozialen Filter aus Multiplikatoren verbreitet, thematisch geordnet und zusammenklickbar“, schreibt Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne. Während die Urfrage von Facebook „Wer bist Du“ sei, laute die Urfrage von Google+ „Was interessiert Dich?“

Google hat damit zugleich den Gong für die nächste Kampfrunde geschlagen. „Google+ hat direkt erkennbar zwar keine semantischen Fähigkeiten. Es kann aber im Konzert mit anderen Google-Applikationen der entscheidende Baustein für die semantische Suche sein“, sagt Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf. Ein Beispiel, das dem IT-Personalexperten vorschwebt: Man sucht nach einem Auto, und angeboten wird mir nicht mehr eine Suchergebnisliste mit diversen Angeboten, sondern exakt der Wagen, der den eigenen Vorstellungen entspricht – ermittelt aus dem über die Zeit gewachsenen eigenen sozialen Profil. Ein Indiz für das Voranschreiten der semantischen Suche: Anfang Juni haben Google, Microsoft und Yahoo die Initiative „www.schema.org“ gestartet. Content-Provider sollen ermutigt werden, einfache semantische Annotationen in ihre Webseiten einzubauen, damit diese besser und treffsicherer gefunden werden. Google nimmt die Kritik also ernst, dass die Suchfunktion noch zu unscharf ist und will dies mit Semantik verbessern.

50 Milliarden vernetzte Endgeräte

Natürlich läuft Google+ auch auf dem Smartphone-Betriebssystem Android und steckt damit in der Hosentasche der „Smart Natives“, den Nachfolgern der sogenannten „Digital Natives“. Aber nicht nur die technikaffine Jugend wird Google damit erreichen: Studien gehen davon aus, dass es bis zum Jahr 2020 rund 50 Milliarden vernetzte Endgeräte auf der Welt geben wird, also wesentlich mehr als menschliche Benutzer. Das Internet steckt dann auch in der Uhr, im Kühlschrank oder in der Brille. Die vernetzten Geräte werden anders bedient: „Es werden semantische User-Interfaces entstehen“, prognostiziert Nadolski. Was spräche dagegen, dass man ein bestimmtes Auto auf der Straße etwas länger anschaut und die Brille erkennt das Interesse und spielt automatisch alle relevanten Informationen dazu ein, einschließlich des Händlers, bei dem man eine Probefahrt machen kann?

Ob Augen, Sprache oder Gestik – der Mensch steuert seine Technologie in Zukunft mit allen Sinnen. Ob wir dafür noch einzelne Apps ansteuern müssen und uns durch komplizierte Menüstrukturen quälen, bezweifelt Nadolski. Es habe keinen Sinn, dass wir User-Interfaces haben, die so viele Menschen nicht verstehen. Also müssen die Benutzeroberflächen an uns angepasst werden, nicht umgekehrt. Dort, wo der Anwender das Gerät berührt, wo er Informationen abliest und eingibt, entscheidet sich, ob die Maschine das tut, was sie soll. Nicht, ob die Technik es kann, ist die Frage – sondern, ob der Benutzer selbst herausfindet, wie es geht. Der liebwerteste Philosophie-Gichtling Norbert Bolz hält Menüs für sinnvoll, die eine normale Ansicht und eine Expertenansicht haben, auf die man bei Bedarf umschalten kann. So sind nur die Funktionen aufgelistet, die man auch wirklich sehen will. Generell gilt: Die Benutzeroberfläche muss klar gestaltet sein – und sie soll schön sein, damit sie Appetit auf die Anwendung macht. „Ein intelligentes Nutzer-Interface gibt auf jeden Fall das Gefühl, man sei Herr der Technik, auch wenn man vielleicht in Wahrheit letztlich doch der Sklave der Maschine bleibt. Aber dieses Gefühl, ich bin der Souverän im Umgang mit meinen Technologien, ist, glaube ich, unverzichtbar dafür, dass man Lust bekommt, sich auf die Möglichkeiten der Technik überhaupt einzulassen“, so Bolz. Lust sei der Königsweg zur Nutzung von modernen Technologien.

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