Fortschritt braucht den Schritt nach vorne, nicht zurück. Franz Müntefering

Fernosterweiterung

Wenn China eine neue Wirtschaftsmacht wird, müssen Manager die dortige Kultur endlich verstehen. Helfen könnte ausgerechnet ein Bonmot von Jesus.

„Huawei ist eines dieser Beispiele, bei dem die Chinesen aus eigener Kraft versuchen, innovativ zu sein und eine Marktführung zu erobern. Das wird strategisch vom Staat politisch gefördert. Man will mit modernen Technologien die Chance nutzen, endlich nicht mehr nur hinterherzurennen. Die Chinesen leiden darunter, in den vergangenen 100 Jahren nicht mehr wirklich innovative Ideen auf den Markt gebracht zu haben. Das haben sie alles von uns übernommen, sie hatten ja die große Kulturrevolution und die Rückstände im letzten Jahrhundert. Sie sind von der Führung sehr beflissen bei innovativen Themen, wo wir im Westen noch kein Dominanz erreicht haben“, so Weisshaupt im Gespräch.

Hier werden Unternehmen gefördert, die den Export nach oben bringen. Huawei kann als Symbol für das neue Denken in China gelten. Denn als Netzausrüster kann in der westlichen Welt eigentlich nur noch Ericsson als ernstzunehmender Konkurrent betrachtet werden. Und das könnte sich rächen. Wenn China in der Kommunikationsinfrastruktur ein Monopol erreicht hat, werden sie dann – so wie der Westen in den vergangenen Jahrzehnten – im Gegenzug so in den Westen investieren, dass hier eine effektive Konkurrenz hochkommt oder wird der Westen abhängig?

Innovationsdruck im Westen steigt

Wer macht denn die Musik im zukunftsträchtigen Mobile Business? Die Taktgeber sind hier zwar Apple und Google. Aber wer treibt die Digitalisierung aller Wirtschaftszweige voran? Da sollte man Huawei nicht mehr unterschätzen. Das Unternehmen mausert sich zum Technologie-Giganten und reduziert sich nicht nur auf Teilaufgaben. Vom Smartphone bis zur Netztechnik wird alles produziert. Von Produkten für Endverbraucher bis zur Infrastruktur. Man müsse diese Entwicklungen ernst nehmen, fordert Dr. Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz & Co.: „Noch vor zehn Jahren waren Anbieter wie Huawei im westlichen Markt keine Größe. Jetzt sind es Größen.“ Der Innovationsdruck steigt und zwingt Firmen wie Ericsson, sich besser zu positionieren. Die müssen sich jetzt wärmer anziehen, so Friedrich.

Die liebwertesten Gichtlinge des Westens sollten vor allem anfangen, das Denken und die Kultur in China richtig zu verstehen. „In der westlichen Welt scheint man zu meinen, Hintergrundwissen über die Volksrepublik China sei überflüssig, es genüge, von Fall zu Fall die Tagesereignisse zu verfolgen und mit westlichen Alltagswissen ad hoc zu reagieren“, so die Erfahrung von Professor Harro von Senger. Der Sinologe ist einer der Hauptredner der Schweizer Tagung und spricht über das Thema: „Vom Gleichziehen zum Überflügeln: China auf dem Weg zur Innovation – eine Standortbestimmung 2012“.

Welche Rolle das Gesetzesrecht in der Volksrepublik China spielt und welchen Stellenwert es in diesem Land hat, stellt Senger in seinem Buch „Supraplanung“ dar: „Wenn man die Verfassungsartikel zur Kenntnis nehmen und in ihrer vollen Tragweite begreifen würde, dann würde vieles, was in der politischen Tagespraxis geschieht, durchschaubar und leicht vorhersehbar werden. Aber leider werden offizielle Dokumente der Volksrepublik China im Westen regelrecht boykottiert und planmäßig nicht gelesen oder mit einem Lacher abgetan.“

Die Chinesen seien eigentlich sehr kalkulierbar, wenn man sie wirklich versteht, sagt Bruno Weisshaupt: „Der Staat definiert, was in den nächsten fünf Jahren in der Wirtschaft passieren muss. E-Mobilität oder Internet der Dinge, die strategisch auf dem Papier stehen, werden auch durchgeführt. Sie brauchen für ihre Pläne unsere Technologien. Hier muss man sich entscheiden. Will ich es ihnen beibringen oder nicht.“

Grundlegend für das chinesische Handeln ist die listenreiche Strategem-Kunde, die schon in Kinderbüchern vermittelt wird. Harro von Senger ist ein intimer Kenner dieser Strategeme.

Firmenübernahmen oder politische Interventionen gegen Internetzensur wird die KP China niemals zulassen. Sie stehen im Widerspruch zu den machtpolitischen Strategemen. Die Prinzipien sind simpel: „Vom Import zum Export, vom Lernen zur Neuschöpfung“. Es geht um die Befolgung der Polaritätsnorm: „Ausländisches für China nutzbar zu machen“.

Listkompetenz in Politik und Wirtschaft

In Peking wird man westliche Unternehmen nur tolerieren, solange sie den Zielen der KP nutzen und sich in die Gastrolle fügen. Hier kommt die Dialektik von Mao Tse Tung zum Einsatz: „Alles Ausländische muss so behandelt werden wie unsere Speise, die im Mund zerkaut, im Magen und Darm verarbeitet, mit Speichel und Sekreten des Verdauungsapparates durchsetzt, in verwertbare und wertlose Bestandteile zerlegt wird, worauf die Schlacken ausgeschieden und die Nährstoffe absorbiert werden, sodass unser Körper Nutzen von der Speise hat; das Ausländische darf keineswegs mit Haut und Haaren roh verschlungen, kritiklos einverleibt werden.“

Professor von Senger empfiehlt den westlichen Politikern und Managern bei China-Geschäften dem Rat von Jesus zu folgen:

„Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben“ (Matthäus 10, 16). „In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts sollte der verborgene Schatz, der in dem bei uns unbekannten Ausspruch Jesu ruht, gehoben werden.“ Es sei unverzichtbar, sich ein optimales Listwissen anzueignen. Im politischen und wirtschaftlichen Wettbewerb unterliege die Listblindheit der Listkompetenz.

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