Wir kranken daran, dass Älterwerden von anderen definiert wird. In der Regel von Jüngeren, die selbst noch keine Erfahrung damit haben. Frank Schirrmacher

Bestraft uns

Die Gesternbranchen blasen zur letzten Jagd auf die, die sie Raubkopierer nennen. Dabei überspielt der ganze Trubel doch nur, dass sich die Manager im kollektiven Dornröschenschlaf befunden haben. Profitieren werden nun andere, insbesondere Apple.

Der liebwerteste Zeit-Gichtling Adam Soboczynski ist ein heldenhafter Kämpfer für die Rechte von geknechteten, gebeutelten und verarmten Künstlern, die in den Fängen von freibeuterischen Piraten bald ein Dasein am Hungertuch fristen müssen. Die Wochenblatt-Edelfeder macht sich wenig Gedanken, wie das Vollzugsdefizit des Urheberrechtes beseitigt werden kann und schreibt in unnachahmlicher Klarheit, dass sich die Künstler mit ihrer Protestnote „Wir sind die Urheber“ bemerkenswert kompromisslos in Szene setzen. Achtung, ich verdinge mich jetzt als Kopist und zitiere Sobo in Auszügen, bitte nicht abmahnen:

„Sie zielen nicht auf bereits diskutierte Modelle wie etwa Kultur-Flatrates oder freiwillige Bezahlsysteme, die das Urheberrecht ersetzen könnten, sondern unmissverständlich auf die Stärkung desselben unter den neuen digitalen Gegebenheiten – mit welchen Mitteln auch immer.“

Mit welchen Mitteln auch immer. Da sind doch Bedenkenträger wie Dirk von Gehlen oder Frank Schirrmacher völlig fehl am Platz. Sie reden einfach zu viel von den Kehrseiten der Urheber- und Verwerter-Herrlichkeit sowie von den digitalen Irrläufen der etablierten Industrien, die sich in ihren analogen Erdlöchern verschanzen zur Vorbereitung der finalen Abwehrschlacht gegen Filesharing-Piraten.

Nachdenken könnte Künstler verwirren

Warum sollten sich auch Künstler die Finger schmutzig machen mit Recherchen über die Abmahn-Gichtlinge dieser Republik, die in unsäglich aufwendigen Verfahren IP-Adressen identifizieren, jeden noch so kleinen Regelverstoß ahnden, grotesk überhöhte Strafzölle mit einer Durchschnittssumme von 1000 Euro erheben und damit, „wie Constanze Kurz in der ,FAZ‘ schrieb, allein 2011 Einnahmen in Höhe von 190 Millionen Euro generierte, die in Anwaltskanzleien und Eintreiberbüros größtenteils versickern“, so Frank Schirrmacher. Bislang konzentriert sich die Gebühren-Abzocke noch auf die Musikbranche. Im Literaturbetrieb geht es gerade erst los, wie der „FAZ“-Herausgeber in seinem Opus „Schluss mit dem Hass“ konstatiert. Da ist es Sobo und Co. wohl wurscht, wenn man nur die Dummen erwischt und die schlauen Kopisten an ihrem bösen Treiben auch in Zukunft nicht hindern kann. Hauptsache, die Kasse klingelt.

Warum sollten die Protest-Künstler überhaupt nur in Ansätzen differenziert über Ursache und Wirkung der vernetzten Ökonomie nachdenken? Das von den Verwertern aufgeführte Untergangsdrama folgt einem bewährten Drehbuch, wie Dirk von Gehlen in seinem Buch „Mashup“ darlegt: In der ersten Phase singt der Klagechor vom Sterben einer ganzen Branche – hier dienen die Musikmanager als profilierte Regisseure: „In der zweiten Phase versucht man dann, durch technische Mittel wie das sogenannte Digitale Rechtemanagement (DRM) nicht nur das Vagabundieren der Kopien, sondern das Kopieren an sich zu unterbinden; und schließlich gehen die Konzerne dazu über, juristische Schritte gegen den kopierenden Verbraucher einzuleiten, um so ein Klima der Abschreckung zu schaffen. Diese dritte Phase ist verbunden mit Lobbyarbeit bei Politikern und Parlamentariern, die diese für eine Verschärfung des Urheberrechts gewinnen soll“, erläutert „SZ“-Redakteur Dirk von Gehlen.

Die Empörung der „Funk-Jockeys“

Dann stößt man die Medienarbeit an mit Überschriften wie „Die Musikindustrie steht vor ihrer gefährlichsten Krise“ oder „Umsatzverlust von mehr als einer Milliarde“. Diese Headlines kann man mit dem Zufallsgenerator aus dem Zeitungsarchiv gewinnen. Bei der Umsatzverlust-Story habe ich etwas geschwindelt und die Währung unterschlagen. Es war von „Mark“ die Rede und man blickte in den 1970er-Jahren sorgenvoll auf die Partisanen und Piraten des verschworenen Ordens der Cassetten-Raubkopierer, zu denen auch ich damals zählte. „Funk-Jockeys“ wie Frank Elstner und Thomas Gottschalk sowie der damalige Jupiter-Rekord-Chef Ralph Siegel bildeten die Speerspitze der Schallplattenindustrie. Die Totschlagformel „Umsonstkultur“ war noch nicht erfunden. Damals ging es um „Hits zum Nulltarif“. Heute wohl semantisch etwas zu kompliziert für die PR der Verwerter und Urheber. Da liebt man es derber und formuliert nicht mehr allzu komplizierte Sätze wie „Hometaping is killing music“. Besser ist: „Raubkopierer sind Verbrecher“ oder „Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“.

Die Aufruf-Künstler mögen es monokausal. Wer den starken Staat gegen digitale Hausierer und Kopisten in Stellung bringen will, darf nicht zurückblicken auf die Fehler der Gesternbranchen, wie ich sie in dem Fachmagazin „Absatzwirtschaft“ beschrieben habe: Da geht es um die Musikindustrie, die zu lange an der Vermarktung von CDs festgehalten und den Umschwung zu MP3 verpennt hat – im Gegensatz zum branchenfremden Anbieter Apple. Hier wurden die industriell ausgerichteten Verwertungsketten schon vor einigen Jahren gesprengt: Beim Download fallen weder Herstellung noch Lagerhaltung, Transport oder Rücktransport sowie Vernichtung an. Ähnliches passiert jetzt mit DVDs. Und wer hat da die Nase vorn? Richtig. Apple mit der TV-Box. Wenn Apple in nächster Zeit vernünftige Preise für neue Filme zum Ausleihen kalkuliert, können die Videotheken dichtmachen.

Und schon breitet sich der nächste Trend massenweise aus: Streaming wird das Geschäft mit Inhalten noch mehr aufmischen. Beim Download bekommt man faktisch eine Kopie eines Datensatzes als Eigentum. Bei den Streaming-Diensten erwirbt man lediglich das Zugriffsrecht auf die Datenbänke – Beispiel Spotify. Forderung im Urheberrecht: Jede einzelne Nutzung eines Titels muss mit einem festen Satz vergütet werden.

Wer seine Kunden nicht versteht, muss sie härter bestrafen

Die Musikindustrie hat ihre Kunden im Netz nicht ernst genommen und wird dafür abgestraft. Das begann schon vor 15 Jahren, als Napster startete. Der Dienst bediente in erster Linie das Bedürfnis der Menschen nach einem bequemen und unmittelbaren Zugriff auf Entertainment-Inhalte. Statt sich mit dem Grundbedürfnis der Internet-Nutzer auseinanderzusetzen, empörten sich die Industriebosse über Internet-Piraterie. Als der Musikmanager Tim Renner in einer hitzigen Debatte des Bundesverbandes Musikindustrie die Chefs der großen Plattenfirmen fragte, wer denn schon einmal Napster genutzt habe, hob kein einziger Sitzungsteilnehmer die Hand.

Genau hier fängt das Problem der Gestern-Manager an: „Alle Musik war dank Napster jederzeit verfügbar. Das und nicht der Fakt, dass man nichts zahlte, machte den Dienst zum Erlebnis. Das Gefühl war dabei wie beim ‚Kohlenklau‘ – man tat es mangels anderer Möglichkeit, war aber mitnichten stolz auf sich. Hätte man sich seitens der Musikindustrie inhaltlich mit dem illegalen Konkurrenten beschäftigt, statt ihn ungesehen und ungenutzt zu verdammen, hätten wirkliche, legale Alternativen nicht fünf (iTunes), respektive zehn (Spotify) Jahre nach Napster auf sich warten lassen“, sagt Renner. Die Musikindustrie habe ihre Kunden im Internet entweder gar nicht oder schlecht bedient – aus Unkenntnis oder Ignoranz. Und das wird auch so bleiben. Ähnlich desaströs ist das Versagen der Verlage bei der Einrichtung von einfachen und komfortablen Bezahlmodellen. Micropayment als Stichwort. Nachzulesen in meinem Blogpost: Das Schlafen der Verlage: „Warum die E-Commerce-Modelle der Massenmedien Schrott sind“.

Macht also in Euren Künstler-Hütten weiter Bubu-Heiaheia und überlasst die Drecksarbeit den Abmahnfabriken und Staatsanwälten. Als Sünder habe ich mich jetzt in der Facebook-Gruppe „Wir sind die Kriminellen“ geoutet und folgende Abstrafungsmaßnahmen vorgeschlagen: mittelalterliche Foltermethoden, heilige Inquisition, Pfählen, Narrenkappe aufsetzen, zum Schämen in die Ecke stellen, Gründung einer Urheberrechtspolizei, Zuständigkeit der Knöllchenjäger erweitern, Staatstrojaner im Kampf für Künstlerhonorare einsetzen (auf Erfahrungen der Schulverlage zurückgreifen). Als Ergänzung schlägt ein anderes Gruppenmitglied noch vor, „Three Strikes“ neu auszulegen und die Betroffenen dreimal öffentlich auszupeitschen. Bestraft uns endlich.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Apple, Copyright, Urheberrecht

Kolumne

Medium_34504e8e15
von Reinhard Schlieker
14.09.2016

Kolumne

Medium_57ff04dfa7
von Aleksandra Sowa
16.03.2016

Kolumne

Medium_624bfb3b98
von Lars Mensel
10.06.2015
meistgelesen / meistkommentiert