Wenn es keine Parlamente gäbe, könnte jeder Kellner regieren. Otto von Bismarck

Digitale Revolte für Unternehmens-Bürger

Auch heute noch sind viele Beschäftigte ihren Vorgesetzten ausgeliefert. Von Psychoterror, Eingriffen in die Privat- und Familiensphäre: Angestellten fehlen elementare Grundrechte. Zeit, dies zu ändern!

Hinter den modernen Lichtsuppen-Fassaden der Unternehmen regiert häufig immer noch die alte Ideologie des industriekapitalistischen Taylorismus, der auch die Büroabläufe auf Fließband-Effizienz trimmt. Was an Freiheiten in Wirtschaftsorganisationen zugelassen wird, sind reine Simulationsübungen, um die Mitarbeiter bei Laune zu halten.

„Die Pauschalunterwerfung des Arbeitnehmers ist so groß wie eh und je“, bemerkt der Soziologe Dirk Baecker. Früher sagte man, die Demokratie hört vor dem Fabriktor auf. „Das hat sich nicht geändert“, bestätigt der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger im ichsagmal-Interview: „Selbst heute kann man als ‚abhängig‘ Beschäftigter nicht offen seine Meinung äußern.“

Methodik der Demütigungen

Wer etwa als Betriebsrat kontroverse Themen gegenüber der Geschäftsführung aufgreift, muss mit einer Kaskade von Demütigungen rechnen, wie eine Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung dokumentiert. Die ARD-Sendung „Die Story“ hat dazu einen sehenswerten Beitrag ausgestrahlt.

Da wird den Arbeitnehmer-Vertretern schnell mal Beleidigung der Geschäftsführung, Geheimnisverrat oder Geschäftsschädigung vorgeworfen. Zwar scheitern vor Gericht die meisten denunziatorischen Inszenierungen, es hindert die Strategen auf Arbeitgeberseite nicht, ihre Muskelspiele fortzusetzen. Sogar vor dem Übergreifen der betrieblichen Konflikte in die Privatsphäre der Betroffenen schrecken die Gehorsamsdompteure nicht zurück. „Hierfür werden Detekteien oder – in großen Unternehmen – spezialisierte Abteilungen eingesetzt, die Einzelne offen observieren, mitunter auch im direkten Wohnumfeld. In einem unserer Interviews wurde geschildert, wie Detektive einer Unternehmensstabsstelle in das Kinderzimmer eines Betroffenen gespäht oder sich in der Tiefgarage eines Wohnhauses zu schaffen gemacht hatten“, schreibt Studienautor Werner Rügemer. Die Sichtbarkeit der Observation ist ein perfides Kalkül der Einschüchterung.

Privatleben zerrütten

„Zu den psychologischen Taktiken gehört es dabei auch, Abmahnungen und Kündigungen kurz vor dem Wochenende zuzustellen, oftmals per Eilboten mit persönlicher Übergabe. So dringt das belastende Schriftstück in Freizeit und Familie, zumal die Betroffenen am Wochenende keine Gelegenheit haben, sich über Anwälte oder Gewerkschaften Hilfe und Beratung zu holen“, so Rügemer.

Eine klassische Methode seien wiederholte Einzelgespräche mit direkten Vorgesetzten. Mitunter werden spezialisierte und psychologisch geschulte Kräfte aus dem mittleren bis oberen Management hinzugezogen. Die Geschäftsleitung mache sich auf verschiedenen Wegen über ihre Mitarbeiter kundig, um gezielt Beeinflussungsmöglichkeiten ausfindig zu machen. Dazu zählen etwa Bonitätsinfos von einschlägig bekannten Auskunfteien.

Zu populären Aktionen der Ausgrenzung rechnet Rügemer den „sozialen Tod“ am Arbeitsplatz: „Gemeint ist ein von der Geschäftsleitung angeordneter und von Vorgesetzten überwachter Entzug des sozialen und kollegialen Umgangs. Die Opfer dieser Methode wurden weiter im Betrieb belassen, jedoch wurde den Mitarbeitern unter Androhung von Sanktionen verboten, mit ihnen zu sprechen. Bei Zuwiderhandlung mussten die Beschäftigten zu eindringlichen Gesprächen im Personalbüro erscheinen und über die Inhalte ihrer Konversationen mit der Zielperson Auskunft geben.“ Für Mobbing-Opfer ist das die Höchststrafe. Jeder Gang in die Kantine gleicht einem mittelalterlichen Spießrutenlauf.

Abmahnkoffer für richtige Männer

Zum Denunzianten-Netzwerk zählen mittlerweile Unternehmensberater, Wirtschaftsdetekteien, Medienkanzleien und PR-Agenturen. Sie haben keine Skrupel, sich in Talkshows und Presseaktionen als „Vollstrecker für Bosse“ oder „Betriebsräte-Fresser“ darzustellen.

Ein liebwertester Gichtlings-Verlag in Bonn bietet sogar kostenpflichtige Downloads unter einem dümmlich-martialischen Slogan an: „Arbeitsrecht für Männer. Kühn – kompetent – kreativ. So mahnen richtige Männer ab: Mit dem brandneuen Abmahnungs-Notfall-Koffer“. Diesen Newsletter-Macho-Spruch konnte ich im Netz nicht mehr finden. Den Notfall-Koffer schon.

Auch wenn die Studie nur die krassen Auswüchse der Demontage von Arbeitnehmerrechten aufgreift, gibt es generell ein Demokratiedefizit in Unternehmen. Mit dem Betriebsverfassungsgesetz und dem Mitbestimmungsrecht wird man diese Gemengelage nicht ändern. „Man muss Mitbestimmung anders diskutieren. Wir sollten im Grundgesetz das Recht eines mitarbeitenden Menschen auf Meinungsäußerung verankern“, fordert Sattelberger im Vorfeld der Next Economy Open in Bonn. Was würde dann passieren? „Ich habe verfassungsrechtlich verbriefte Rechte als Unternehmens-Bürger. Man braucht diesen Flankenschutz, um eine Demokratisierung in Unternehmen zu erreichen“, erläutert Sattelberger.

Mehr Beteiligung ist Pflicht für Unternehmen

Wir erleben geradezu eine Explosion an neuen Möglichkeiten der Beteiligung durch die Digitalisierung, da kann die Wirtschaftswelt nicht hinterherhinken. „Letztlich ist mehr Pluralismus und Unterschiedlichkeit in jeder Organisation gefragt, um auf das Konto der Wetterfestigkeit einzuzahlen“, betont Sattelberger.

Nur so würde man die geschlossenen Kasten der Eliten durchbrechen. Der Kybernetiker William Ross Ashby habe das schon vor längerer Zeit auf die Agenda gesetzt. Die Varietät und Komplexität einer Organisation müsse mindesten so ausgeprägt sein wie die Außenwelt. „Nur so bleiben Unternehmen lebendig“, resümiert Sattelberger.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Gunnar Sohn: Sina Trinkwalder ist CEO des Quartals bei Boardreport

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