Ich war der letzte Rock’n’Roller der deutschen Politik. Joschka Fischer

Netzvisionen

Vor allem für starre Politiker ist die digitale Welt nach wie vor ein Mysterium. Dabei verkennen sie das Potenzial, das diese bereithält. Um es zu nutzen, braucht es jedoch Visionen und Visionäre.

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Man spürt die Verkrampfung vieler Führungskräfte in Deutschland, wenn sie sich mit Dingen der digitalen Welt beschäftigen müssen, die sie nicht kapieren wollen. Der Grafiker Quentin Fiore formuliert das in seinem Opus „Das Medium ist die Massage“ mit drastischen Worten: Ein Überleben sei heute unmöglich, wenn man sich seiner Umwelt, dem sozialen Drama, mit einer starren, unveränderlichen Haltung nähert – eine geistlose, immer gleiche Reaktion auf das Verkannte.

„Leider begegnen wir dieser neuen Situation mit einem riesigen Ballast überholter intellektueller und psychologischer Reaktionsmuster. Sie lassen uns hängen. Unsere eindrucksvollsten Wörter und Gedanken verraten uns. Sie verbinden uns mit der Vergangenheit, nicht mit der Gegenwart“, schreibt Fiore.

Rüstzeug von gestern für die Welt von morgen

In Phasen des Übergangs sei daher ein Zusammenprall unvermeidlich: „In der Kunst des ausgehenden Mittelalters erkennen wir bereits die Angst vor der neuen Technologie des Buchdrucks, die im Motiv des Totentanzes ihren Ausdruck fand“, so Fiore.

Es ist der absurde Versuch, die von der neuen Umwelt geforderten Aufgaben mit dem Rüstzeug von gestern zu erledigen. Heute wird der Untergang des Buchdrucks mit kulturpessimistischen Tönen bekleidet: etwa die Idee von Amazon, das Lesen von eBooks nur noch nach angeklickten Seiten zu bezahlen. Das Buch als Ganzes wird aufgelöst.

„Und das ist für die Verfechter der alten Buchkultur natürlich schlimm. Das Buch hat uns ja erzogen, die Sachen als abgeschlossen zu verstehen, als festes Gegenüber. Die neuen Formen des Lesens interessieren sich weniger für das Abgeschlossene. Es geht um Aneignung und um Weiterbearbeitung. Das heißt, dass sich Bücher in Texte verwandeln – und die wiederum erscheinen eher als Material, mit dem man etwas machen kann. Damit verfallen dann eine ganze Reihe von festen Regeln, die uns mit dem Lernen der Buchlektüre beigebracht worden sind“, sagt Literaturprofessor und Twitterat Stephan Porombka.

Drohnen-Selfie bei Mutzenbacher-Bettlektüre

Letztlich sind es lustvolle und kombinatorische Gegenwartsexperimente, die die Gegenwart nicht nur beobachten, sondern sie verändern. Erfolge habe schließlich NICHT in erster Linie der Erfinder oder kreative Zerstörer, sondern jener, der das Neue am besten organisiert und kombiniert, bemerkte der Ökonom Joseph Schumpeter in seiner Zeit an der Bonner Universität.

Als wahrer Pionier der kombinatorischen und experimentellen Gegenwartskultur erweist sich Porombka. Selbstporträts macht er nicht mit Selfie-Stab, sondern mit einer autonom fliegenden Drohne, die Fotos sogar in heiklen Momenten bei der Bettlektüre von Werken schießt wie „Josefine Mutzenbacher – oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“.

American Bookball und Adiletten mit Adorno-Plateausohlen

Die tägliche Rasur der Geheimratsecken, die zum professoralen Habitus von Porombka zählen, bleibt der Drohne nicht verborgen. Man sieht ihn bei frühsportlichen Übungen in der Disziplin „American Bookball“. Ein extrem hartes Buchtraining mit literarisch ausstaffierten Schulterpolstern im Miami-Vice-Stil der 1980er-Jahre.

Legendär ist auch der vierarmige Pullover mit dualem Stinkefinger für langweilige Konferenzen. Wegweisend sein achtjähriges Forschungsprojekt beim Abpausen des Gesamtwerkes von Franz Kafka. Das „Gerüst“ von Heideggers Opus „Sein und Zeit“ hat der Twitteratur-Trendsetter mit Streichhölzern nachgebaut. Den Silberstreif am Horizont gibt es in der innovativen Porombka-Werkstatt in mobiler Version zum Mitnehmen.

Zudem offeriert er ein Brot mit USB-Schnittstelle und für den intellektuellen Sauna-Gang Adiletten mit Theodor-W.-Adorno-Plateausohlen.


Smartphone-Hüllen mit dem Wittgenstein-Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“ reduzieren die Blödheit beim öffentlichen Einsatz dieser mobilen Geräte. Es sind auf den ersten Blick völlig nutzlose oder gar dämliche Kombinationen, die Porombka der Netzöffentlichkeit demonstriert. Sie folgen dem Diktum von ästhetischen Experimenten, die jeder in seinem eigenen Umfeld praktizieren kann.

Improvisation zur Gestaltung der Gegenwart

„Wer improvisiert, weiß vorher gar nicht, wo es hin geht. Man weiß auch nicht, ob man ankommt. Improvisierendes Bearbeiten kennt den Endzustand nicht. Es setzt ein Spiel in Gang, das ein offenes Ende hat und nicht nur deshalb fasziniert, weil am Ende etwas Gelungenes steht“, schreibt Porombka in dem eBook „Über 140 Zeichen“, erschienen im Frohmann-Verlag.

Vielleicht sollten die liebwertesten Gichtlinge von Wirtschaft und Politik im Umgang mit digitalen Technologien dem Weg von Porombka folgen oder sich an dem amerikanischen Organisationspsychologen James G. March orientieren, der für eine „Technologie der Torheit“ plädiert. „Torheit – oder das, was danach aussieht – beruht zum Teil darauf, Ideen aus anderen Bereichen zu stehlen“, erläutert March im Interview mit „Harvard Business Review“. So könne der Spieltrieb genutzt werden, um die Torheit zu fördern:

„Beim Spielen gibt es keine Hemmungen. Wenn wir spielen, können wir Dinge tun, die uns sonst nicht erlaubt sind. Wenn wir aber nicht spielen und die gleichen Dinge tun wollen, müssen wir unser Verhalten rechtfertigen. Gelegentliche Torheit erlaubt es uns, Erfahrungen mit einem möglichen neuen Ich zu machen – aber bevor wir eine Veränderung dauerhaft in die Realität umsetzen, müssen wir Gründe dafür liefern.“

Unternehmergeist mit Punk & Rock ‘n’ Roll

Vielleicht bringt die Gamification mehr Leichtigkeit ins Wirtschaftsleben, die der Kölner Berater Marco Petracca beim netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs forderte.

Es mache in Deutschland einfach keinen Spaß, unternehmerisch und erfinderisch tätig zu sein. Deshalb warf er als Twitter-Hashtag #TrauerTrance als Stichwort in die Runde. „Was wir brauchen, ist Punk und Rock ‘n’ Roll für einen digitalen Gründergeist und nicht vertrocknete Lehrbücher von Meffert und Co.“

Uns fehlen Visionen

In Deutschland pflege man eine merkwürdige Definition von Visionen. Was in der Netzwelt und eben auch im Silicon Valley gepflegt werde, seien Visionen gepaart mit Leidenschaft. Fragt man industriell geprägte Unternehmen nach Visionen, kommt als Antwort: „20 Prozent Wachstum in zwei Jahren“.

„So kann man Gesellschaft und Wirtschaft nicht verändern. Wir denken ausschließlich in der Kategorie der Profitoptimierung. Es fehlt die übergeordnete Vision“, kritisiert Petracca. Recht hat er.

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