Der Ursprung des Humors liegt im Banalen. Helge Schneider

„Politik ist nur ein Job“

Zum Höhepunkt der Finanzkrise wurde der Komiker Jón Gnarr überraschend Bürgermeister von Reykjavík. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt sprach er mit Lars Mensel über neue Arten von Politik, Vielfalt im Parlament und seine Jedikräfte.

The European: Bei den Kommunalwahlen von 2010 versprachen Sie, alle Wahlversprechen zu brechen. Wie geht es damit voran?
Gnarr: Es hat sehr gut funktioniert – aber so ist das halt in der Politik. Ich finde es nichts besonderes.

The European: Gab es etwas besonderes, was Sie als Bürgermeister nicht umsetzen wollten?
Gnarr: Im Großen und Ganzen ist es für mich ein Experiment, ob ich das Amt ausüben und dabei ich selbst bleiben kann. Es gibt da diesen Mythos, dass der Eintritt in die Politik einen verändert, dass man ein anderer Mensch wird. Ich kämpfe dafür, mir selbst treu zu bleiben.

„Die Einstellung bestimmt die Motivation“

The European: Das kommt mir bekannt vor – was haben zwei Jahre als Bürgermeister mit Ihnen angestellt?
Gnarr: Ich habe keine Persönlichkeitsveränderungen feststellen können. Bislang zumindest noch nicht. Doch in der Kultur unserer Politik bedarf es viel Arbeit, um sich nicht zu verändern. Man wird von den Anforderungen des Amtes schnell abgelenkt und versucht, einem Ideal zu entsprechen.

The European: Aber die Bürger haben einen Komiker gewählt – heißt das nicht, dass die Erwartungen ganz anders waren?
Gnarr: …das war die Idee: Ihr bekommt, was ihr seht. In der Tat habe ich den Eindruck, dass die Menschen sehr positiv überrascht waren.

The European: Die Kommunalwahlen, bei denen Sie antraten, fanden zu einer schwierigen Zeit für Island statt: Die Finanzkrise hatte die drei großen Banken des Landes ruiniert und die Regierungskoalition zu Fall gebracht. Der damalige Premierminister, Geir Haarde, wurde wegen seines Versagens in der Krise verurteilt. Ihr Wahlsieg wird daher oft als Protest gegen die etablierten Kräfte bewertet – was denken Sie?
Gnarr: Nicht unbedingt. Ich glaube, dass die meisten Menschen für mich gestimmt haben, weil wir in Anbetracht der Lage wirklich als beste Option galten. Manche mögen für die „Beste Partei“ gestimmt haben, weil sie für keine der anderen Parteien stimmen wollten – doch das ist völlig legitimer demokratischer Protest. Andere haben es sicherlich als Möglichkeit gesehen, etwas Einzigartiges geschehen zu lassen – und die Tatsache ist, dass damals große politische Instabilität herrschte. Nach der Wahl ist es uns gelungen, diese Stabilität wiederherzustellen: Ich bin nun bereits länger Bürgermeister als meine fünf Vorgänger es waren. Außerdem: Wäre die „Beste Partei“ nur ein populistisches Protestphänomen, hätte sie sich doch nach der Wahl aufgelöst. Es sind aber nach wie vor alle Gründungsmitglieder an Bord.

The European: Wie sind Sie als Quereinsteiger mit der Politik zurechtgekommen? Man sollte meinen, es sähe von außen alles einfacher aus, als es das eigentlich ist.
Gnarr: Das kommt drauf an. In vielerlei Hinsicht mag das stimmen, doch wir versuchen als Partei auch zu demonstrieren, dass Politik nichts anderes ist als ein Job. Es kommt dabei enorm auf die Einstellung der Menschen an: Wenn man glaubt, die eigene Arbeit sei die komplizierteste Arbeit der Welt, dann kann absolut jeder Job auf der Welt so erscheinen. Die Einstellung bestimmt die Motivation, ob man nun Kindergärtner oder Politiker ist. Politik mag noch so kompliziert erscheinen, letztlich ist es enorm wichtig für unsere Demokratie – nicht nur in Island – dass Menschen aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft daran teilnehmen.

„Die Politik braucht auch die Übergewichtigen“

The European: Die Mehrzahl der deutschen Abgeordneten ist entweder Jurist oder Lehrer.
Gnarr: Ganz genau, es ist ein globales Problem. Wir haben dieses absurde Bild eines Politikers erschaffen: Alpha-Persönlichkeiten, die schnell denken und schnell sprechen. Dadurch haben wir allerdings auch eine riesige Menge an Menschen ausgeklammert. Die Politik braucht frisches Blut, Menschen, die man normalerweise nicht mit ihr assoziiert. Dazu gehören die langsamer denkenden und langsamer sprechenden Menschen, Wissenschaftler, Künstler und schüchterne sowie auch übergewichtige Menschen. Nach selbstgemachtem Politikermythos dürfen nur die Auserwählten in die Politik – und das finde ich ziemlich gefährlich für unsere Demokratie.

The European: Heutzutage spielt sich Politik in den Medien ab: Wer im Fernsehen gut aussieht und eloquent spricht, der bekommt auch die höchsten Zustimmungswerte. Welche Chance haben da noch die Schüchternen?
Gnarr: Aktuell haben sie keine Chance. Deswegen müssen wir den Teufelskreis durchbrechen und uns vom Bild der Politikertypen verabschieden. In vielen Ländern arbeiten Politik und Medien zusammen und senden gemeinsam die Nachricht „Schaut her, Politik ist sehr kompliziert, sehr angsteinflößend und nur die ganz Intelligenten steigen noch durch“. Wenn wir das verändern könnten, hätten die Übergewichtigen und die Schüchternen es viel leichter. Momentan braucht der Einstieg in die Politik zu viel Mut – und zu viele fehlgeschlagende Versuche.

The European: Die „Beste Partei“ scheint das zu umgehen, indem sie die Politik nicht besonders ernst nimmt. Wie ernst werden Sie von den Wählern genommen?
Gnarr: Ich glaube die Wähler haben gemerkt, dass wir zwar keine Agenda haben, aber versuchen, mit gesundem Menschenverstand zu regieren. Im Stadtrat habe ich das oft beobachten können: Wenn wir beispielsweise Besteuerung diskutieren, sind die rechten Parteien gegen Besteuerung, die linken Parteien dafür. Unsere Partei hat dagegen einfach keine Ahnung. Das heißt aber auch, dass wir uns an keine Ideologie klammern können. Nur nach gesundem Menschenverstand zu arbeiten, ist ziemlich anstrengend. Einfacher wäre es, sich an eine Ideologie halten zu können. Manche Politiker denken „Das entspricht nicht meinen persönlichen Überzeugungen, doch laut meinem Parteibuch ist es richtig“ – und stimmen der Maßnahme zu. In den Zeitungen und Blogs steht, dass unsere Partei zwar keine Agenda hat, aber immerhin nicht so wie die anderen Politiker agiert.

„Ich habe nie geglaubt, das Politiker nutzlos sind“

The European: In Deutschland gibt es 82 Millionen Einwohner, eine Dauerkrise und viel Kritik, dass die Politik zu kompliziert geworden sei. Brauchen wir mehr Optimismus?
Gnarr: Es ist immer ein Kampf gegen Negativität und Pessimismus. In der Politik werden häufig Sündenböcke gesucht, was die gegenseitige Kritik und den Ton der Medien erklärt. Beginnt eine Debatte bereits mit einem Vorwurf, dann ist das häufig wenig konstruktiv. Wähler nehmen so etwas wahr.

Dennoch: Ich habe nie geglaubt, dass alle Politiker nutzlos sind… nun, vielleicht dachte ich das früher einmal, aber ich habe mich umentschieden: Viele Menschen sind in der Politik, um wirklich etwas zu bewegen. Das ist Grund für Optimismus.

The European: Aber reicht es aus?
Gnarr: Nein, wir müssen uns mehr Gedanken darüber machen, wie unsere Demokratie funktionieren soll. Menschen kommen in die Politik, wollen etwas erreichen und arbeiten dann an Dingen, von denen sie keine Ahnung haben. Es ist viel zu einfach, mit großen Idealen anzutreten und diese dann der Maschinerie zu opfern. Die Grünen in Deutschland sind das beste Beispiel dafür. Das gleiche gilt für junge Menschen: Davon gibt es in der Politik viel zu wenige.

The European: Was ist mit Persönlichkeiten, die den Apparat auf den Kopf stellen?
Gnarr: Das ist die Lektion, die ich gelernt habe: In vielen Interviews, die ich als Bürgermeister geführt habe, ist der Tonfall extrem kritisch, extrem feindselig. Da reicht es schon aus, wenn ich einen frohen Gesichtsausdruck behalte und den Zuschauern zeige, dass alles gar nicht so schlimm ist. Das nächste Mal, wenn jemand genau wissen will, wie ich gedenke, dieses oder jenes Problem zu lösen, werde ich antworten: Mit meinen Jedikräften.

The European: Bitte?
Gnarr: Ich bin ein Jedi.

The European: Heißt dass, dass Sie in Zukunft noch größeres planen? Nächstes Jahr wird in Island ein neues Parlament gewählt…
Gnarr: Nein, das heißt es nicht. Ich möchte meine Arbeit in dieser Stadt fortsetzen. Ich bin mir sehr darüber im klaren, dass ich noch 627 Tage Amtszeit übrig habe – und bevor ich etwas anderes mache, möchte ich zu Ende bringen, was ich hier begonnen habe.

Übersetzung aus dem Englischen

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