Man muss Enttäuschungen vergessen lernen. Sabine Christiansen

„Die Trennung von Realem und Virtuellem ist obsolet“

Die Digitalisierung hat längst auch die Kunst überrollt und neu formiert. Ob Biennale oder documenta, keine Ausstellung ohne digitale Kunst. Gerfried Stocker, Geschäftsführer der Ars Electronica, spricht im Interview mit Bastian Steineck über die Chancen dieser Entwicklung, die obsolete Trennung von Realem und Virtuellem und warum wir das Bedürfnis haben, technische Geräte zu streicheln.

The European: Im Zuge der Unruhen im Nahen Osten war von einer „digitalen Revolution“ die Rede. Hat die Digitalisierung nicht längst Einzug in all unsere Lebensbereiche gehalten – und die wirklichen Umwälzungen finden vielmehr auf der Straße statt?
Stocker: Selbst überall dort auf der Welt, wo es noch nicht einmal Steckdosen gibt in einem Umkreis von ein paar Kilometern, werden die Lebensumstände der Menschen ganz massiv beeinflusst von Prozessen, die in dieser Form nur durch die digitale Welt möglich sind. Das bedeutet, dass wir uns von der immer wieder gedachten Trennung zwischen dem „Realen“ und dem „Virtuellen“ oder dem „Digitalen“ lösen müssen – sie war nie richtig und ist mittlerweile völlig obsolet. Alleine die Tatsache, dass sich in Ägypten Gruppierungen von jungen Menschen über gut drei Jahre hinweg minutiös formiert und ausgetauscht haben in einem Staat mit diesen Repressionen, ist ein wahnsinniger Effekt. Es wurde deutlich, wie das alte, analoge Regime alle Methoden und Tricks durchgespielt hat, die bisher immer erfolgreich Proteste ins Leere laufen lassen konnten, aber nun scheiterten. Die Auswirkungen des Digitalen sind also mittlerweile gar nicht mehr davon abhängig, wie viele Steckdosen, Computer oder Handys zur Verfügung stehen. Die spannende Nagelprobe in den nächsten Jahren wird sein, welche Rolle soziale Netzwerke nicht nur beim Umsturz alter Strukturen spielen, sondern ob sie auch beim Aufbau einer neuen, offeneren, demokratischeren Gesellschaftsform helfen können.

„Wir sind aus der Kinderstube dieses Mediums herausgewachsen“

The European: Die Digitalisierung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten derartig beschleunigt, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie sich mit vergleichbarem Tempo weiterentwickeln kann.
Stocker: Ein Erfolg ist gleichzeitig auch ein großer Bremsklotz für die Dynamik. Wir sehen, dass auch im Bereich der technischen Anwendungsinnovationen die Kurve immer flacher wird. Unsere PCs werden ein bisschen kleiner, ein bisschen schneller und hübscher, aber das Konzept PC ist seit dem Ende der 70er-Jahre das gleiche. Nur Designfaktoren und technische Features werden verbessert. Die Industrie ist allerdings extrem erfolgreich – und sobald diese Dynamik einsetzt, hat kaum jemand mehr Interesse an wirklich neuen Innovationen. Das würde nämlich bedeuten, dass der ganze IT-Markt ins Wanken gerät und sich erfolgreiche Firmen neu formieren müssen. Je größer die Dynamik wird, einen bestehenden Erfolg zu stabilisieren, desto geringer wird die Innovationsdynamik.

Bei der Kunst gibt es diese Dynamik nicht, dort greifen andere Mechanismen. Für Künstler war es viele Jahrzehnte lang sehr wichtig, sich auszuprobieren, auszuloten, zu explorieren: Was kann man mit dem Computer tun? Wie sind seine Auswirkungen auf Kulturpraktiken, wie kann man sie für sein eigenes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten zum Einsatz bringen? Aus dieser Kinderstube des Mediums sind wir zunehmend herausgewachsen und ein Gutteil von Künstlern hat mittlerweile solide Erfahrung mit diesen Medien und entwickelt sie weiter. Auch hier sehen wir die von Anfang an obsolete Trennung zwischen realer und digitaler Kunst: Für den Großteil der praktizierenden Künstler hat sie nie eine große Rolle gespielt. Bei der Reflexion über die konkreten Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Weltbild und unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten ist dagegen nach wie vor noch eine Menge zu tun. Diese Revolution ist noch lange nicht vorbei. Die technologische Phase haben wir hinter uns – da merken wir, dass es nicht viel weiter geht. Ein iPad ist nichts anderes als ein größeres iPhone. Die qualitativen Sprünge sind kleiner geworden. Wir stecken also mitten im kulturellen Verdauen dieses großen Happens, den wir in der Gier auf das Neue geschluckt haben – und jetzt müssen wir irgendwie schauen, wie wir damit als Gesellschaft umgehen können.

The European: Ist dieser Verdauungsprozess erst dann vorbei, wenn Computerkunst auch in den großen Ausstellungsräumen von Museen akzeptiert wird?
Stocker: In bestimmten Bereichen sind wir so weit: Keine Biennale in Venedig, keine documenta in letzter Zeit, bei der nicht auch die Digitalprojektionen, Bilder und Töne aus dem Computer ein ganz elementarer Bestandteil sind. Die eigentliche Erfolgsgeschichte ist, dass sie sich nicht als singuläre Form der Kunst einigelt, sondern dass sie ganz viele Bereiche des Kunstschaffens unterwandert und in sie hineinwirkt. Die Aufgabe der digitalen Kunst, der Computer- und Medienkunst ist dann erfüllt, wenn wir als Kultur und Gesellschaft mit diesen neuen Medien und mit ihren Dynamiken umgehen können. Wenn wir die Auswirkungen nicht nur verstehen, sondern sie auch moderieren können. Ob das überhaupt jemals möglich ist, ist eine andere Frage. Diesen gesellschaftlichen Verdauungsprozess, diesen kulturellen Assimilationsprozess müssen die Künstler begleiten, mit Geschichten, Symbolen und Bildern, die uns dabei helfen, die Realität und ihre Veränderungen zu verstehen.

„Die Lust für das Analoge wird der Mensch nie verlieren“

The European: Spielt die Digitalisierung in diesem Prozess womöglich eine derartig starke Rolle, dass nachfolgende Generationen mit dem Analogen nicht mehr umgehen können, weil sie mit dem Digitalen aufwachsen und den Respekt davor verloren haben?
Stocker: Es mag Zukunftsvisionen geben und Gedankenexperimente, aber wir sind als Menschen physische Wesen in einer physischen Welt. Das beste Beispiel für die Dominanz des Analogen ist der Erfolg von Produkten wie iPhone und iPad: Plötzlich haben wir Geräte, die wir mit den Fingern sensitiv spüren können. Am normalen Computer hämmern Sie auf die Tastatur. Beobachten Sie mal jemanden, der ein iPhone benutzt: Den ganzen Tag streicheln wir dieses Ding, nicht mit der Fingerkuppe, sondern mit dem wesentlich weicheren und mit mehr Nervenzellen verbundenen Ballen des ersten Fingergliedes. Da passiert mehr als die Begeisterung für ein dünnes, schwarzes Gerät. Der Erfolg liegt darin, dass man endlich wieder zwei Finger richtig benutzen kann. Und das ist nur ein kleiner Ausblick, wie wichtig die Reetablierung des Physischen, des Haptischen in der weiteren Entwicklung sein wird. Die Lust für das Analoge, für das Reale wird der Mensch nie verlieren.

Heute sind Computer und Internet für Kinder so normal wie für meine Generation das Radio. Das führt nicht zu einer Abstumpfung gegenüber dem Analogen, sondern eher gegenüber dem Digitalen. Darin sehe ich ein Gefahrenpotenzial: Das Gefühl dafür, was mit den Geräten einhergeht, geht verloren. Was passiert eigentlich, wenn wir ein Handy einschalten? Wir loggen uns in ein lückenloses Überwachungssystem ein, das uns sekundengenau erfassen kann. Wenn wir spät abends alleine durch eine dunkle Gasse gehen und Schritte hinter uns hören, funktioniert es evolutionär eingeprägt in unserem Hirn, dass wir aufmerksam werden. In der digitalen Welt haben wir das nicht. Wir können nichts hören, riechen oder schmecken – und deshalb verstehen die Menschen gar nicht, was für einen massiven Eingriff die Vorratsdaten eigentlich darstellen. Die Gefahr besteht darin, dass das Digitale noch viel normaler und selbstverständlicher wird und dass dann die Möglichkeiten schwinden, Menschen dafür zu sensibilisieren, dass individuelle Autonomie massiv untergraben wird. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.

The European: Bestehen diese Schattenseiten auch bei digitaler Kunst, die zwar mehr Möglichkeiten bietet als analoge, aber auch ein größeres Maß an Kompetenzen erfordert?
Stocker: Dieses kritische Aufzeigen und Untersuchen ist ohnehin eine wichtige Aufgabe von Kunst. Es gibt spannende Strategien, die etwas mit Emanzipation eines Einzelnen zu tun haben: Do-it-yourself- und Open-Source-Bewegungen, die nicht aufzeigen wollen, wie gefährlich die Datenspeicherung ist, sondern dazu auffordern, die Bedeutungen selbst zu verstehen und sie selbst in die Hand zu nehmen. Es ist eine weitreichende Allianz zwischen Künstlern und alternativen Technologieentwicklern entstanden in einer Form, die man in anderen Kunstbereichen wohl kaum kennt: Künstler tragen dazu bei, dass frei zugängliche Software entwickelt wird, an der andere auch ihre Kreativität ausleben können – das ist ein Aspekt, der digitale Kunst ganz entscheidend von anderen Kunstformen unterscheidet.

„Technologie kann sich nicht von den Menschen lösen“

The European: Hat sich der Creative-Commons-Ansatz, der beispielsweise für im Internet publizierte Texte heftig diskutiert wird, in der Kunst also schon längst erfolgreich etabliert?
Stocker: Die Kunst ist in diesem Bereich ein Prototyp, ein Labor, in dem Dinge ausprobiert werden, die dann Jahre später plötzlich zu erfolgreichen Geschäftsmodellen werden können. In den 80ern hat ein Künstlerkollektiv eine Art „Big Brother“ ausprobiert, sich eine Woche lang im Container verbarrikadiert und nur über Fernsehkanäle nach außen kommuniziert. Genau dieses Format wurde später von Endemol kommerziell vermarktet. Die Künstler wollten damals kein Fernsehformat oder Businessmodell erfinden, sie haben vorhergesehen, dass dort eine neue Form der medialen Realität auf uns zukommt. Es gibt eine Reihe von Beispielen, bei denen Künstler zehn Jahre vorexerziert haben, was später in die Industrie gekommen oder Alltagsgegenstand geworden ist. Kunst dient quasi als Experimentallabor für die Zukunft – wobei es nie darum gehen darf, nur mit der Technik zu spielen, sondern mit ihren Bedeutungen zu experimentieren. Über diese Annäherungen lernen wir, aus den Möglichkeiten, die die Technologie uns bietet, das Beste herauszuholen.

The European: Wie hat sich die Schnittmenge zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft im Laufe der Zeit verschoben? Ist der Mensch offener, neugieriger geworden?
Stocker: Jede einzelne Technologie ist von uns Menschen erdacht und entwickelt, sie kann sich nicht von der Gesellschaft loslösen. Und der Einzelne kann die Verantwortung dafür nicht wegschieben – jeder muss teilnehmen und mitbestimmen. Ich bin ein hoffnungsvoller Optimist und sehe, dass die Bereitschaft der Gesellschaft zur Partizipation zunimmt. Nehmen wir Wikipedia: Es ist selbstverständlich geworden, dass die größte Wissensansammlung ohne kommerziellen Background von Hunderttausend Menschen gemeinsam betrieben wird, damit andere davon profitieren können. Die Möglichkeiten, das Potenzial, das Interesse ausleben zu können, hat enorm zugenommen. Die Hebelwirkung zwischen der Ambition einzelner Menschen, etwas beizutragen, und der Wirkung, die sie damit entfalten, ist durch die digitalen Medien massiv verstärkt worden.

The European: Wohin steuert die digitale Kunst in absehbarer Zukunft?
Stocker: Es wird weiterhin auch alle klassischen Kunstformen geben: Formen des menschlichen Ausdrucks, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben. Es wird aber auch in eine Richtung gehen, in der das rein digitale Kunstschaffen noch viele Formen entwickelt, die wir uns heute nur schwer vorstellen können. Wir sind noch immer in einer Phase, in der hauptsächlich versucht wird, vorhandene Ausdrucksformen, Ideen, Gestaltungsmöglichkeiten zu imitieren. Noch weiß eigentlich niemand so richtig, wo das Neue sein wird. Erst nach einer bestimmten Zeit wird sich herausstellen, welche Ideen spannend und wirklich neu sind. Die Kunst ist ein permanentes Experiment, in der das Hinterfragen und das Neuentdecken ständig weitergehen. Wir stecken stärker als je zuvor in einer Technik- und Wissenschaftskultur, und umso wichtiger, spannender, zukunftsträchtiger ist auch die Rolle der Kunst.

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