Bis zur Bundestagswahl im nächsten Jahr führt kein Weg an Angela Merkel vorbei. Kein Ereignis, das die Kanzlerin von der Spitze der Union drängen könnte, ist derzeit wirklich denkbar. Zu fest sitzt Merkel im Sattel. Ohnehin, je näher die Wahlen rücken, desto stärker wird der Druck innerhalb der Union, sich hinter ihrer Kanzlerin zu scharen und die Reihen geschlossen zu halten. Angriffe auf Merkels Person werden in dieser Zeit sicher als Angriff auf die Partei allgemein interpretiert und deshalb auf geballten Widerstand treffen.
Die Agenda-Setterin und der Kanzler-Typ
Es stellt sich jedoch die Frage, was passiert, wenn die Union die Wahlen verlieren sollte: Wer wird dann das Ruder in der Partei übernehmen? Merkel wäre wohl nach einer Wahlniederlage nicht mehr lange die Chefin der Partei. In der Vergangenheit war es dann oftmals so, dass Spitzenpolitiker aus den Ländern nachgerückt sind. In der Riege der CDU-Ministerpräsidenten hat aktuell höchstens Niedersachsens David McAllister dazu das Potenzial. Doch nur wenn McAllister die im Frühjahr anstehende Landtagswahl gewinnt, bringt er auch das nötige politische Gewicht mit. Die letzten Umfragewerte lassen an seinen Erfolgschancen zumindest zweifeln.
Deshalb dürfte Merkels Nachfolger mit großer Wahrscheinlichkeit aus Berlin kommen. Zwei Favoriten kristallisieren sich heraus: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Von der Leyen hat definitiv das passende Engagement und den Willen. Und dass sie in der Lage ist, für die Partei Themen zu setzen, hat sie bewiesen. Als von der Leyen noch Familienministerin war, entdeckte sie das Thema Frauen und Familie für die CDU wieder. Aktuell hat sie, wenn auch mit im Einzelnen umstrittenen Vorschlägen, die Punkte Rente und Altersarmut auf die Agenda der Partei gehoben und damit die SPD unter Zugzwang gesetzt. Innerhalb der Partei gibt es jedoch einigen Widerstand ihr gegenüber.
Weniger sichtbar, aber deshalb nicht weniger aussichtsreich ist Thomas de Maizière. Merkels Verteidigungsminister ist zwar kein geborener Wahlkämpfer, wäre dafür aber ein guter Kanzler. Die Bürger dürften ihm diese Aufgabe durchaus zutrauen: De Maizière hat sich in den Umfragen unauffällig, doch stetig immer weiter nach vorne geschoben. Ihm hilft dabei seine unprätentiöse Art – er wirkt im wahrsten Sinne des Wortes als „Staatsdiener“. Anders als viele männliche Politiker vermittelt er nicht den Eindruck, als müsse er sich ständig in den Vordergrund drängen. Als einstiger Kanzleramtsminister arbeitet er unauffällig, aber äußerst effizient. Deshalb wird de Maizière auch innerhalb der Partei geschätzt.
Niemand kann Merkel das Wasser reichen
Abgesehen von diesen beiden gibt es in der Union derzeit kaum jemanden, der Merkel das Wasser reichen kann. Dass es keinen echten „Thronfolger“ gibt, ist allerdings nicht ungewöhnlich. Weder Adenauer noch Brandt oder andere sozialdemokratische Kanzler haben Nachfolger aufgebaut. Kohl hat zwar offiziell versucht, Wolfgang Schäuble als Kronprinzen zu positionieren, aber in Wirklichkeit wollte er das gar nicht. Prinzipiell hat kein Amtsträger Interesse an einer Nachfolgerdebatte. Dies ist also kein Alleinstellungsmerkmal von Merkel.
Zweifellos hat Angela Merkel kaum noch Konkurrenten in ihrer eigenen Partei, zum Teil, weil sie auch das durch aktive Hilfe selber herbeigeführt hat. So hat sie Christian Wulff in das goldene Gefängnis des Schlosses Bellevue expediert und den früheren baden-württembergischen Ministerpräsident Oettinger nach Brüssel befördert. Aber bei Roland Koch war es schon ganz anders; der wechselte freiwillig in eine einflussreiche wirtschaftspolitische Position, weil er keine Chance sah, Kanzler zu werden. Die Gründe, warum manche Parteifreunde Merkels aus der Politik ausschieden, waren teilweise sehr unterschiedlich, so bei Ole von Beust, der aus privaten Gründen ausschied. Ähnliches gilt für andere auf der Liste.
Die Union wird mit Merkel in die Bundestagswahl gehen. Gewinnt die Kanzlerin, hat sich die Diskussion ohnehin erledigt. Verliert sie, sind von der Leyen oder de Maizère am Zug.
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