Fast alle Reiche entstehen durch Gewalt, aber keines kann durch Gewalt erhalten werden. Henry Kissinger

„Der Verlust von Ballack wird die Mannschaft nach vorne bringen“

Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika trägt er nicht mehr das weiße Trikot der Nationalmannschaft, sondern das blaue Mikrofon der ARD. Gerald Asamoah hat sich über Umwege die Teilnahme an seiner Traum-WM gesichert.

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The European: Wie ist es für Sie, dieses Mal von außen die WM zu betrachten? Freuen Sie sich auf die Berichterstattung?
Asamoah: Na, es ist schon schade. Mein Traum war immer, einmal gegen Ghana zu spielen. Ich merke jetzt mehr denn je, wie es ist, nicht dabei zu sein. An den letzten beiden Weltmeisterschaften habe ich teilgenommen. Es ist immer ein unglaubliches Erlebnis.

The European: Werden Sie vor Ort in Südafrika sein?
Asamoah: Ja, in meiner Funktion als Kommentator für das ARD-Morgenmagazin werde ich gemeinsam mit Nia Künzer viel in Südafrika sein.

The European: Wie sehen Sie die Chancen der deutschen Mannschaft?
Asamoah: Deutschland ist und bleibt eine Turniermannschaft. Egal, was jetzt wieder gesagt und geschrieben wird. Wir haben im Turnier immer Topleistungen abgeliefert und ich denke schon, dass wir weit kommen können. Mit den ganzen jungen Spielern wäre das Halbfinale schon ein Riesenerfolg.

The European: Zu welchen aktuellen Spielern haben Sie noch den meisten Kontakt? Wie ist Ihrer Meinung nach die Stimmung?
Asamoah: Natürlich zu Manuel Neuer. Zu den anderen eigentlich nicht mehr. Mit Manu schreibe ich ab und zu SMS. Für ihn wird das jetzt auch eine ganz besondere Situation durch den Ausfall von Rene Adler. Plötzlich bist du die Nummer eins bei einer WM.

Ich habe mich geschämt, im ghanaischen Trikot rumzulaufen

The European: Die erste WM in Afrika. Was geht da in Ihnen vor? Was erwarten Sie von diesem Ereignis auf dem Kontinent?
Asamoah: Ich finde es toll, dass alles doch geklappt hat. Wir alle hatten doch vor ein paar Jahren noch erhebliche Zweifel. Jetzt freue ich mich, dass Südafrika und der ganze Kontinent endlich zeigen können, zu welchen Leistungen sie in der Lage sind.

The European: Ihre Beziehung zu unserem Vorrundengegner Ghana ist eine ganz besondere. Sie sind dort geboren und regelmäßig dort, wenn es Ihre Zeit erlaubt. Wie schätzen Sie das Spiel ein, vor allem nach dem Vorfall zwischen Boateng und Ballack?
Asamoah: Ja, ich finde das immer noch ziemlich unglaublich. Ich war als Jugendlicher beim Spiel Deutschland gegen Ghana in Bochum. Das ging damals 6:1 für Deutschland aus und ich habe mich damals geschämt, mit dem ghanaischen Trikot rumzulaufen. Heute spielt Ghana gegen Deutschland bei der WM!

The European: Wie stehen Sie zu den massiven Anfeindungen gegenüber Boateng, vor allen Dingen über die sozialen Netzwerke wie Facebook? Sind Sie Mitglied in einer Boateng-Dislike-Gruppe?
Asamoah: Also, man konnte ja sehen, dass sich die beiden schon vorher im Spiel in die Haare gekriegt haben. Ich bin mir aber absolut sicher, dass Boateng nicht absichtlich diese Verletzung in Kauf genommen hat. Das macht kein Fußballer. Ich habe aber das ganze Boateng-Bashing später durch die Medien mitbekommen. Bei Facebook war mir das gar nicht aufgefallen. Ich glaube aber, dass der Verlust von Ballack die Mannschaft an sich nach vorne bringen und zusammenschweißen wird.

The European: In Ihrer Karriere haben Sie sehr viel erlebt: Den Rassismus im Stadion, unter Spielern, diverse Vereinswechsel und Sie sind der erste in Afrika geborene Nationalspieler Deutschlands. Wie haben sich der Fußball und sein Umfeld in den letzten Jahren verändert?
Asamoah: Es hat sich wahnsinnig viel verändert. Als ich anfing zu spielen, war die deutsche Nationalmannschaft für mich selber nur ein Traum. Ich wurde in Stadien ausgebuht und beschimpft. Ein paar Jahre später stehe ich als erster Afrikaner im Aufgebot von Rudi Völler. Ich konnte an zwei Weltmeisterschaften teilnehmen und mittlerweile spielen in jeder Jugendauswahl des DFB farbige Spieler. In den letzten Jahren hat sich generell vor allem der Druck auf die Spieler immer mehr erhöht. Der Sport wird immer konzentrierter und ehrgeiziger. Ein junger Spieler kann sich schon in der Jugend keine Fehler mehr leisten und das zieht sich bis ins Profileben durch. Wenn ich dann auch noch die Summen sehe, für die viele Spieler auf der Welt transferiert werden, merkt man, unter welchem Druck alle Beteiligten stehen.

The European: Viele Sportler und Stars engagieren sich in Stiftungen und gründen eigene. Sie selber haben 2007 die Gerald-Asamoah-Stiftung für herzkranke Kinder gegründet. In Ihrem Fall ist die Initiative eng mit Ihrem eigenen Schicksal verbunden. Ihre Karriere schien damals ein frühes Ende zu nehmen, nachdem Ärzte eine Herzkrankheit bei Ihnen festgestellt haben. Was ist damals im Kopf eines gerade 19-Jährigen vorgegangen?
Asamoah: Es war unglaublich. Ich habe für den Fußball gelebt. Mit Hannover war ich gerade aufgestiegen und stand vor einer großen Zukunft und dann sagen mir plötzlich Ärzte, dass ich nie mehr Sport treiben kann. Für mich ist im ersten Moment eine Welt zusammengebrochen, aber mein Glaube hat mir schnell wieder die Kraft gegeben und den Willen, diese Situation zu meistern. Wer hätte damals gedacht, dass ich in der Nationalmannschaft spielen werde? Es gab für mich auch nie einen Plan B – eine Alternative zum Fußball kam für mich nie infrage.

Unser Vertrauen in unseren Glauben hat uns stark gemacht

The European: Wie sehr hat dieses tägliche Risiko, dem Sie auf dem Platz ausgesetzt waren, Ihre Familie belastet?
Asamoah: Es war schlimm. Meine Familie hat aber voll und ganz hinter mir gestanden. Trotzdem war da diese Angst, auch bei mir. Jedes Mal, wenn ich am Anfang nach einem Sprint schwer atmen musste, habe ich selber Panik bekommen. Jedes Mal, wenn ich nach einem Zweikampf am Boden lag, haben sich meine Frau und meine Familie Sorgen gemacht. Unser gemeinsames Vertrauen in unseren Glauben hat uns aber stark gemacht.

The European: Was ist Ihre Hoffnung für die Stiftung? Wie wollen Sie diese nachhaltig gestalten?
Asamoah: Es geht darum, Kindern in Ghana zu helfen, die früh eine Herzkrankheit diagnostiziert bekommen. Diesen Kindern will ich mit der Stiftung und mit vielen Freunden und Experten zusammen helfen. Als ich 2008 die kleine Hannah nach Deutschland geholt habe und in Hannover habe versorgen lassen, ist mir bewusst geworden, dass ich mehr dazu beitragen möchte, dass Kinder wie Hannah schneller und besser versorgt werden können. Wenn meine Stiftung dazu beitragen kann, bin ich glücklich. Durch mein eigenes Leben kann ich so viele Erfahrungen mitbringen. Ich kenne Ghana, ich kenne Deutschland und ich kenne die Situation, in der die Kinder sind.

The European: Wie weit sind die Pläne, ein Kinderherzzentrum in Accra, der Hauptstadt von Ghana, zu gründen?
Asamoah: Das ist mein persönlicher Wunsch und das erste große Ziel meiner Stiftung. Das Projekt läuft gerade an und ich freue mich über jede Unterstützung zur Umsetzung dieses Traums. Wir können hier wirklich einen wundervollen Beitrag für die Kinder in Ghana leisten.

The European: Nach über zehn Jahren werden Sie den FC Schalke in diesem Sommer verlassen und beim FC St. Pauli anheuern. Von einem Kultclub zum nächsten. Trotzdem ist viel anders in St. Pauli. Worauf freuen Sie sich, wie kommen Sie zu diesem Schritt?
Asamoah: Die Atmosphäre am Millerntor war immer großartig und ich habe dort immer sehr viele Sympathien für mich gespürt. Ich freue mich, mit meinen Erfahrungen diesem jungen Team weiterhelfen zu können. Das ist noch einmal eine tolle Herausforderung für mich. Ich will spielen und Tore schießen. Schalke zu verlassen fällt mir nicht leicht. Der Verein hat sich in den letzten Jahren in die richtige Richtung entwickelt. Durch Felix Magath entstehen gute Bedingungen für junge Spieler.

The European: Wo sehen wir Sie bei der EM 2012?
Asamoah: Ach, das Thema Nationalmannschaft ist für mich abgehakt. Da sind so viele talentierte, junge Spieler – denen überlasse ich gerne das Feld.

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