Jede Partei ist für das Volk da und nicht für sich selbst. Konrad Adenauer

Bei Anruf Verrat

Neue Medien, alte Ängste: So wie Internetnutzer heute vor der NSA zittern, schlotterten im 19. Jahrhundert den ersten Telefonbesitzern die Knie. Zumindest, wenn sie das folgende Editorial aus der „New York Times“ von 1877 gelesen hatten.

Es ist an der Zeit, die abscheuliche Natur des Telefons öffentlich zu machen und seine vielen Erfinder zu verdammen. Seit der Einführung dieser verruchten Technologie haben wir uns anhören müssen, dass ihr Zweck ein durchweg unschuldiger sei. Wir haben uns sagen lassen, dass ein Mensch in New York dank des Telefons hören könne, was ein anderer Mensch in Philadelphia zu sagen hat. Doch es ist uns unverständlich, warum wir uns jemals für die Worte eines Menschen aus Philadelphia interessieren sollten – sie drehen sich doch ohnehin nur um die Weltausstellung und um Dampfschiffe –, aber das bedeutet noch nicht, dass diese Technologie zwangsläufig amoralisch wäre.

Dann wurde argumentiert, dass man dank des Telefons mit Menschen in der gleichen Stadt sprechen könne oder dass die Reden der Politiker aus Washington in jede Stadt des Kontinents übertragen werden könnten. Zum Zeitpunkt dieser Verkündigung hielt der Präsident gerade eine Rede, und die Öffentlichkeit machte sich daher keine großen Gedanken über die möglichen Konsequenzen einer Übertragung aus der Hauptstadt. Erst als bekannt wurde, dass auch das Getöse des Begleitorchesters übertragen würde, machte sich langsam Unsicherheit breit.

Die dunkle Macht des Telefons

Bis heute wird weitgehend verschwiegen, wie viel Unsinn sich mit dem Telefon anstellen lässt. Seine Erfinder haben die eigentliche Funktion dieser neuen Technologie erfolgreich verschwiegen. Nur durch Zufall ist die Dringlichkeit der Gefahr für die Öffentlichkeit bekannt geworden.

Der Verdacht hätte eigentlich erwachen sollen, als jüngst bekannt wurde, dass die Laternenmasten¬ in unserer Stadt künftig mit Telefondrähten verbunden werden sollten. Wenn nun ein Politiker vertraulich an einem der Masten in die Leitung hineinspricht, so kann diese Unterhaltung problemlos an einem anderen Masten über ein angeschlossenes Telefon abgehört werden. Der Plan war ursprünglich zur Unterstützung der Polizei gedacht: Streifenpolizisten wurde empfohlen, über die Telefondrähte mit dem Hauptquartier zu kommunizieren. Es war allerdings offensichtlich, dass jede Laterne gleichzeitig zu einem Spion werden würde, mit dem sich mitternächtliche Gespräche abhören ließen.

Männer, die sich jahrelang den Laternenmasten bedenkenlos anvertraut hatten und auf die Vertraulichkeit dieser Unterhaltungen setzten, würden sich schamlos betrogen sehen; ihre Selbstgespräche würden vor ihren empörten Familien ausgebreitet werden. Es überrascht, dass diese dunkle Macht des Telefons kaum Aufmerksamkeit erregt hat und wahrscheinlich von den meisten schon wieder vergessen wurde.

Eine Reihe von Ereignissen in der Stadt Providence hat die furchterregenden Eigenschaften des Telefons in jüngster Zeit allerdings wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Zwei Männer, denen man nach der derzeitigen Faktenlage keine bösen Absichten unterstellen kann, experimentierten mit einem Telefon, das mit einem vier Meilen langen und über unzählige Häuser geführten langen Kabel verbunden war. Sie berichten, dass sie abends mithören konnten, wie Männer und Frauen Lieder sangen, wie Priester eloquente Predigten probten und mehrere Menschen sich amateurhaft als Blechbläser versuchten. Jeden Abend wiederholte sich das Schauspiel – und am Sonntagmorgen wurden sie überschwemmt von einem Gewirr Predigten.

Das sind die Fakten, die sich im Bericht der beiden Männer finden – und es gibt Gerüchte, dass sie noch andere Geräusche mithören konnten, über die man besser nicht öffentlich schreiben sollte: Das Gejaule tausender Katzen wurde von dem Telefondraht aufgesogen. Die intimen Gespräche von Ehemännern und Ehefrauen wurden übertragen, obwohl es oftmals unmöglich war, zwischen den Gesprächen der Smiths und der Browns zu unterscheiden und beispielsweise zu sagen, von wem der Ausruf stammt, „Das lass dir gesagt sein!“, oder wer aufschrie: „Lass meine Haare los!“ In jedem Fall haben die beiden genug über die prominenten Familien von Providence gelernt, um deren politischen Kandidaturen unmöglich zu machen.

Das Telefon ist zu verdammen!

Es ist inzwischen bestätigt, dass der Telefondraht der beiden Männer nicht mit einem anderen Telefondraht verbunden war. Es kann daher ausgeschlossen werden, dass Unterhaltungen während ihrer Übertragung zwischen zwei anderen Telefonen aus Versehen abgefangen wurden. Außerdem können wir davon ausgehen, dass Katzen keine Telefonate führen und dass die Stadtoberen nicht am Telefon mit ihren Frauen über ihr Haupthaar verhandeln.

Die wissenschaftlichen Experten haben daher keine Bedenken, wenn sie sagen, dass der Telefondraht die Geräusche seiner Umgebung durch Induktion aufgenommen und übertragen hat. Über einer Kirche nimmt der Draht beispielsweise die Rede des Predigers auf, und in gleicher Weise macht er sich auch die Geräusche der Konzertsäle und Privathäuser zu eigen, über deren Dächern er verläuft. Das Miauen lässt sich damit erklären, dass der Draht entlang der Dächer und damit auch entlang der nächtlichen Horte der Katzen verlief.

Jetzt können wir verstehen, welche Gefahr vom Telefon ausgeht. Wenn ein Schurke sein Telefon an das Leitungsnetz anschließt, bedeutet das ein unmittelbares Ende jeder Privatsphäre. Jede unbedachte Äußerung von Schülern über die Marsmonde würde über Hausdächer hinweg ans Ohr des Bösewichts gelangen. Ein Mann kann seine Türen und Fenster schließen, seine Schlüssellöcher verstopfen und seinen Schornstein mit Tüchern blockieren, aber seine Äußerungen können trotzdem mitgehört werden. Nur in der totalen Stille ist Sicherheit weiterhin möglich. Unterhaltungen werden sich auf das geschriebene Wort beschränken und Liebhaber werden sich über gemalte Symbole austauschen müssen.

Eine Erfindung, deren Konsequenz die absolute Stille ist, kann gar nicht genug verdammt werden. Und während Gewalt immer abgelehnt werden sollte – sogar Gewalt zur Selbstverteidigung –, so besteht doch wenig Zweifel daran, dass der Tod der Erfinder und Hersteller des Telefons das notwendige Vertrauen wiederherstellen würde, das aus Sicht der Finanziers essentiell für eine lebendige Wirtschaft ist.

Übersetzung aus dem Englischen

Textauszug aus dem Editorial der „New York Times“ (13. November 1877)

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Böhling, Joachim Nikolaus Steinhöfel, Marcus von Jordan.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 2/2014.

Darin geht es u.a. um die Liebe: Sie ist die letzte Unbekannte in unserer Welt. Wir lassen diskutieren, warum sie immer noch unser Leben diktiert. Weitere Debatten: das Erbe der Großen Koalition, die Grenzen des Teilens und warum die Renaissance des Kommunismus ausbleibt. Dazu Gespräche mit Sahra Wagenknecht, Marina Abramović, und Viviane Reding.

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