Mikrofone sind das einzige, was Politiker sich gerne vorhalten lassen. Frank Elstner

„Auf einmal fielen alle über mich her“

Von der politischen Hoffnunsträgerin zur Feindin in der eigenen Partei: Caroline Jebens und Thore Barfuss sprechen mit Gabriele Pauli über ihren Umgang mit den Medien, die Zeit nach der Politik und das Frausein in der CSU.

The European: Frau Pauli, Sie sind im letzten September aus der Politik ausgeschieden: Wie fühlen Sie sich damit?
Pauli: Ich fühle mich gar nicht so ausgeschieden (lacht). Durch meine Lesungen spreche ich viel vor Publikum. Das ist nicht viel anders als Politik, nur nicht so kontrovers.

The European: Im Zuge des Stoiber-Sturzes standen Sie eine Zeit lang bundesweit im Rampenlicht. Fehlt Ihnen diese Aufmerksamkeit heute?
Pauli: Überhaupt nicht. Ich war schon die letzten Jahre parteilos, wodurch die öffentlichen Auftritte nachgelassen haben.

The European: Wie haben Sie Ihre Beziehung zu den Medien empfunden: Als Geben und Nehmen oder einseitig?
Pauli: Ich hatte damals eine politische Absicht. Dafür waren die Medien als Transmitter sehr wichtig. Mein politisches Ziel wurde sicherlich auch deshalb erreicht, weil die Medien und die Öffentlichkeit damals selbst gegen Stoiber eingestellt waren.

„Bayern war erschüttert“

The European: Der Untertitel Ihrer Biografie lautet: „Fortschritt braucht Provokation.“
Pauli: Ich habe meine Meinung damals sehr laut vertreten, um politisch etwas voran zu bringen. Ohne Öffentlichkeit wäre kein Wandel eingetreten. Ich musste diesen Weg gehen, auch wenn ich hinterher als Nestbeschmutzerin bezeichnet wurde. Aber in diesem Nest saßen zu viele Leute, die da nicht reingehörten.

The European: Die Medien waren das notwendige Instrument zur Provokation.
Pauli: Die CSU wäre ohne die öffentliche Debatte im Dämmerschlaf geblieben. In dem Moment, als ich Kritik anbrachte, haben sich andere mir angeschlossen. Zumindest anfangs. Denn einige meiner früheren politischen Freunde wurden schnell zurückgepfiffen. Sobald es für die Mächtigen in einer Partei unangenehm wird, versuchen diese im Hintergrund zu wirken. Je festgefahrener die Struktur ist, desto schärfer das Vorgehen gegen Kritiker.

The European: Sind die Machtstrukturen bei der CSU besonders festgefahren?
Pauli: Die CSU ist ziemlich verfilzt. Sie hat lange unumstritten in Bayern regiert, durch diese Vormacht kann sie in viele Bereiche des Freistaates hineinregieren. Das führt dazu, dass Linientreue im öffentlichen Leben und vielen Organisationen und staatlichen Einrichtungen sind.

The European: Sie haben wie keine zweite Frau in der CSU schlechte Erfahrungen mit Medien und Partei gemacht. Warum gerade Sie?
Pauli: Es hat wohl noch niemand in Bayern so laut an die Tür der Macht geklopft. Als Landrätin hatte ich eine starke Basisverankerung. Ich konnte selbstständig und ohne Angst vor Druck agieren. Nun war die Macht eines gewaltigen Netzwerks gefährdet. Bayern war erschüttert.

„Ich war beliebt und damit gefährlich“

The European: Sie betonen die „selbstständige Frau“. Haben es Politikerinnen in Deutschland schwerer?
Pauli: Ich war die bis dahin einzige Landrätin der CSU. Eine politisch engagierte Frau passt nicht ins Rollenbild dieser Partei. Es sind überwiegend die Männer, die sich politisch engagieren und dies als harte Arbeit empfinden. Wenn eine Frau kommt, die da mithält und das gleiche macht, und zusätzlich noch für die Familie Sorge trägt, irritiert das die Männer. Es mindert deren Leistung, ohne dass man es möchte. Aber es ist auch für eine Frau mit einem übermenschlichen Einsatz verbunden.

The European: Warum haben Sie sich dann gerade die CSU ausgesucht?
Pauli: Ich trat ein, weil die CSU mein Wertsystem vertrat, anfangs habe ich auch keine Widerstände gespürt. Landrätin wurde ich in einer Stichwahl gegen einen SPD-Politiker völlig unerwartet. Es war kein leichter Wahlkampf, der Sieg war für mich und die CSU sensationell. Ich wurde respektiert, denn ich hatte ja niemandem in der CSU seinen Posten streitig gemacht. Als dann im Zuge von Stoibers Rücktritt mein Name in den Medien für das Ministerpräsidentenamt gehandelt wurde, war ich zwar beliebt, schien aber in der Partei einigen Anwärtern für diese Position zu gefährlich. Deswegen wurde mir der Kampf erklärt.

The European: Im Laufe Ihrer Karriere ging es in der Öffentlichkeit oft um Ihr Äußeres. Hat Sie das gestört?
Pauli: Als ich noch Landrätin war, selten. Mal kam so etwas wie „Frankens schöne Landrätin“, da ging es aber wohl eher um mein Alter, ich war ja erst knapp über 30. Das fiel auf unter lauter meist älteren männlichen Kollegen. Als störend habe ich das nicht empfunden. Erst mit der Stoiber-Kampagne wurde gesagt: „Ist doch klar, dass sie erfolgreich ist, sie sieht gut aus.“ Das war eine Herabwürdigung!"

„Wenn es um Macht geht, werden unlautere Mittel eingesetzt“

The European: Gab es einen Moment, in dem Sie angefangen haben, sich über Ihr Image Gedanken zu machen und Ihr Verhalten in der Presse zu reflektieren?
Pauli: Bei mir war so viel los, ich hatte kaum Zeit, all die Artikel zu lesen. Ohne Pressereferent, der mir hätte zuarbeiten können, in einer Arbeitswoche mit 60 bis 70 Stunden und Abend- und Wochenendterminen, konnte ich das gar nicht bewältigen.

The European: Gab es einen persönlichen Wendepunkt in der Debatte?
Pauli: Beim Aschermittwoch in Passau, das war heftig. Plötzlich war ich eine Feindin in meiner eigenen Partei. Das war der endgültige Bruch, ab da begann die Kampagne gegen mich. Dann wurde aus den oberen Reihen der CSU wegen der Handschuh-Fotos gegen mich gehetzt, ein für mich ursprünglich unbedeutender Fototermin."

The European: Das inzwischen eingestellte Magazin „Park Avenue“ hatte Sie zwar hochzugeknöpft aber mit vermeintlichen Latexhandschuhen fotografieren lassen.
Pauli: Auf einmal fielen alle über mich her. Ich wurde in die Rotlichtecke gestellt. Ich dachte nur: „In welchem Film bin ich denn hier geraten?“ Sogar Alice Schwarzer, die mich anfangs für meinen Mut gelobt hatte, brachte mich später in Zusammenhang mit Pornografie. Von der Bildzeitung eine absichtlich in die Welt gesetzte Propaganda: Auf dem Foto ist nichts zu sehen, außer einer langen Hose, einer hochgeschlossenen Bluse und schwarze Handschuhen. Man wollte mir bewusst schaden, wie das Bundesverfassungsgericht jetzt feststellte."

The European: Sie sprachen im Kontext dieser Bilder von „Trickjournalismus“, dem die Menschenwürde egal sei. Haben Sie solche Erfahrungen mit den Medien auch gemacht, als es nicht so hoch her ging?
Pauli: Nein, davor nicht. So etwas passiert, wenn es um Macht geht. Dann werden unlautere Mittel eingesetzt. Ich sollte politisch vernichtet werden. Das ging bis zu der Aussage, die Fotos im „Park Avenue“ seien pornografisch! Der Kommentar Franz-Josef Wagners in der „Bild“ wurde in diesem Gerichtsurteil als „ehrverletztend“ gerügt.

The European: Der Bild-Kolumnist hatte sie 2007 unter anderem als „durchgeknallte Frau“ bezeichnet.
Pauli: Wagners Absicht war, meinem Ruf zu schaden: Wenn ein Journalist meint, er muss mich als damals sehr populäre Politikerin mit Behauptungen weit unter der Gürtellinie „runterschreiben“, dann ist das ein massiver Eingriff in demokratische Prozesse. Dazu haben Journalisten eben laut Bundesverfassungsgericht keine Legitimation.

The European: Haben Sie das Gefühl, dass Journalisten heute Politik machen?
Pauli: Eindeutig. In meinem Fall wurde gezielt versucht, das positive Bild von mir in den Medien umzudrehen. Das war kein reflektiertes Wiedergeben von politischen Vorgängen, sondern ein gezielter politischer Eingriff.

„Die Welt war in Ordnung für mich“

The European: Wie haben all diese Erfahrungen und die Debatte um Sie Ihre Sicht auf die Medien verändert?
Pauli: Darüber habe ich mir oft Gedanken gemacht. Ich habe Kommunikations- und Politikwissenschaften studiert, Schwerpunkt auf ersterem und hatte ein kommunikationstheoretisches Ideal verinnerlicht. Meine Pressearbeit war aus meiner Sicht sehr gut.

The European: Woran haben Sie das festgemacht?
Pauli: Ich habe immer versucht, alles zu beantworten und das wiederzugeben, was ich dachte. Über Public Relations habe ich promoviert: Demokratie lebt von Transparenz und öffentlichem Dialog. Ich wollte dies so umsetzen, aber dazu gehört auch ein Ehrenkodex auf Seiten der Journalisten. Wer mit einem zerstörten öffentlichen Bild leben muss, kann es nur mit sehr großem auch finanziellem Aufwand und möglicherweise auch Gerichtsverfahren wieder korrigieren.

The European: Ab wann hat das nicht mehr funktioniert?
Pauli: Wenn andere versuchen, etwas über dich zu finden, um es gegen dich zu verwenden, egal ob wahr oder nicht, dann ist jeder wehrlos. Was sollte ich denn machen, wenn ich ein blaues Kostüm trug und alle trotzdem schrieben: „Sie trägt rot“.

The European: Sie haben gesagt, dass sich in dieser Phase Ihr Wesen verändert hat. Wie waren Sie davor?
Pauli: Fröhlich und unbedarft, erfolgreich und beliebt. Die Welt war in Ordnung für mich. Man sagt, in Bayern hat man nur den weiß-blauen Himmel über sich. So war ich.

The European: Und danach?
Pauli: Den Rummel wollte ich nicht mehr. Wenn mich heute Journalisten sprechen wollen, bin ich entspannt konzentriert (lacht). Ich war vielleicht einfach zu idealistisch. Die Freude, Auskunft zu geben, habe ich eingeschränkt. Möglicherweise sind meine Interviews dadurch nicht mehr so lebendig. Mein Wesen verändert sich aber immer noch: Jetzt bin ich wieder in einem neuen Abschnitt, da ich die Politik zumindest mandatsmäßig verlassen habe. Ob ich irgendwann noch einmal zurückkehre, weiß ich nicht. Momentan genieße ich die Ruhe und Gelassenheit.

„Es fällt mir bis heute schwer, frei zu plaudern“

The European: Wie blicken Sie heute darauf, wenn Politiker an den Pranger gestellt werden?
Pauli: Es sind auffällig oft Politiker der Union. Einige wurden aus den eigenen Reihen demontiert. Das war bei Guttenberg so und auch bei Wulff. Sie wurden kalkuliert aus dem Amt gedrängt. Klar: Man konnte in diesen Fällen ein Fehlverhalten erkennen, das stand aber in keinem Verhältnis zur einsetzenden medialen Hetze. Alle Erfolge dieser Politiker wurden zunichte gemacht. Sie sollten als politische Schaumschläger und Versager in Erinnerung bleiben. Bei Wulff war es besonders extrem. Es ging um das politische Amt und mindestens in gleicher Weise um die Bild-Auflage und damit – wie so oft – ums Geld. Dafür wird anscheinend gern ein Mensch geopfert."

The European: Machen Sie im Alltag heute noch negative Erfahrungen?
Pauli: Ich werde immer noch erkannt und mit Stoiber in Verbindung gebracht. Es fällt mir bis heute schwer, gegenüber manchem Gesprächspartner so offen wie früher drauf los zu plaudern. Sie verwenden Informationen und erzählen persönliche Dinge eventuell gezielt weiter. Ich habe immer im Hinterkopf, welche Kreise das zieht, was ich da sage."

The European: Sie sind immer noch misstrauisch?
Pauli: Ich kann mir nie ganz sicher sein. Deshalb habe ich mich ins Private zurückgezogen. Heute habe ich einen kleinen Freundeskreis aus Menschen, für die ich meine Hand ins Feuer legen würde. Und es tut gut, ein Umfeld zu haben, in dem ich sagen kann, was ich denke.

The European: Bei all den schlechten Erfahrungen: Gibt es auch Dinge, die Ihnen positiv in Erinnerung geblieben sind?
Pauli: Die enorme Unterstützung der Bevölkerung! Sie hat mir das Gefühl gegeben, dass sie anders denkt, als die Machthaber. Bis heute bekomme ich Lob für meinen Mut als Frau, die allein gegen alle stand.

Das Gespräch ist Teil einer Gesprächsreihe zur Debattenkultur in Deutschland. Bisher erschienen sind Rainer Brüderle und Birgit Kelle, Thilo Sarrazin und Jörg Kachelmann.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Florian Pronold: „Frau Merkel meint es nicht ernst“

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