Ohne Europa gibt es keine Träume auf dem Balkan. Edi Rama

„Menschen auf den Müllhaufen werfen“

Weil Arbeit immer noch durch Erwerb definiert ist, gelten immer mehr Menschen als nutzlos. Sören Musyal sprach mit der Soziologin Frigga Haug über ein neues Verständnis von Arbeit, das bedingungslose Grundeinkommen und das Betreuungsgeld.

The European: In Ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ plädieren Sie dafür, den Begriff der Arbeit weiter zu fassen, indem Sie vier Dimensionen aufzeigen: Reproduktion, Erwerb, Kulturarbeit und politisches Engagement. Warum?
Haug: Zum einen ist Erwerbsarbeit eine sehr spezielle Form, als Mensch tätig zu sein. Sie ist sehr eingegrenzt, man muss kalkulieren und man verkauft sich. Es herrscht ein Regiment, in dem man nicht macht, was man möchte, sondern das, was man am Markt als Arbeit vorfindet.

Dazu aber kommt, dass diese als Lohnarbeit bezeichnete Tätigkeitsform am Markt immer weniger wird. Es gibt immer mehr Arbeitslose und das bedeutet ja, dass die Gesellschaft immer weniger Arbeit in Lohnform braucht. Man redet schon davon, dass etwa ein Drittel der bisher in Lohnarbeit Beschäftigten nicht mehr nötig ist. Man könnte die Menschen auf den Müllhaufen werfen oder in die Auswanderung schicken oder sonst was machen, als Lohnarbeitende aber werden sie nicht mehr gebraucht. Die einzige Gegenstrategie ist, die Arbeitszeit so zu verkürzen, dass sich das ausgleicht. Das tut man jedoch nicht.

„Diese ganze Entwicklung steuert auf eine Krise der ganzen Arbeitsgesellschaft zu“

The European: Tatsächlich ist doch ein gegenläufiger Trend zu beobachten?
Haug: Genau. In den 1970er-Jahren kämpften wir für die 35-Stunden-Woche. Seitdem ist es immer aufwärts gegangen. Gleichzeitig sind die Produktivkräfte so entwickelt, dass – grob geschätzt – nur noch die Hälfte der Arbeitszeit notwendig wäre. Dann gibt es seit den 70er-Jahren eine wachsende Unruhe und eine Frauenbewegung, die dagegen kämpft, dass Hausarbeit und die Arbeit an anderen Menschen in die gesamtgesellschaftliche Arbeit nicht eingerechnet werden. Das ist Arbeit, die auf jeden Fall getan werden muss. Dadurch aber, dass sie nicht gezählt wird, gelten die damit Beschäftigten – also z.B. Hausfrauen oder Pflegerinnen oder auch Erzieherinnen – als weniger wichtig und verdienen weniger oder gar kein Geld.

Da entsteht natürlich eine Unruhe. Auf der einen Seite nimmt die Lohnarbeit ab, auf der anderen Seite nimmt die Hausarbeit nicht ab. Gleichzeitig müssen die dort Beschäftigen irgendwelche Jobs annehmen, weil der Lohn nicht mehr für die ganze Familie reicht. Kurz: Diese ganze Entwicklung steuert auf eine Krise der ganzen Arbeitsgesellschaft zu.

The European: Das wäre also Reproduktionsarbeit als eine zusätzliche Perspektive.
Haug: Korrekt, aber schon, wenn ich das hier entfalte, fragt man sich, ob das schon alles an menschlicher Arbeit ist? Und in meiner Untersuchung, die ich seit etwa 30 Jahren mache, ist immer wieder die Frage aufgetaucht, wer eigentlich Politik macht. Wer greift in die Gesellschaftsgestaltung ein? Warum bleibt für uns alle keine Zeit, politisch tätig zu sein, und Dinge zu kritisieren? Und warum müssen die Menschen aus der Gesellschaft ehrenamtlich tätig werden, wenn sie doch Zeit für Politik finden? Politik ist doch eine ganz ehrwürdige Arbeit, die von allen Gesellschaftsmitgliedern gemacht werden müsste. Aber dafür müssen eben auch alle kompetent genug sein.

The European: Und woher soll diese Kompetenz kommen?
Haug: Genau diese Frage bringt mich auf ein viertes Element: Wie bewegen sich die Menschen eigentlich in dieser Gesellschaft? Welche Möglichkeiten nutzen sie eigentlich? Und da kommt man auf eine sehr traurige Bilanz. Insbesondere Frauen nehmen so gut wie keine Möglichkeit zur eigenen Entfaltung wahr. Die Anzahl der Frauen, die schlummernde Möglichkeiten entwickeln und versuchen, diese zu leben, kann man an einer Hand abzählen. Wenn die Menschen sich als Selbstzweck setzen sollen und nicht wie bei Lohnarbeit für andere arbeiten, wenn sie an sich selber arbeiten und sich ausbilden, lernen und entwickeln und Geige spielen wollen, müsste dafür auch Zeit vorhanden sein. Und ich würde eben auch diesen Teil Arbeit nennen.

Das Problem daran, das auch Arbeit zu nennen, ist, dass ich auf diese Weise zwar die Gelegenheit habe, vier Arbeitsarten nebeneinanderzustellen und das Ganze als Zeitproblem weiter zu bearbeiten. Aber ich habe natürlich auch den Nachteil, dass ich zunächst vier so unterschiedliche Formen der Arbeit gleichschalte.

Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich zu einer kämpferischen, wohlgesinnten Frauengruppe gesagt habe, auch der Teil, wie wir uns selbst entwickeln, sei doch Arbeit. Da gab es einhellige Empörung: „Du wirst doch nicht sagen, dass, wenn ich zu Hause Cello spiele, sei dasselbe, wie wenn einer auf dem Bau arbeitet?“ – Und schon war da wieder der männliche Bauarbeiter in Lohnform und wurde aufgewertet und das Cello verschwand im Schrank, weil es Luxus ist. Es braucht eine lange Zeit, die verschiedenen Arbeitsarten zu diskutieren und dann auch wiederum leichthändig das Wort Arbeit fallen zu lassen, wenn es um andere Tätigkeiten geht. Das gilt aber dann für alle vier.

The European: Anke Wolf-Graaf schreibt, Reproduktionsarbeit sei die unsichtbare Basis der kapitalistischen Akkumulation. Stellt eine feministische Bewegung auch die Systemfrage, wenn sie den Stellenwert der Reproduktionsarbeit verändern will?
Haug: Ich würde an dieser Stelle von einem Herrschaftsknoten sprechen. Das soll meinen, dass die Weise, wie Arbeit gegen Geld und für den Profit zur dominanten Tätigkeit in dieser Gesellschaft gemacht wird und so den Kapitalismus am Laufen hält, unbedingt den Bereich braucht, wo Menschen unterwegs sind und alles, was mit der Wiederherstellung der Menschheit zu tun hat, umsonst erledigen. Das meint nicht nur die Kinder, die Alten, die Kranken, die Behinderten, sondern überhaupt Freundlichkeit in der Welt oder liebende Beziehungen. All das ist ausgegrenzt und läuft extra und der Kapitalismus würde nicht funktionieren, wenn es nicht eine Gruppe gäbe, die sich dieser Tätigkeit umsonst und freundlich annähme. Gewöhnlich sind das die Frauen. Insofern sind sie eine notwendige Säule für die kapitalistische Reproduktion.

Andererseits ist es so: Ab welchem Punkt ist es eine Systemfrage? Im Kapitalismus ist die „Vier-in-einem-Perspektive“ natürlich nicht durchsetzbar, aber innerhalb des Kapitalismus muss man anfangen, die einzelnen Stücke zusammenzufügen und versuchen, sie zu realisieren. So, dass wir schon jetzt damit anfangen können und nicht erst den Kapitalismus abschaffen müssen, bevor wie tätig werden. Der Prozess des Politikmachens muss an den Grenzen des Kapitalismus entlang gehen und ihn jeder Zeit infrage stellen und die Grenzen verschieben. Wir stellen also – um die Frage direkt zu beantworten – die Systemfrage.

„Das bedingungslose Grundeinkommen ist zu bescheiden“

The European: Sie messen dem Politikmachen eine elementare Bedeutung zu. Sie schreiben an anderer Stelle, das Stellvertretermodell müsse in seine Schranken verwiesen werden. Fordern Sie die direkte Demokratie?
Haug: Ja und nein. Direkte Demokratie jetzt sofort einzuführen, mit diesem Volk, das wir sind, hat natürlich auch furchtbare Seiten. Auch das ist ein Lernprozess und nicht von heute auf morgen durchsetzbar. Aber ich bin auf jeden Fall dafür, dass alle von unten die Gesellschaft gestalten und sofort damit anfangen und beim Machen lernen, wie es geht. Ich würde Jahrzehnte für den Lernprozess veranschlagen, aber es können nur die Mitglieder der Gesellschaft ihre Gesellschaft machen. Wenn es von oben für sie gemacht wird, schlägt es gegen sie aus.

The European: Statt der 35-Stunden-Woche übersteigen manche Branchen die 40-Stunden-Woche. Wie soll sich bei den Menschen überhaupt das Bewusstsein entwickeln, dass Erwerbsarbeit gekürzt werden müsste?
Haug: Das ist langwierig, aber gar nicht so schwierig. Ich habe bestimmt 100 Veranstaltungen zur „Vier-in-einem-Perspektive“ gemacht und überall fingen die Menschen an, sich zu fragen, was mache ich eigentlich, wenn ich vier statt acht Stunden arbeite? Müsste ich dann auf alles verzichten, oder könnte ich dann wirklich dieses und jenes machen? Es tauchten immer mehr Möglichkeiten vor ihrem Horizont auf. Die Menschen können realisieren, dass eine radikale Arbeitszeitverkürzung eigentlich von der Mehrheit begeistert gelebt werden würde. Sie haben aber Angst, es zu fordern und ihren Job zu verlieren. Das ist kein Klima, in dem freies Denken und Wünschen und sich Engagieren gedeihen kann.

Die Arbeitszeitverkürzung als Forderung an sich gibt es ja schon, aber ich bin immer unglücklich damit. Denn Verkürzung allein reicht nicht. Es muss klar sein, wofür wir diese Verkürzung brauchen. Und auch diese frühere Kampagne der Gewerkschaften, „Samstags gehört Vati mir“, ändert doch nichts, weil Reproduktionsarbeit eben immer anfällt und nicht nur samstags. Es muss klar sein, dass man in alle vier Bereiche geht und dass es alle gleichzeitig tun. Es muss immer klar sein, was ich mit der Zeit tun will, um die ich kämpfe.

The European: Wie sollen die Leute die finanziellen Einschnitte kompensieren?
Haug: Es ist tatsächlich immer so, dass jemand aufsteht und fragt, wer das bezahlen soll. Dabei ist diese Frage für Menschen, die nicht an der Regierung, sondern nur an der Gesellschaft beteiligt sind, merkwürdig, weil sie sich die Frage als Regierungsfrage stellen: Ich bin die Regierung, habe das ganze Geld und wie bezahle ich das, wenn die Leute nur vier Stunden arbeiten wollen? Dabei leben die Frauen, die die Reproduktionstätigkeit übernehmen mussten, ja doch auch. Die ziehen ja auch nicht obdachlos durch die Straßen. Kurz: In dieser Gesellschaft gibt es doch schon eine – wenn auch ziemlich ungerechte – Verteilung, dass alle existieren können.

Selbstverständlich brauchen alle Menschen die sozialen Garantien des Lebens, damit sie sich überhaupt in allen Bereichen des Lebens bewegen können und nicht überlegen müssen, wo kriege ich die Margarine für morgen her. Das ist eine Grundvoraussetzung. Deswegen sind die Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens immer begeistert bei den Veranstaltungen. Sie meinen, es ginge in die gleiche Richtung. Das tut es zwar in Teilen, aber das bedingungslose Grundeinkommen ist zu bescheiden.

The European: Zu bescheiden?
Haug: Ja. Es besteht nicht darauf, dass die Menschen in die Gestaltung der Gesellschaft einbezogen werden und dass sie ein Recht auf einen Erwerbsarbeitsplatz haben. Es ist doch ein Skandal, wenn das nicht so ist. Das steht in der Verfassung – Menschen können doch nicht einfach ausgebootet werden. Grundsätzlich aber müssen wir errechnen, welches Einkommen bei halbierter Lohnarbeitszeit nötig ist, um gut leben zu können. Dann würde man doch leicht einsehen können, was im Durchschnitt ein künftiges Gehalt sein soll. Unter der Vorstellung, dass die Gesellschaft weniger ungerecht sein sollte, dass nicht so viel Geld in den Händen von ganz wenigen ist, könnten wir diese Frage in aller Ruhe angehen und sagen, ein durchschnittliches Einkommen sollte für alle möglich sein.

The European: Welchen Wert hat Erwerbsarbeit überhaupt in unserer Gesellschaft?
Haug: 1998 hat Gerhard Schröder im berühmten Schröder-Blair-Papier geschrieben, kein Mensch könne mehr mit einem lebenslangen Arbeitsplatz rechnen. Trotz einer solchen Erschütterung, obwohl Arbeitslosigkeit gesellschaftliche eingeplant ist und man mit Ruhe zusieht, wie die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien bei 50 Prozent liegt, ist der alte Stolz, einer Lohnarbeit nachzugehen, noch immer in den Herzen der Menschen. Ein Arbeitsloser gilt als minderwertiger Mensch, er hat kein Recht, am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben, er ist eigentlich niemand und hat keine Identität. Zu sagen „Ich bin arbeitslos“, ohne vor Scham im Boden zu versinken – das geht nicht. Das gilt jedoch hauptsächlich für Männer, denn Frauen mussten ja schon eine ganze Weile sagen: „Ich tue nichts, ich bin nur Hausfrau“, und sich dann errötend verstecken, weil man schon weiß, das ist jemand, die hauptsächlich faulenzend Pralinen isst. Obwohl dieses Bild von allen Seiten angenagt und nicht haltbar ist, bleibt es so, dass man sich nur dann sinnvoll und nützlich in der Gesellschaft fühlen kann, wenn man einen Vollzeitarbeitsplatz hat, der einem das Recht gibt, dies und jenes zu tun.

„Man kann viel Fantasie entwickeln, wie das alles besser gehen kann, aber sicher nicht mit dem Betreuungsgeld“

The European: Sie haben gesagt, es sei lange so gewesen, dass die Reproduktionsarbeit nicht wertgeschätzt wird, weil sie nebenbei verrichtet wird. Ist das gerade im Bundestag beschlossene Betreuungsgeld ein Weg, Reproduktionsarbeit fortan zu vergüten und damit wertzuschätzen?
Haug: Das ist doch immer noch die Herdprämie, wo die Menschen ihre Kinder zu Hause halten und nicht in die Krippen oder Kindergärten geben? Zu Hause bleiben und dafür wenig Geld bekommen. Alle Vorschläge, die augenblicklich gemacht werden, müssen mit den gleichen Problemen umgehen, mit denen auch ich umgehe, aber dieses Modell widerstrebt mir vollständig, weil es die gesamtgesellschaftliche Arbeitsteilung überhaupt nicht infrage stellt. Es dreht das Rad zurück. Kindergärten und Krippen sind für die Kinder viel besser. So werden sie in einer Kleinfamilie eingesperrt, wo sie den Überforderungen und Launen einer einzigen Person ausgesetzt sind und nicht ihresgleichen um sich herum haben. Das ist aber allgemein bekannt. Das geht auf Kosten der Kinder, das geht auf Kosten der Frauen, die es daran hindert, in der Welt tätig zu sein.

Insofern ist das, wie Ernst Bloch gesagt hat, ein Versuch, die Frauen auf ewig ans Kreuz der Geschichte zu nageln. So geht es nicht. Wenn im Staat einige darüber nachdenken, wie man die Lage der nächsten Generation strukturell verbessern kann, dann sollten die Gedanken auf alles und alle gerichtet werden. Man kann viel Fantasie entwickeln, wie das alles besser gehen kann, aber sicher nicht mit dem Betreuungsgeld.

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