Wir können eine Menge von China lernen. Dmitri Medwedew

„Ich spiele ‚We Will Rock You‘ mit der Harmonika“

Florian Silbereisen gehört zum Inventar der deutschen Volksmusik. Im Gespräch mit Julia Korbik erklärt er, warum er von musikalischen Grenzen nichts hält.

The European: Herr Silbereisen, was halten Sie davon, dass Musik immer noch so stark nach Genres unterteilt wird?
Silbereisen: Gar nichts! Früher wurde die Musik ja sogar im Fernsehen fein sauber getrennt und in unterschiedliche Sendungen gesteckt: Für die einen gab es Ilja Richters „Disco“, für die anderen Dieter Thomas Hecks „Hitparade“ aus Berlin oder Carolin Reibers „Volkstümliche Hitparade“ aus München.

The European: Ist das heute tatsächlich anders?
Silbereisen: In den „Frühlings-“, „Sommer-“, „Herbst-“, „Winter-“ und „Adventsfest“-Shows, die ich in der ARD und im ORF präsentieren darf, haben wir die Genregrenzen nach und nach niedergerissen.

The European: Und das ging so einfach?
Silbereisen: Am Anfang nicht, weil es völlig unüblich war, dass Künstler aus verschiedenen Genres nicht nur nebeneinander agieren, sondern im besten Fall auch miteinander. Heute treten in unseren „Feste“-Shows so unterschiedliche Künstler wie Chris de Burgh, Mireille Mathieu, Nina Hagen, The Overtones, Semino Rossi, The Piano Guys oder Andrea Berg auf – unabhängig von Genregrenzen.

„Grenzen zwischen und innerhalb der Genres verhindern Neues“

The European: Braucht es denn Grenzen oder Kategorien?
Silbereisen: Nein, überhaupt nicht. Das beweisen wir in unseren „Feste“-Shows immer wieder, Folge für Folge. Mir gefällt deshalb auch die Kölner Musikszene besonders gut: Dort treten Bands wie Brings, die Höhner, die Paveier, die Bläck Fööss oder Kasalla in denselben Veranstaltungen auf – woanders würden sie in Kategorien wie Rock, Pop, Schlager oder Volksmusik sortiert und voneinander getrennt.

The European: Für viele Menschen ist Volksmusik und Schlager dasselbe.
Silbereisen: Wenn ich mit meiner Harmonika und mit dem Duo 2Cellos in unserer „Winterfest“-Show „We Will Rock You“ spiele, ist das dann durch meine Harmonika Volksmusik, durch die beiden Celli Klassik, durch die Titelauswahl Rock oder durch die beiden 2Cellos-Künstler Pop, weil sie ständig mit Elton John auftreten?

The European: Was nervt Sie an künstlichen Grenzen in der Musik so sehr?
Silbereisen: Dass Grenzen zwischen den Genres und innerhalb der Genres wirklich Neues verhindern. Gerade durch das Übertreten von Grenzen sind in den letzten Jahren neue Karrieren wie die von David Garrett irgendwo zwischen Klassik und Pop entstanden. Oder die von Andreas Gabalier irgendwo zwischen Volksmusik, Rock’n’Roll und Country. Vor ein paar Monaten haben wir in unserer „Frühlingsfest“-Show zum ersten Mal die sechs Jungs von Voxxclub vorgestellt, die als Musicalsänger A-cappella-Gesang mit Volksmusik ganz neu kombinieren. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Flashmob-Videos von Voxxclub bei YouTube über zwei Millionen Mal angeklickt.

„Das Image des Schlagers kann sich ändern“

The European: Was macht für Sie Schlager aus, was ist sein Alleinstellungsmerkmal?
Silbereisen: Es gibt viele Schlager-Definitionen, aber kein Alleinstellungsmerkmal, das wirklich passt. Letztendlich kommt es immer darauf an, wie sich die jeweiligen Künstler selbst definieren. „Geboren um zu leben“ ist ein guter und erfolgreicher Schlager, Unheilig würden sich deshalb aber wahrscheinlich trotzdem nicht als Schlagerband bezeichnen.

The European: Schlager hat in Deutschland einen eher schlechten Ruf. Warum ist das so?
Silbereisen: Dafür gibt es sicher viele Gründe. Viel spannender finde ich aber die Frage: Kann sich daran etwas ändern? Und diese Frage beantworte ich mit einem ganz klaren Ja! Wenn Neues entsteht – neue Texte, neue Sounds – und das Neue mit professionellem Entertainment zeitgemäß präsentiert wird, dann wird sich das Image ganz schnell ändern. Dass das möglich ist, haben Stars wie Andreas Gabalier oder natürlich auch Helene Fischer bereits bewiesen. Bis vor ein paar Jahren wäre es noch unvorstellbar gewesen, dass eine Schlagersängerin eine Veranstaltung wie die Echo-Verleihung moderiert.

The European: Haben Sie das Gefühl, dass sich andere Musikrichtungen für etwas Besseres halten?
Silbereisen: Ja, bei einigen Künstlern ist das sicher der Fall – insbesondere bei solchen, deren Musik man ohne Probleme als Schlager bezeichnen könnte, die sich selbst aber nicht als Schlagerkünstler definieren. Sie distanzieren sich insbesondere in Interviews immer wieder gern vom Schlager und von Schlagerkünstlern.

The European: Eingängige Texte, eingängige Melodien – ist Schlager tatsächlich so simpel, wie er immer dargestellt wird?
Silbereisen: Nein, nur wenn Text, Melodie, Sound und Interpret ein Gefühl oder eine Stimmung perfekt treffen, können sie zusammen „einschlagen“ und wirklich zum Schlager werden.

„Populäre Musik ist immer Schlager“

The European: Musik aus anderen Genres enthält sehr oft auch diese typischen Schlagerelemente. Wollen Rock, Pop, Rap, Electro und Co. nicht zugeben, dass sie das gleiche Gefühl bedienen – also gar nicht so anders sind?
Silbereisen: Auch die versuchen, innerhalb von drei bis fünf Minuten ein Gefühl oder eine Stimmung perfekt zu treffen, damit das kurze Stück Musik zum großen Hit wird. Allen Musikern, Sängern, Komponisten, Textern und Produzenten stehen dafür dieselben Zutaten zur Verfügung, lediglich die Dosierungen unterscheiden sich. Die Art, wie all die populäre Musik gehört wird, ist ja die gleiche. Letztendlich geht es darum, dass sich der Hörer gut dabei fühlt.

The European: Schlager ist also Popmusik im besten Sinne.
Silbereisen: Populäre Musik ist immer Schlager! Mit dem Titel „An Tagen wie diesen“ ist den Toten Hosen ein echter Schlager gelungen, der zum Beispiel auf dem Oktoberfest in den Zelten von Tausenden mitgesungen wird.

The European: Ein neuerer Trend unter Jugendlichen ist es, Schlager „ironisch“ zu hören. Kann man das überhaupt?
Silbereisen: Natürlich sollte man nicht jede Zeile in jedem Schlager ernst nehmen. Insofern schafft Ironie ja nicht nur ein bisschen Distanz, sondern auch neue Nähe. Mir gefällt diese lockerere, ironischere und selbstbewusstere Einstellung. Das Motto der nächsten gemeinsamen Tournee von DJ Ötzi, Voxxclub und mir lautet daher: „Das Fest der Feste – Volksmusik macht Spaß“. Untertitel: „… auch wenn’s nicht jeder zugibt ;-)“.

The European: Wie klingt Ihr perfekter Song?
Silbereisen: Der perfekte Song muss die Stimmung der Zeit treffen, Genregrenzen spielen dabei überhaupt keine Rolle: Sowohl Nenas „99 Luftballons“ als auch Nicoles „Ein bisschen Frieden“ haben in der Zeit der Nachrüstungsdebatte der 1980er-Jahre die Stimmung der Zeit wiedergegeben und waren sogar international erfolgreich.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Dagobert Jäger: „Schlager ist Aspirin in Musikform“

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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