Schwer zu definieren, wofür wir stehen. Benedict Pöttering

Lenker statt Denker

Für viele Politiker ist der Doktortitel vor allem ein Schritt auf der Karriereleiter. Doch die Doppelbelastung von ehrlicher Dissertation und Mandat ist kaum zu bewältigen. Und es geht auch anders: Weder Adenauer noch Brandt hatten das Dr. vor dem Namen. Große Staatsmänner waren sie trotzdem.

Jungen, erfolgreichen Politikern wird häufig vorgeworfen, sie seien Karrieristen ohne politische Überzeugungen. Dem halten die so Beschuldigten in der Regel entgegen, dass es gar nicht möglich sei, eine politische Laufbahn am Reißbrett zu planen. Und damit haben sie recht. Zu groß sind die Unwägbarkeiten des politischen Betriebs: Das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger lässt sich rational häufig nur schwer ergründen, Bündnisse können überraschend wechseln; darüber hinaus existieren in jeder Partei sorgsam austarierte Proporzverhältnisse, die es bei der Postenvergabe zu berücksichtigen gilt. Das alles macht eine stringente politische Karriereplanung praktisch unmöglich.

Eine Dissertation fürs Portfolio

Gleichwohl versucht jeder Politiker, sich mit dem bestmöglichen Rüstzeug für den politischen Erfolg auszustatten. Dabei existiert eine Art Portfolio, das den individuellen Aufstieg zwar nicht garantiert, jedoch wahrscheinlicher werden lässt. Neben rhetorischen Fähigkeiten, die man sich antrainieren kann, zählen hierzu – vereinfacht gesprochen – vor allem soziales und kulturelles Engagement sowie der Nachweis einer soliden beruflichen und privaten Existenz jenseits der Politik. Dass in diesem Portfolio auch der Promotion eine nicht zu unterschätzende Bedeutung beigemessen wird, zeigt der Umstand, dass mittlerweile jeder fünfte Bundestagsabgeordnete den Doktortitel im Namen führt. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung dürfen sich gerade einmal rund 1,5 Prozent der Menschen mit einem Doktorgrad schmücken. Da nun die meisten Politiker keine akademische Hochschullaufbahn anstreben, stellt sich die Frage, welchen Mehrwert sie sich von einer abgeschlossenen Promotion versprechen. Ganz offenkundig wird erwartet, dass die zwei begehrten Buchstaben vor dem Namen die politische Laufbahn befördern – sowohl innerparteilich als auch beim Werben um die Gunst der Wähler. Und wie der überdurchschnittliche Anteil an promovierten Kolleginnen und Kollegen in den deutschen Parlamenten und Regierungen zeigt, ist diese Annahme nicht gänzlich aus der Luft gegriffen.

Doch stößt man dabei auf ein Problem, an dem nun gerade auch der Verteidigungsminister gescheitert ist. Denn für die Anfertigung einer soliden wissenschaftlichen Arbeit, die den Promotionsanforderungen einer deutschen Hochschule gerecht wird, bedarf es in der Regel drei bis vier Jahre intensiver Beschäftigung in Bibliotheken und Archiven. Das allerdings ist mit dem Lebens- und Arbeitsalltag junger Politiker, die in der Bundes- oder Landespolitik Verantwortung tragen, praktisch nicht vereinbar. Das Ergebnis ist eine Doppelbelastung, die von einer einzelnen Person gar nicht vollumfänglich bewerkstelligt werden kann. Doch ist es genau das, worauf es beim Abfassen einer Dissertation ankommt, nämlich dass die Arbeit von einem selbst und nur mit den zugelassenen Hilfsmitteln (Literatur, Quellen) angefertigt wird.

Kennedy war auch kein Doktor

Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte: Es braucht gar keinen Doktor, um ein erfolgreicher Politiker zu werden. Weder Konrad Adenauer noch Franklin D. Roosevelt oder John F. Kennedy waren promoviert. Willy Brandt und Winston Churchill kokettierten sogar damit, nie eine Hochschule von innen gesehen zu haben – zumindest nicht zu Ausbildungszwecken. Der Karriere der beiden hat es offenbar nicht geschadet; niemand käme auf die Idee, ihre politischen Verdienste in Abrede zu stellen. Den begehrten Titel haben am Ende übrigens alle hier genannten Politiker doch noch und sogar mehrfach erhalten – wenngleich ehrenhalber, was jedoch rein statistisch ohnehin die exklusivste Variante des Doktors darstellt.

Florian Keisinger ist Historiker und arbeitet als Referent für den Bundestagsabgeordneten Christian Lindner (FDP). Der Text gibt seine persönliche Meinung wieder.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Kayser, Kai Wegrich, Ernst Elitz.

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