Wirkliche Demokratie gibt es im Kapitalismus ebenso wenig wie in der DDR. Sahra Wagenknecht

Fluchpreise

Kaum bleiben paar Dutzend Flugzeuge am Boden, weil AirBerlin sich in die Insolvenz retten musste, und schon klettern die Fluchpreise dorthin, wo man eigentlich nur die Fluchzeuge hin haben möchte: in luftige Höhen. Schon wünschen selbsternannte Kartellwächter die Lufthansa auf den Mond.

Kaum ist die Air-Berlin-Flotte am Boden, schon greifen die Gesetze der Marktwirtschaft: Bei geringerer Angebotsmenge steigen die Preise. Ganz normal. Völlig unverständlich ist, dass Handelsblatt und Verbraucherverbände unisono nach dem Einschreiten des Bundeskartellamts rufen. Das Handelsblatt wird sogar militärisch streng und erwartet einen politischen „Marschbefehl“ für die Marktwächter. Ja, so fordert es Gabor Steingart, von dem wir eigentlich eine Menge hielten, tatsächlich in seinem Morningbriefing! Da fragt man sich doch, wo das Verständnis für die Marktwirtschaft und für den Sinn des Insolvenzverfahrens geblieben ist.

Was den Marschbefehl betrifft: Der ist prompt unterwegs, schließlich bestehen die Berliner Jamaika-Unterhändler aus professionellen Vielfliegern. Alles echte Experten, auch wenn ihre Tickets meisten vom Steuerzahler bezahlt werden. Unisono tönt es aus allen politischen Lagern, dass es am fehlenden Wettbewerb liege. Dabei ist doch offenkundig, dass AirBerlin aus dem Markt ausscheiden musste, weil es zu viel Wettbewerb gab! Mit höheren Preisen hätte AirBerlin überlebt. Und mit höheren Preisen kann die Lufthansa jetzt wieder ganz normale Gehälter bezahlen und muss nicht Tausende von Mitarbeitern in Niedriglohn-Fluggesellschaften abschieben. Wo bitte ist in der Politik das Verständnis für die Marktwirtschaft und für den Sinn des Insolvenzverfahrens geblieben?

Massenware Flugkilometer

Natürlich kann man AirBerlin Missmanagement vorwerfen, weil sie zu viele und zu teure Kapazitäten zugekauft haben und weil sie sich zu weit von ihren ertragreichen Flugstrecken nach Mallorca und Ibiza entfernt hatten, aber das Problem ist doch ein anderes: Es gibt zu viele Flugzeuge! Sieht man einmal vom ökologischen Wahnsinn des Flugverkehrs in 11.000 Metern Höhe ab, so beginnt der ökonomische Wahnsinn doch dort, wo die Flugpreise unter die Flugkosten fallen. Wenn eine Airline auf der Strecke von Frankfurt nach Mailand mit 50 Euro pro Passagier knapp kostendeckend fliegt, ist da an sich schon ein Wunder und nur den niedrigen Ölpreisen zu verdanken. Wenn sie dann aber das Flugticket für 29 Euro anbietet, dann fragt man sich, welche Krankheit sich hier ausgebreitet hat, dass Preise aufgerufen werden, die am Ende zum wirtschaftlichen Tode, sprich: zur Insolvenz, führen. Aber nein, es ist keine Krankheit, sondern es sind die simplen Gesetze der Marktwirtschaft, die hier Platz greifen.

Das wichtigste Gesetz ist das Gesetz der Knappheit. Flugpassagierkilometer sind Massenware. Ihr Preis bestimmt sich nach der Angebotsmenge. Wir alle bewundern die Absatzzahlen von Airbus und Boeing und ihre Fähigkeit, alljährlich Hunderte von diesen riesigen Flugmaschinen zu produzieren und „an den Mann“ zu bringen. Wenn dann aber ihre Kunden, die Airlines, mit sinkenden Preisen auch die Annehmlichkeiten streichen, reiben wir uns verwundert die Augen. Dass die Preise sinken müssen, ist wiederum ist kein Wunder, denn mit der sinkenden Knappheit, also steigendem Angebot an Sitzplätzen, sinkt die Auslastung und sinkt zugleich der Preis. Und das so lange, bis die Preise unter die Kosten gefallen sind. Genau das ist die Schnittstelle, an der die Marktwirtschaft vom Insolvenzrecht abgelöst wird. Der wirtschaftliche Tod folgt auf die wirtschaftliche Not.

Heute in Ihrer BÖRSE am Sonntag: Lufthansa auf dem Weg in den siebten Aktienhimmel?

Marktwirtschaft bedeutet eben nicht: niedrige Preise

Was danach geschieht, ist wieder Marktwirtschaft: Der Insolvenzverwalter lässt die Flugzeuge am Boden stehen, weil er das Benzin nicht mehr bezahlen kann und will und schon steigen die Flugpreise, und schon justieren sich die Flugpreise neu. Groß ist das Geschrei, weil sich ein mancher daran gewöhnt hat, unter der Woche in München zu arbeiten und am Wochenende zur Familie nach Hamburg oder Düsseldorf zurückzukehren. War ja auch billig. Das ändert sich mit einem Schlag, weil die Gesetze der Marktwirtschaft keine Sozialgesetze sind, sondern sich hart an nackten Zahlen orientieren: Die wunderbare neue Knappheit des Angebots ermöglicht den Airlines wieder kostendeckende Flugpreise. Dass die Anbieter die Situation mit gewisser Konsequenz ausnutzen, ist in der Marktwirtschaft normal, das macht jeder Blumenverkäufer: Er genießt die neue Situation und füllt erst mal wieder die Kassen, was ihm zuvor jahrelang nicht vergönnt war.

Wer hingegen glaubt, das Soziale Marktwirtschaft etwas mit niedrigen Preisen zu tun hat, der irrt: Das Soziale drückt sich in einer breiten Absicherung und einer auskömmlichen Höhe der Einkommen aus, also des „Wohlstandes für Alle“ nach Ludwig Erhard. Der allgemeine Wohlstand stellt sicher – so die Idee, dass die Menschen die Marktpreise bezahlen können, mit anderen Worten: Die Gesetze der Marktwirtschaft ertragen. Oder anders ausgedrückt: Aus der Marktwirtschaft wird eine Soziale Marktwirtschaft, weil sie dem Bürger finanziellen Wohlstand zur Verfügung stellt, der ihn befähigt, auf Preisänderungen zu reagieren, die ihm die Marktwirtschaft beschert.

Grüne sorgen sich um die Geldbeutel, nicht um die Umwelt

Wer Preisänderungen unterbindet, agiert in diesem Sinne kontraproduktiv, er raubt der Sozialen Marktwirtschaft ihre marktwirtschaftliche Komponente, denn er nimmt Anbietern und Kunden ihre Entscheidungsfreiheit, also ihre Freiheit. Wie diese Freiheit aussieht, zeigen beispielsweise die unterschiedlichen Reaktionen der Lufthansa-Firmenkunden im Rheinland für die Strecke nach München: Manche lassen die Mitarbeiter mehr mit der Bahn fahren, andere nutzen mehr die Möglichkeiten von Videokonferenzen, wieder andere überlegen, ganze Abteilungen zu verlegen. Alle Reaktionen geben Sinn: Sie sind nicht nur wirtschaftlich richtig, sondern auch ökologisch sinnvoll und wünschenswert. Ein Eingriff in die Preisfreiheit würde diese richtigen Entscheidungen unterbinden oder verfälschen.

Ausgerechnet die Grünen-Politikerin Renate Kienast ist dennoch mehr besorgt um das finanzielle Wohl der Flugreisenden als um die Umwelt. „Wo Wettbewerb fehlt, zahlen die Verbraucher die Zeche“, meint sie wohl mit Blick auf Wählerstimmen. Dabei ist doch klar, dass bei zu niedrigen Preisen zu viel geflogen wird. Die grüne Politikerin hätte doch eigentlich sagen müssen: „Wo es zu viele Wettbewerber gibt, zahlt die Umwelt die Zeche. Gut, dass die Flugzeuge von AirBerlin jetzt am Boden bleiben!“ Oder etwa nicht?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Florian Josef Hoffmann: Quo vadis, Kartellamt,quo vadis?

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