Die EU war in ihren besten Zeiten eine Art aufgeklärter Absolutismus. Alan Sked

Wie die Migration zu stoppen wäre

Eine der Leerformeln zur Lösung des Flüchtlingsproblems – nicht nur unserer Bundesregierung, sondern auch mancher Oppositionspartei – ist: „Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen!“ Doch wer nicht in Erwägung zieht, Geld in die Hand zu nehmen, und zwar nicht einmal so viel Geld, der wird das wahre Problem nicht lösen: die Armut ist es, die die Menschen zu Migranten oder auch zu Flüchtingen macht.

Die Fluchtursachen also bekämpfen: Das klingt gut, damit soll zugleich aber doch wohl ausgedrückt werden, dass die grenzenlose Grenzöffnung dann doch nicht die finale Lösung ist, sondern dass genau diese finale Lösung woanders gesucht werden „muss“, nämlich bei der Bekämpfung der Fluchtursachen. Immerhin ist klar, dass etwas getan werden „muss“, aber niemand sagt, was konkret wir tun „müssen“ und niemand nennt die Fluchtursachen beim Namen, denn das hätte zur Konsequenz, dass auch klar würde, was getan werden „muss“.

Dabei ist liegt Hauptfluchtursache für die Völkerwanderung aus dem arabischen Raum auf der Hand: es sind die zahlreichen Kriege in dem uns plötzlich so nahen Nahen Osten. Es gibt letztlich auch keinen Streit darüber, wo die Hauptursachen für die Gewalt liegen, nämlich in unserem Denken: Wir im Westen bekriegen Despoten. „Wir im Westen“, dazu gehört Deutschland. Wir im Westen hassten den verabscheuungswürdigen Despoten Saddam Hussein und beklatschten den „Sieg“ der USA-Armee und das gewaltsamen Stürzen des Standbildes vom Sockel. Dem Dilettantismus der „Siegermächte“ nach ihrem vermeintlichen Sieg ist es zu verdanken, dass das Irakische Staatsgebilde destabilisiert wurde und dass seine verwaisten Vorräte an militärischem Gerät und militärischem Knowhow in Form von Kommandeuren wenige Jahre später den IS, den Islamische Staat, massenhaft zufielen.

Das war aber nur der Anfang der dilettantischen Operation, weil dann auch noch der andere Despot, Baschar al-Assad, die „rote Linie“ überschritt und Barack Obama, US-Präsident und Friedensnobelpreisträger, es sich umgehend zum Ziel machte, den nächsten Despoten vom Sockel zu holen. Assad hat starke Freunde, Putin und den Iran, was ihm das Leben rettete, aber nicht verhinderte, dass mehrere große, bedeutsame und schöne Städte Syriens in Schutt und Asche gelegt und die Menschen zu Hunderttausenden vertrieben wurden. Den Rest an unsäglichem Leid besorgten der IS und mehrere kleinere sunnitische und schiitische Revolutionstruppen. Ergo: Wer Fluchtursachen bekämpfen will, muss Frieden schaffen. Deutschland liefert zwar die Waffen für Kriege und für Frieden, aber keine Soldaten. Genau das müssten wir aber eigentlich, wenn wir „müssen“.

Woran es wirklich liegt

Als zweite und noch größere Fluchtursache lässt sich die Armut ausmachen. Denn Kriege erzeugen vor allem eine Armut, die viel länger andauert als der eigentliche militärische Konflikt. Und auch in Kreigszeiten wird nicht jederzeit überall geschossen, zum Glück. Die Armut aber drückt die Menschen auch dann und quält sie, Tag und Nacht. Auch wenn internatonale Hilfsorgannisationen mit Lastwagenladungen voller Mehl und Sojabohnen durch die Linien schleusen. Was die großen Strategen der orientalischen Kriege jedoch komplett verschlafen haben, war – um es populärwissenschaftlich auszudrücken – die explosive Ausweitung der Informationsgesellschaft. Auch in Afrika hat fast jeder junge Mann heutzutage ein Handy – auch in Ländern, in denen ansonsten Hungersnöte und bitterste Armut grassieren.

Die kleinen, mobilen Gerät, made in China, versetzen quasi jeden jungen Mann im Nahen Osten und in Nordafrika in die Lage, sich auszumalen, was er in seinem Leben verpasst, wenn er in seinem bitterarmen Landstrich bleibt. Aus der Fluchtbewegung der Kriegsgeschädigten des Orients wurde, quasi als Kollateralschaden, eine Fluchtbewegung der Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika, denn die arabische Sprache wird wie im Nahen Osten auch in Nordafrika gesprochen. Die Quasi-Einladung Flüchtender nach Europa – und insbesondere nach Deutschland – verbreitete sich und diffundierte in Afrika wie Wasser auf einem Acker. Unaufhaltsam. Dadurch wurde der afrikanische Bevölkerungsdruck zur europäischen Gegenwartsgefahr. Fluchtursache sind zwar auch in Nordafrika lokale Kriege und Konflikte, zum Beispiel in Libyen, das hat aber weit weniger Gewicht als in Syrien. Die Hauptursache ist hier vielmehr die Armut, und die ist wiederum maßgeblich ausgelöst durch ein explosives Bevölkerungswachstum.

Wer also Fluchtursachen bekämpfen will, muss sich um das Thema Bevölkerungswachstum kümmern. Zu dieser Thematik wird im Frühjahr 2018 in einem Genfer Verlag ein Buch des Autors in englischer Sprache unter dem Titel „The Hoffman-Plan – How to Save the World“ erscheinen. Im letzten Abschnitt wird darin eine ungewöhnliche Lösung beschreiben, die hier in deutscher Sprache vorab veröffentlicht wird.

The Hoffman-Plan

Eine Lösung ist dort zu suchen, wo es schon jetzt kein Bevölkerungswachstum mehr gibt, sondern eher eine Bevölkerungsschrumpfung, also bei uns in Deutschland oder in Italien oder in Japan, also in hochentwickelten Industriestaaten. Die Analyse ergibt: Während in traditionellen oder Stammesgesellschaften Kinder Teil der Erwerbsgesellschaft darstellen, also zum Überleben der Erwachsenen beitragen, stellen sich die Verhältnisse in den sogenannten entwickelten Gesellschaften völlig anders dar. Kinder sind keine Geldquelle, jedenfalls keine unmittelbare, sondern sind ein „Investment“.

Das „Investment“ in Kinder baut sich sogenannten entwickelten Gesellschaften – also auch bei uns – so auf: Der erste Schritt ist das Verbot der Kinderarbeit bis zum 14. Lebensjahr verbunden mit der Schulpflicht. Das ist das öffentlich-staatliche Investment“. Mit dem zweiten Schritt beginnt das private „Investment“. Es besteht aus einem höheren Bildungsgrad, erreichbar durch den Besuch höherer Schulen, endend in den drei Lebensjahren vor dem 20. Lebensjahr. In den Twen „investiert“ die Gesellschaft dann noch bis zum 25. Lebensjahr das Universitätsstudium. Allerdings investiert nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Eltern tun dies. Die Gesellschaft bezahlt den Unterricht, die Eltern bezahlen den Lebensunterhalt – im Groben dargestellt, natürlich gibt es Vermischungen unterschiedlichster Art. Mitzubedenken ist auch, dass die „Kinder“ nicht nur Geld kosten, sondern außerdem in der gesamten Ausbildungszeit für die Familie als Einkommensquelle ausfallen. Kinder sind also doppelt teuer. Deshalb reduzieren in unseren Sphären ganz viele Eltern Ihren Kinderwunsch auf ein oder zwei. Kinderreiche Familien – das hat sich herumgesprochen – sind häufig ein Fall fürs Sozialamt.

Die Analyse ergibt somit: Wenn sich das Geldeinkommen auf die Erwachsenen beschränkt, hören die auf, Kinder zu kriegen, je nachdem wie teuer das „Investment“ in die Kinder ist, also wie lange es dauert, bis Kinder selbst maßgeblich zum Lebensunterhalt beitragen. Die Einführung der zwingenden Lernphase, derSchulpflicht, und ihre freiwillige Fortsetzung sind die Gründe für die Kanalisierung des natürlichen Kinderwunsches.

Es geht gar nicht um so viel Geld

In Bezug auf die afrikanische Bevölkerungsentwicklung hilft die Erkenntnis allerdings erst einmal nicht weiter, denn es ist nicht möglich, in einem überschaubaren Zeitraum vergleichbare Bildungs- (oder Renten-) systeme einzuführen. Es dauert ein Jahrhundert lang, mindestens, bis das Bevölkerungswachstum kräftig zurückgeht – so lange dauerte es bei uns in Europa auch, bis die Geburtenrate nachhaltig sank, denn im Laufe des frühen 19. Jahrunderts erst wurde die Kinderarmut in breiten Bevölkerungsschichten zurückgedrängt.

Aber es gibt eine Methode, wie man den erwünschten Effekt simuliert und stimuliert: Man kann ein allgemeines Erwachseneneinkommen einführen, das die Erwachsenen dann naturgemäß im gemeinsamen Haushalt mit den Kindern teilen müssen. Ein derartiges System ist das „Basic Income“, ein Begriff, der bei uns als „Bedingungsloses Grundeinkommen“ bekannt geworden ist. Es ist ein umstrittenes System, das der derzeit mannigfach diskutiert wird und an dem sich die Emotionen pro und contra aufschaukeln.

Der Haupteinwand ist die Unmöglichkeit, ein derartiges System zu finanzieren. Dieser Einwand ist berechtigt, weil die geforderten Einkommenshöhen, denen keine Arbeitsleistung gegenüber stehen soll, illusorisch sind. Das kann und muss jedoch hier eben nicht diskutiert werden, weil es eine Variante mit sehr geringen Geldbeträgen gibt, die zwar bei uns, also in hochentwickelten Industriestaaten, sinnlos wäre, die aber in den afrikanischen Staaten, in denen die Geldeinkommen größtenteils noch sehr gering sind, durchaus die gewünschte Wirkung hätte.

Das berechenbare Verhalten der Menschen

Schon geringste garantierte Beträge bewirken, sofern sie nur an Erwachsene im heiratsfähigen Alter, zum Beispiel zwanzig Jahre und darüber, also nicht an Kinder und Jugendliche (!) ausbezahlt werden, dass bei den Älteren schnell das Gefühl der Notwendigkeit der Absicherung durch Kinder abnimmt und zugleich die egoistische Überlegung Raum greift, dass man mit weniger Kindern mehr von dem Geldzufluss für sich selbst behalten kann. Genauso wie bei der Absicherung durch die Arbeitskraft der Kinder bewirkt auch beim Basic Income der Egoismus die gewünschte Änderung des Verhaltens. Und zwar sehr schnell, also schon binnen Monaten, wenn versprochen wird, dass das Basic Income auf Dauer ausbezahlt wird. Auch die Verteilung ist heutzutage mit „Mobile Money“ kein Problem mehr und kann über die Telefongesellschaften erfolgen. Bitcoins könnten später eine andere technische Lösung für die Verteilung werden.

Natürlich ist das Problem des Systems die Finanzierbarkeit. Aber das ist bei dieser Lösung nicht das größte Problem, weil schon geringe Beträge, die beispielsweise über Entwicklungshilfe oder andere freiwillige Transfers der europäischen Länder aufgebracht werden können, den vorgenannten Effekt haben könnten. Als Beispiel diene die Einführung eines Basic Income im kleinen afrikanischen Staat Gambia: „Gering“ wären beispielsweise zwei US-Dollar pro Woche für jeden erwachsenen (!) Bewohner von Gambia, also für circa zwei Millionen Einwohner im Alter von mehr als 18 Jahren. Die Transfers beliefen sich auf rund vier Millionen US-Dollar pro Woche, also 208 Millionen US-Dollar pro Jahr. Damit könnte das Bevölkerungswachstum eines ganzen – wenn auch kleinen – Landes abgemildert werden, möglicherweise ließe es sich sogar ganz abzubremsen.

Für den Afrikanischen Kontinent, also für 660 Millionen Menschen beziehungsweise 400 Millionen Erwachsene gerechnet, würde sich der Betrag auf circa 42 Milliarden US-Dollar pro Jahr erhöhen. Zum Vergleich: Das Bruttosozialprodukt der EU-Staaten beträgt circa 17.000 Milliarden US-Dollar erhöhen, das sind 17 Billionen. Das bedeutet: Man könnte mit nur 2,5 Promille des Bruttosozialprodukts der EU-Länder die Bevölkerungsentwicklung in Afrika so steuern, dass der zweite Fluchtgrund wegfiele. Die Bekämpfung der Fluchtursache Bevölkerungswachstum wäre also möglich und wäre weit billiger und humaner als jeder Krieg.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Florian Josef Hoffmann: Fluchpreise

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Afrika, Syrien, Nordafrika

Debatte

Für Europa, für Afrika, für die Demokratie

Medium_77fb728a47

Tunesien darf nicht scheitern!

Bei einem flüchtigen Blick auf die Karte des afrikanischen Kontinents, könnte man ein Land fast übersehen. Ganz oben im Norden, eingekeilt zwischen den großen Flächenstaaten Libyen und Algerien, li... weiterlesen

Medium_921d8746c1
von Alexander Vogel
24.01.2016

Kolumne

Medium_c3180e2262
von Alexander Wallasch
18.06.2012

Debatte

Unwort Arabischer Frühling

Medium_ad9396942d

Sag mir wo die Blumen sind

Von wegen Arabischer Frühling. Wenn wir die Ereignisse in Nordafrika und dem Nahen Osten unter diesem Schlagwort betrachten, laufen wir Gefahr, die wahre Bedeutung der Geschehnisse zu übersehen. weiterlesen

Medium_4a85156917
von Florian Guckelsberger
12.01.2012
meistgelesen / meistkommentiert