Königshäuser sind Vorreiter der Emanzipation. Julia Melchior

Haltet die Presse!

USA, um 1970. Die bunten, blumengeschmückten, intelligenten, zugekifften Hippie-Völker hatten die Idee, die industriellen Großmächte zu entmachten – per Demokratisierung: Sie wollten einen Computer bauen, den jeder besitzen konnte. Daraus entstand eine zweite Vision, die da lautet: Wir sammeln alle Daten dieser Welt und stellen sie dieser Welt zur Verfügung. Und alles kam anders, so anders!

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„Der Mensch denkt und Gott lenkt“, sagt ein altes deutsches Sprichwort, das wohl aus einem Bibelzitat abgeleitet ist. Kein Zitat passt besser für das, was sich aus der kalifornischen Hippie-Bewegung der siebziger Jahre entwickelt hat: Diese bunten, blumengeschmückten, intelligenten, unabhängigen, freien, zugekifften Hippie-Völker hatten die selbstlose Idee, die industriellen Großmächte zu entmachten – per Demokratisierung: Sie wollten einen Computer bauen, der so klein war, dass er in jeden Haushalt passte. Und es klappte. Allerdings brachte es der unaufhaltsame technische Trend zur Miniaturisierung mit sich, dass die tatsächliche Entwicklung heute die damalige Vision locker übertrifft: Der Computer steht heute nicht nur in jeder Wohnung, er steckt außerdem in jeder Hosen- und jeder Handtasche. Steve Jobs und dem iPhone sei Dank!

Oder doch nicht? „Disruption“ ist die flächendeckende Folge über alle Industrien. Disruption ist das aktuelle Modewort der Wirtschaftswelt, man kann auch „zerstörerisch“ dazu sagen. Gemeint sind wohl die unbeherrschbaren, zumindest unvorhersehbaren Folgen der digitalen Eruption im kalifornischen Silicon Valley.

Die Geschichte vom Silicon Valley, vom Landstrich der Visionen, hat sogar noch eine zweite, unschlagbare Vision, die Google-Vision zu bieten, die da lautet: Wir sammeln alles Wissen dieser Welt und alle Daten dieser Welt – was umgesetzt in einem Arbeitsprogramm lautet: Wir sammeln Nacht für Nacht sämtliche Daten aus sämtlichen Rechnern dieser Welt zusammen und stellen eben diese Daten eben dieser Welt zur Verfügung. Google ist das schlagende Beispiel, dass das mit der Entmachtung ein keiner Weise funktioniert hat. Im Gegenteil, kein Gigant ist größer als Google. Was den Börsenwert anlangt, sind unsere großen Autohersteller im Vergleich zu diesem Internetgiganten Garagenbetriebe.

Google lenkt. Lenkt Google?

Immerhin hat das mit dem Denken hat geklappt, die Eruption ist in vollem Gange. Das Lenken hat dann doch ein anderer übernommen und wir müssen nun mit der Disruption zurecht kommen. Und das ist offenbar im Print-Bereich besonders schwer. Seit circa vierhundert Jahren wurden Zeitungen, also tägliche Nachrichten, nicht mehr handschriftlich vervielfältigt, sondern gedruckt. Gutenberg sei Dank. Vierhundert Jahre nach dem Geburtsjahr 1605 wird die Nachricht überwiegend digital übermittelt. Gutenberg hat ausgedient. Wenn ein Präsident der Zeitungsverleger, Mathias Döpfner, in diesen Tagen prophezeit, „die digitale Zeitung wird der Vertriebsweg der Zukunft sein“, dann ist bald Schluss mit „print“, dann ist bald nur noch „digit“. Wie kommt’s?

Eine Analyse ergibt: Die Attacke auf die Presse kommt von drei Seiten. Die eine Seite ist eine technische, das Internet. Das Internet vervielfältigt schneller als jede Druckmaschine, verbreitet schneller als jeder Express-Dienst und ist billiger als jedes Abonnement. Eine Nachricht hat zwar ein politisches Gewicht oder ein wirtschaftliches, aber sie hat kein physisches Gewicht. Das ist das Problem. Mit der Bindung an die Druckmaschine und das Papier war der Verbreitung einer Nachricht „natürliche“ Grenzen gesetzt. Die heutige Verbreitung übers Internet per Kabel oder durch die Luft – „über den Äther“, wie man früher sagte – ist schnell, billig und konkurrenzlos, sie geschieht quasi in Echtzeit. Da kommt keine Zeitung mit.

Ein Glück, dass die geistige Verarbeitung der Nachricht noch immer durch die Gehirne der Menschen geht. Unser menschliches Phlegma verarbeitet die Nachricht langsam. Erkenntnisse und Kommentare, wissenschaftlich und journalistisch, müssen gedacht, diskutiert und geschrieben werden. Der Mensch braucht nicht nur die Nachricht, er braucht auch den Kommentar von Leuten, die Zeit haben fürs Nachdenken und fürs Schreiben. Der Qualitätsjournalismus hat sich neue Betätigungsfelder gesucht und gefunden. Die Presse ist investigativ tätig, liefert Nachrichten, die nicht von selbst geliefert werden, recherchiert und durchgräbt die unterschiedlichsten Informationswelten, um Zusammenhänge aufzufinden, die sich nicht von selbst ergeben. Der neue Wert ist unbestritten – aber unterbezahlt.

Der Befreier wird zum Unterdrücker

Die zweite Attacke kommt direkt aus dem Zentrum der Disruption, Silicon Valley. Die Ware „Nachricht“ wird kostenlos angeboten und über die Verwertung der Kundenprofile in der Werbung auf der Plattform verkauft. „Kostenlos“ bedeutet, dass die Ware „Nachricht“ keinen Preis mehr hat. Die Folgen sind katastrophal: Seine Kostenloswirtschaft bedeutet den Siegeszug des Modernen Sozialisms. Die Presse hat auf die Kostenlos-Welle zu spät reagiert. Heute werden gerade mal ein Drittel ihrer Online-Angebote bezahlt – wenn’s stimmt. Immerhin hat die Branche den Kampf aufgenommen, in der Hoffnung, dass Inhalte auf Dauer auch bezahlt werden. Dabei war es doch schon früher so, dass die Zeitungen – und damit die Nachrichten -, großenteils durch Werbeeinnahmen finanziert wurden. Doch die Verlage haben es versäumt, die Werbeindustrie zu halten. Sie ist abgewandert zu anderen Medien, anderen Anbietern anderer Inhalte.

Für die Presse wäre es jetzt die sicherste Art, ihr Einnahmen zu stabilisieren, Abreden der deutschsprachigen Anbieter des Inhalts, im höherwertigen Bereich generell Inhalte nur noch gegen Bezahlung anzubieten. Dem steht jedoch das Verbot von Abreden im GWB entgegen, dessen Einhaltung vom Bundeskartellamt überwacht wird. In dieser Behörde steht der Verbraucherschutz an erster Stelle, allerdings nur eine sehr primitiver, der besagt, dass alles gut ist für den Verbraucher, was billig ist oder umsonst. Der Blick auf die Folgen, nämlich das Verschwinden vieler wertvoller Inhalte gerade zum Schaden des Verbrauchers und der Allgemeinheit, werden komplett ignoriert.

Dabei ist das Wohl der Allgemeinheit erkennbar in Gefahr – und die Politik reagiert falsch. Sie hebt sogar an, der Presse noch einen dritten Hieb zu versetzen, indem sie dem gebührenfinanzierten Fernsehen die unbegrenzte und unbezahlte Verbreitung von Textnachrichten erlaubt – so vorgesehen im neuen Rundfunkstaatsvertrag. Dagegen wehrt sich die Zeitungsbranche vehement. Ihr Präsident Mathias Döpfner, zugleich Chef des Springer-Konzerns, ist die „ohnehin gefährliche Situation brandgefährlich“, für ihn wird die Luft für die Verlage angesichts dieses zusätzlichen Kostenlosanbieters „immer dünner“. Er wehrt sich in einem großen FAZ-Interview, veröffentlicht am 27. September 2017 unter der Überschrift „Die ARD sprengt das duale Mediensystem“.

Döpfners Anliegen und das Anliegen seiner Branche sind berechtigt. Es kann nicht sein, dass ein von der Allgemeinheit finanziertes Rundfunk- und Fernsehmonopol den privatwirtschaftlichen Printmedien Konkurrenz macht. Das ist Unlauterer Wettbewerb, § 4 UWG, und zu verbieten, weil „die Wertschätzung der nachgeahmten Ware oder Dienstleistung unangemessen ausnutzt oder beeinträchtigt“ wird. Natürlich bedürfen die hier genutzten Begriffe juristischer Interpretation, z. B. durch die Beantwortung der Frage: Sind Text-Nachrichten eine nachgemachte Ware? Jawohl, sind sie! Denn in der Tat imitieren ARD-Rundfunk und Fernsehen mit Textnachrichten im Internet die wertvolle „Ware“ der Presse, nämlich deren aufwendig geschriebenen Textpakete, d. h. Nachrichten und Kommentare. Der Auftrag an sie lautet, die Rundfunk- und Fernsehmedien zu bedienen. Die Attacke durch „die Öffentlichen“ zulasten der Printmedien ist umso verwerflicher, als die Presse ausgesprochen „wertvolle Ware“ liefert, nämlich unter anderem die flächendeckende Regionalberichterstattung in Gemeinden und Kreisen. Eine solche hochdifferenzierte Leistung durch lokales Fernsehen oder digitale Angebote zu ersetzen, wäre unmöglich.

Daher der Aufruf an die Politik: Haltet die Presse, haltet an der Presse fest!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Florian Josef Hoffmann: Ab in die Mitte?

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