Wir können Gott nicht einfach abschreiben. Martin Walser

Sag mir wo die Blumen sind

Von wegen Arabischer Frühling. Wenn wir die Ereignisse in Nordafrika und dem Nahen Osten unter diesem Schlagwort betrachten, laufen wir Gefahr, die wahre Bedeutung der Geschehnisse zu übersehen.

Araber, der Lenz ist da! So posaunen es die Schlagzeilen seit Monaten in unsere Ohren und der so Angesprochene wundert sich, was da eigentlich auf ihn zukommt. Es ist der Arabische Frühling, der ausgebrochen ist und wie keine andere Kette von Ereignissen im vergangenen Jahr mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Allein: Der Begriff ist trennunscharf und im schlimmsten Fall gefährlich.

Man könnte kleinlich sein und darauf hinweisen, dass viele nordafrikanische Länder die Jahreszeit Frühling gar nicht kennen. Und überhaupt, was ist denn schon ein Frühling, der nach gemeinhin anerkannter Geschichtsschreibung an einem 17. Dezember mit der Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüsehändlers seinen Lauf genommen hat?

Man könnte kleinlich sein und außerdem darauf hinweisen, dass es nicht nur Araber waren, die sich am revolutionären Flächenbrand beteiligt haben und immer noch beteiligen. Auch Berber, Kurden und Perser haben einen hohen Blutzoll gezahlt, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Ebenfalls geschenkt.

So weit, so falsch

Eine seltsame Jahreszeit ist er aber doch, dieser Frühling. Er zieht sich über ein Dutzend Monate und erinnert mit seinen Tausenden Toten, Verletzten und Vertriebenen überhaupt nicht an sprießende Blumen und blühende Kirschbäume. Jetzt wo die Autokraten von Marokko bis Jemen entweder abgetreten sind oder zumindest Reformbereitschaft signalisiert haben, ist das doch aber alles nicht mehr so wichtig. So weit, so falsch.

Denn das eigentliche Problem mit dem Begriff des Arabischen Frühlings ist nicht seine sprachliche Ungenauigkeit, sondern seine Wirkung als Gattungsbegriff. Auf den ersten Blick scheint seine Verwendung einige Vorteile zu bieten, ist er doch plakativ und trägt so der enormen Bedeutung der Ereignisse Rechnung. Er ist auch deskriptiv, weil er mit seiner geografischen Komponente und seiner historischen Konnotation zumindest die grundlegendsten Aspekte anspricht. Damit befriedigt die Rede vom Arabischen Frühling die wichtigsten Bedürfnisse einer unter Informationsflut leidenden Moderne, indem er komplexe Wirklichkeit auf einen überschriftentauglichen Term reduziert.

Es gibt ihn nicht, den einen Arabischen Frühling

Gattungen sollten aber nur gruppieren, was tatsächlich zusammengehört, was aufgrund ausreichend ähnlicher Charakteristika eine zumindest vergleichbare Abstammung hat. Der Arabische Frühling, und deshalb ist er für mich ein Unwort, genügt dieser Anforderung nicht.

Marokko und Oman liegen mehr als 6.000 Kilometer und vier Zeitzonen voneinander entfernt. Die relativ homogene Bevölkerungsstruktur Tunesiens hat wenig mit den tiefen ethnischen Konfliktlinien in Libyen und Syrien gemein. Und während sich in Ägypten zumindest in den Städten eine breite Mehrheit der Bevölkerung friedlich gegen die Regierung Mubarak wendete, muss diese Annahme in anderen Ländern hinterfragt werden. Der Arabische Frühling impliziert eine nicht haltbare Schwarz-Weiß-Skizze.

Sollte sich diese Vorstellung als falsch erweisen, drohen der Region Jahrzehnte des Bürgerkriegs. In Libyen sind die Verteilungskämpfe bereits in vollem Gange. Nach dem Tod Gaddafis reibt sich die vormals geeinte Opposition in Grabenkämpfen auf. In Syrien steht Ähnliches zu befürchten, wenn die alawitische Elite um Assad gestürzt ist und die bis dato unterdrückten Sunniten um die Vorherrschaft im Land ringen – gemeinsam mit der drusischen, kurdischen und schiitischen Minderheit des Vielvölkerstaats sowie einer einflussreichen Diaspora.

Die Zukunft der Länder in Nordafrika und dem Mittleren und Nahen Osten ist so ungewiss wie unterschiedlich. Es gibt ihn nicht, den einen Arabischen Frühling. Erst wenn wir der verlockenden Übersimplifizierung widerstehen, können wir die Geschehnisse vielleicht begreifen. Jenseits aller Schlagzeilen.

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