Von den meisten Menschen wird Gott als eine Art Kundendienst betrachtet. Ilona Bodden

„Jesu Botschaft ist nicht kompliziert“

Mit Jesus liebt mich gesellt sich Florian David Fitz in den Club der Jesus-Darsteller und feiert sein Debüt als Regisseur. Mit Alexander Görlach spricht er über Jesus als Filmfigur, seinen persönlichen Glauben und die Lust am Weltuntergang.

The European: Warum Jesus? Es gibt so viele Vorlagen in der Literatur- und Filmgeschichte. Daran kann man sich leicht verheben.
Fitz: Es ist ja nicht so, dass ich in die Bücherei gegangen bin und gesagt habe: „So, was will ich verfilmen?“ Ich war eigentlich als Schauspieler angefragt. Ich bin reingestolpert und hab geschaut, was ich zum Projekt mit meinen Ideen beitragen kann. Dann hat man mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, die Buchfassung zu schreiben. So kam eines zum anderen.

The European: Es gibt tausend Verfilmungen, von „Jesus aus Montreal“ bis zu Mel Gibsons „Passion Christi“. Wenn man sich vor so eine Aufgabe stellt und dann noch in dreifacher Rolle – Drehbuch, Regie und Hauptdarsteller – könnte man sagen: entweder vermessen, Größenwahn oder genau richtig.
Fitz: Im Nachhinein kann man solche Fragen stellen, aber während der Entstehung stellen sich die Fragen nicht so systematisch. Ich habe mir schon überlegt, ob das der erste Film sein soll, in dem ich Regie führe. Du musst Bilder für alles finden, was in dem Buch erzählt wird. Du musst schauen, wie kannst du das in einem Film rüberbringen, wie kannst du diese Figur erzählen. Es war mir klar, dass ein Film mit Jesus ein riesiges Unterfangen ist.

„Die Komödie entsteht, indem die heutige Welt auf Jesus prallt“

The European: Die Figur Jesus von Nazareth ist für die europäische Kultur und Geschichte eine zentrale. Worin liegt eigentlich der große Reiz, wenn man sich dieser Figur künstlerisch nähert?
Fitz: Der Reiz ist zuerst einmal ein ganz simpler: Eine Geschichte zu erzählen, die man vielleicht in Zügen kennt, aber die in der konkreten Verfilmung einen anderen Twist erhält, indem sie in einer Komödie zu einer anderen Sache kommt. Als ich gefragt wurde, sah ich den Reiz darin, dass diese Geschichte bei Gott endet. Man kann hier in Form eines Märchens ein paar Fragen stellen, die uns alle beschäftigen. Das finde ich reizvoll.

The European: Ist es nicht ein bisschen – ich sage jetzt mal bewusst – plakativ, sich so einfach dieser Figur Jesus zu nähern: Dann läuft er halt zum x-ten Mal übers Wasser, dann teilt er mit den Armen und wäscht dem Bettler die Füße? Ist es nicht immer eine Gefahr, dass man auf eine Schneide zur Naivität dieser Jesus-Interpretation kommt?
Fitz: Du merkst Jesus doch an, dass er einiges gesehen und erlebt hat. Er weiß, wie die Menschen sind, er weiß, wie sie ticken. Aber er hat eine Aufgabe. Seine Aufgabe ist es, den Menschen eine Richtung zu geben, das Einfache zu tun und zu versuchen, gut miteinander umzugehen. Wenn jemand um das Schlechte weiß, aber trotzdem das Gute sucht: Das kann man jetzt naiv nennen, oder aber genau das Gegenteil.

The European: Ich meinte nicht, dass Christus naiv ist, sondern dass Ihre Jesus-Darstellung als naiv gesehen werden könnte.
Fitz: Ich denke, die Komödie entsteht dadurch, dass die jetzige Welt, so wie sie ist, auf diesen Jesus prallt, auf diese Figur, die nach 2000 Jahren sieht, was eigentlich aus ihren Ideen geworden ist. Das ist, finde ich, der Reiz, der trotz des Komödien-Genres immer präsent ist: Haben wir Menschen uns geändert oder haben wir es nicht? Was ist denn eigentlich passiert? Was ist also aus seiner Idee geworden? Ich finde, man muss da die Kernbotschaft relativ simpel halten. Sie ist auch nicht schwierig. Die Kernbotschaft von Jesus ist doch keine komplizierte, oder?

„Du kannst ihn nicht als Ikone spielen“

The European: Was ist denn die Kernbotschaft Jesu Ihrer Meinung nach?
Fitz: Ich kann nur sagen, wie ich es verstehe. Die Zehn Gebote sind auch nicht wahnsinnig kompliziert.

The European: Man kann sagen, dass es sich auf ganz einfache menschliche Art reduzieren lässt, sich Empathie immer wieder bewusst zu machen und den Menschen empathisch zu begegnen. Das ist eine lebenslange Aufgabe.
Fitz: Die Herausforderung für Jesus ist ja im Film, dass er, obwohl man ihn ans Kreuz genagelt und er gesehen hat, was die Menschen einander antun, sich dafür entscheidet, zu sagen: Ich bin weiterhin für die Menschen da.

The European: Dieser Jesus sagt an einer Stelle, dass die Kreuzigung eigentlich gar nicht so schmerzhaft war, sondern der Verrat vorher und alle Dinge, die dem vorausgingen.
Fitz: Wenn du dich der Figur Jesus näherst, kannst du ihn nicht als Ikone spielen. Alle erwarten natürlich, dass du eine Ikone spielst – und so kannst du es nur falsch machen! Aber wenn du dich als Schauspieler dort hinstellst, musst du versuchen, ihn als Mensch zu verstehen. Jeden Menschen schmerzt es, fallen gelassen oder verraten zu werden – mehr als etwa körperliche Schmerzen.

The European: Sie mischen biblische Motive in eine Komödie. Ist das respektlos?
Fitz: Wir mischen beides in einer guten Weise, wie ich finde. Wir haben Spaß dran, diese Sache aufs Korn zu nehmen, die man von den Bildern oder der Bildsprache her kennt. Man muss doch mit den Klischees spielen, die wir alle kennen, also zum Beispiel wie aus Wasser Wein wird. Bei „Vincent will Meer“ war es auch so, dass man sich fragt, wie man die drei Krankheiten, unter denen die Protagonisten litten, und von der eine vielleicht tödlich verlaufen wird, in eine Komödie bringen kann. Das kann schiefgehen, das kann gut gehen.

„Ich glaube nicht, dass es eine ordnende Macht gibt“

The European: War es ein Thema, dass sich religiöse Menschen von Ihrem, sagen wir, freien Umgang mit Jesus Christus verletzt fühlen könnten?
Fitz: Ich wollte, dass es ein lustiger Unterhaltungsfilm wird, der aber in einem ernsthaften Kern wichtige Fragen stellt. Es wird immer einige geben, die es anders sehen. Beim Feuilleton will man es gerne schärfer, schwärzer oder böser. Andere Leute haben Angst um die Botschaft der Bibel. Ich muss mich, obwohl ich selbst nicht mehr glaube, dem Kern mit Respekt nähern, wenn ich die Figur darstellen will.

The European: Der Regisseur der Oberammergauer Passionsspiele ist selber auch nicht mehr gläubig und sagt auch, dass man gar nicht gläubig sein muss, um die Geschichte Jesu, in seinem Fall die Passion, zu inszenieren. Dieser Jesus gehört zumindest in Europa allen und nicht nur der Kirche oder nur den Gläubigen.
Fitz: Man kann aber glauben, dass es diese Person gab. Es wird ja diese historische Person gegeben haben.

The European: Den historischen Jesus kennen wir kaum. Wir kennen nur, was über diese historische Figur geschrieben wurde und das sind Glaubensschriften. Dass diese historische Figur über das Wasser gelaufen ist, werden wir nicht wirklich wissen oder belegen können.
Fitz: Das sind ja alles Bilder. Wir sind darüber hinaus, dass wir das wörtlich nehmen.

The European: Die Frage, die sich stellt, ist, ob man sich als Nicht-Gläubiger dieser Glaubensgeschichte nähern kann.
Fitz: Das würde ich hoffen, ja.

The European: Gibt es einen Moment, von dem Sie sagen würden, dass Sie in ihm Ihren Glauben verloren haben?
Fitz: Wenn ich drüber nachdenke, glaube ich nicht, dass es eine ordnende Macht gibt. Ich glaube daran, dass das Gebet eher ein Dialog mit sich selbst oder mit einer Instanz in sich selbst ist, indem man weiß, was recht ist und was nicht, wie man mit anderen Menschen umgehen kann. Das wissen wir eigentlich alle in irgendeiner Weise.

The European: Es gibt sicher viele Angelegenheiten, bei denen wir nicht so einfach wissen, was richtig und was falsch ist.
Fitz: Nein, aber es ist auch leichter und ein probates Mittel, diese Fragen auszulagern und sich jemanden anderen vorzustellen, mit dem man das im Dialog ausmachen kann. Die Gottes-Idee ist schließlich dazu da, uns immer wieder Impulse zu geben, zu versuchen, ein gutes Leben zu führen.

„Die Lust am Weltuntergang hat den gleichen Sinn wie Beten“

The European: Hirnforscher haben nachgewiesen, dass bei einem Gebet dieselben Regionen aktiv sind wie bei einem Gespräch.
Fitz: Ja, und es ist auch eine Art von Meditation. Es hat doch was, über das Leben zu reflektieren, über das, was man tut. Das fällt bei uns Nicht-Gläubigen ein bisschen flach aus. Bei Nicht-Gläubigen merkt man auch, dass das Pendel zurückschwingt und ein Bedürfnis nach Meditation besteht.

The European: Das Thema Ihres Films ist der Weltuntergang; er spielt förmlich mit der Freude des Menschen am Inferno. Was meinen Sie, woher dieser Hunger auf unseren eigenen Untergang kommt?
Fitz: Es hat wahrscheinlich den gleichen Sinn wie das Beten. Es hat etwas mit Selbstreflexion zu tun. Wenn man denkt, dass das Ende kommt, zieht man Bilanz und schaut, worauf es denn wirklich ankommt. Vielleicht ist das das Bedürfnis dahinter. Sicher ist: Das Leben wird irgendwann enden und dann muss man sich verantworten – letzten Endes vor sich selbst.

The European: Ist das bei Ihnen auch so?
Fitz: Natürlich habe ich Lust am Untergang. Aber nicht unbedingt in der Realität.

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