Unser Glück verpflichtet uns zum Kampf. Jean Ziegler

„Es wird mehr deutsche Opfer geben“

Die Zahl der Toten in Afghanistan nimmt zu – auf beiden Seiten. Der Konflikt in dem Land ist militärisch nicht zu gewinnen. Es muss eine politische Lösung her, sagt der Journalist Felix Kuehn, der seit vier Jahren in Afghanistan lebt und arbeitet. Das Interview führte Mark T. Fliegauf.

bundeswehr afghanistan usa nato terrorismus gewaltenteilung taliban opium

The European: Herr Kuehn, Sie leben seit knapp vier Jahren in Afghanistan und haben zu Recherchezwecken viel Zeit mit Talibanführern verbracht. Bei der Trauerfeier für die vier in Afghanistan gefallenen deutschen Soldaten hat Verteidigungsminister zu Guttenberg angedeutet, dass der Kampf gegen die Taliban noch Jahre dauern könne. Glauben Sie, dass dieser Krieg vor Ort überhaupt gewonnen werden kann?
Kuehn: In Afghanistan gibt es keine militärische Lösung. Wir befinden uns in einem politischen Konflikt, wir brauchen eine politische Lösung. Das Militär kann dabei nur eine Komponente sein, aber es kann alleine keine Lösung finden, es bedarf einer großen, also politischen Strategie.

The European: Die NATO-Staaten haben mittlerweile über 100.000 Truppen in Afghanistan stationiert, die Vereinigten Staaten allein über 60.000 Mann. Und dennoch scheint es militärisch kein Vorankommen zu geben. Bis Juni sollen 18.000 von insgesamt 30.000 zusätzlichen amerikanischen Truppen im Einsatz sein. Was kann die “surge” bewirken?
Kuehn: Zunächst einmal die Zunahme von Gewalt und von Opfern auf allen Seiten. Genau das macht sich schon bemerkbar. Es gibt mehr Tote aufseiten der Taliban, aufseiten der Regierung, der westlichen Truppen und der Zivilbevölkerung.

The European: Eventuell eine kurzfristige Eskalation zur langfristigen Sicherung …
Kuehn: Da bin ich sehr skeptisch. Ich denke, wir öffnen hier die Bühne, damit wir später erklären können, dass wir gewonnen haben. So wie wir es in Marjah gesehen haben. Das ist eine Ansammlung von ein paar Häusern und Opium – Opium ist überall –, da sind westliche Truppen mit 15.000 Mann reingegangen. So einen extremen Aufmarsch von Truppen kann man nicht in anderen Städten und Regionen replizieren. Aber eine langfristige Strategie sehe ich nicht, und ohne die habe ich Zweifel, dass diese Militäroperationen nachhaltig etwas bewirken.

Nicht alle Rebellen sind Taliban

The European: Müssen wir also mit weiteren Opfern rechnen? Auch unter den deutschen Truppen?
Kuehn: Ich fürchte, ja. Der Trend in Nordafghanistan ist eindeutig. Die Rebellen im Norden werden immer stärker. Es wird mehr Widerstand geben, mehr Hinterhalte, mehr Gefechte und auch Bombenangriffe. Wir können davon ausgehen, dass es mehr deutsche Opfer geben wird.

The European: Was macht die Taliban so scheinbar unbezwingbar?
Kuehn: Erst einmal sollte man im Westen zur Kenntnis nehmen, dass nicht alle Rebellen, die gegen die Regierung kämpfen, Taliban sind. Im Norden gibt es verschiedene Gruppen. Die Quetta shura, also die Führungsgruppe der afghanischen Taliban, hat Kämpfer in den Norden geschickt und Schattengouverneure eingesetzt. Aber auch andere Gruppen, wie Hizb-e Islami, spielen da eine Rolle – genauso wie lokale Warlords und kriminelle Banden.
Die afghanischen Taliban sind am stärksten im Süden vertreten. In den westlichen Medien werden die Rebellen oft schnell in eine Kategorie geworfen. Nehmen wir die südlichen afghanischen Taliban. Die Taliban genießen oft den Rückhalt der Bevölkerung; die meisten ihrer Kämpfer leben vor Ort in den jeweiligen Gemeinden. Und oft haben sich ganze Gemeinden auf die Seite der Taliban geschlagen, weil sie Probleme mit der afghanischen Regierung oder zumindest mit lokalen Regierungsvertretern haben.

The European: Dabei betonen westliche Regierungen und Militärs stets die Abneigung und Furcht der afghanischen Bevölkerung vor den Taliban.
Kuehn: Die ist bei einem Teil der Bevölkerung auch da. Vor allem in den Städten. Aber weite Teile der ländlichen Bevölkerung halten die Taliban mittlerweile wieder für die bessere Alternative zur Regierung – nicht weil sie ideologisch überzeugt sind, sondern weil die lokalen Regierungsvertreter oft Probleme mit sich bringen und ihnen vor den Taliban in weiten Teilen des Landes ohnehin keinen Schutz bieten können. Des Weiteren haben die Taliban seit ihrer Reaktivierung 2002/3 ihre Taktiken angepasst. Gerade im Süden bieten sie oft mehr Service als die Regierung – beispielsweise durch Gerichtshöfe.

Die Lage in Kandahar hat sich dramatisch verschlechtert

The European: Inwiefern mehr Service?
Kuehn: Die Regierung, vor allem aber die Kommunalregierungen, sind hochgradig korrupt und so strukturiert, dass sie systematisch Teile der Bevölkerung benachteiligen. Große Teile der Afghanen im Süden haben schon 2003 wieder aktiv Kontakt zu den Taliban gesucht, weil sie von lokalen Machthabern, die ihrerseits von ausländischen Truppen unterstützt wurden und werden, gezielt vom politischen Prozess und damit von der Teilhabe an der Regierung ausgeschlossen wurden. Die Taliban hingegen sprechen Recht. In Kandahar gibt es beispielsweise drei Gerichtshöfe. Das Recht, das dort gesprochen wird, ist transparent, kann nicht erkauft werden und wird von der Bevölkerung verstanden, auch wenn es skrupellos ist.

The European: Sie leben ausgerechnet in der ehemaligen Taliban-Hauptstadt Kandahar. Wie sicher fühlen Sie sich?
Kuehn: Eine schwierige Frage. Momentan ist es noch möglich, hier zu arbeiten, wenn auch wesentlich weniger gut als noch vor sechs Monaten. Die Lage in der Stadt hat sich dramatisch verschlechtert, es gibt jeden Tag Morde oder Entführungen und die Anzahl der Selbstmordanschläge ist stark gestiegen – zumindest in den letzten Wochen. Die Atmosphäre in der Stadt ist umgeschlagen – viele meiner afghanischen Freunde haben Kandahar verlassen oder planen zu gehen. Irgendwo ist es jedoch auch noch ein normales Leben, wenn auch sehr eingeschränkt.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Robert Reich: „Freihandel hilft vor allem den Mächtigen“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Bundeswehr, Afghanistan, Usa

Debatte

10 Jahre Afghanistan

Medium_fde3cd17c5

Von Bonn nach Bonn

Trotz vieler Rückschläge haben sich in Afghanistan Ansätze einer Zivilgesellschaft herausgebildet, doch die Ermordung vieler Taliban scheint sich mittlerweile als Fehler herauszustellen. weiterlesen

Medium_4d1e5793bb
von Niels Annen
18.10.2011

Kolumne

Medium_93b0b557aa
von Christian Böhme
06.10.2011

Debatte

Schadenfreude in Afghanistan

Medium_58dd178e30

Zur falschen Zeit am richtigen Ort

Für die afghanische Regierung ist die Entdeckung Bin Ladens in Pakistan Grund zur Genugtuung. Nicht in ihrem Land, sondern beim benachbarten US-Partner hat sich der Terroristenführer versteckt. Die... weiterlesen

Medium_7741888158
von Bente Scheller
17.05.2011
meistgelesen / meistkommentiert