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Vertrauen ist ein hohes Gut. Dies bestätigen 98 Prozent aller 400 befragten Führungskräfte in einer Studie, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhoben wurde. Das überraschende Ergebnis: moderne Medien sind, wenn es um wirkliches Vertrauen geht, weitgehend außen vor. Wie kommt das?

Vertrauen ist ein hohes Gut. Dies bestätigen 98 Prozent aller 400 befragten Führungskräfte in einer Studie für das Institut iConFi in St. Gallen, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhoben wurde. Für alle ist das Vertrauen „wichtig“ oder „sehr wichtig“, sowohl privat als auch geschäftlich. Kein einziger der befragten Manager und Managerinnen bewertete Vertrauen als „unwichtig“. Dabei handelt es sich keinesfalls um naives, blindes Vertrauen, hier differenzieren Führungskräfte deutlich: Die Wichtigkeit von Vertrauen im Privatleben ist höher, auch Kollegen wird weniger vertraut, als den eigenen Mitarbeitern und Vorgesetzten.

Im Vergleich mit externen Stakeholdern – also gegenüber Kunden und Klienten, Dienstleistern und Geschäftspartnern – sinkt die Bedeutung noch mehr ab. Hier wird Vertrauen nur noch mit etwa 50 Prozent als sehr wichtig eingestuft, zehn Prozent der Führungskräfte betrachten es in dieser Beziehung tatsächlich als eher unwichtig. Vertrauen scheint die Grundbedingung für Kooperation und Teamwork innerhalb von Organisationen zu sein. Jedoch sind die Ansprüche und Vorrausetzungen, wie Vertrauen zustande kommt, sehr differenziert zu betrachten.

Fassbare Faktoren entscheiden die Zusammenarbeit

Die Studie fragte auch die Triebkräfte für Kooperation ab. Welche Faktoren sind im Führungskräftealltag wichtig, damit vertraut wird? Bei den Ergebnissen finden sich Klassiker der Führungslehre, wie Sympathie und Gemeinsamkeiten, das Vorliegen persönlicher Informationen und fachbezogene Berufserfahrung. Es gibt jedoch überraschende Erkenntnisse: Hierarchie und Seniorität wirken kontraproduktiv, vor allem wenn dies der beherrschende Faktor der Zusammenarbeit ist.

Berufsbezogene Erfahrung sowie das Mitteilen von persönlichen Informationen (Hobbies, Familie und Interessen) – um Gemeinsamkeiten und Sympathie zu schaffen – haben einen stark positiven Einfluss auf das Vertrauensniveau. Dies gaben 60 Prozent der Befragten an. Überraschend ist allerdings, dass berufliche Stationen in renommierten Unternehmen weit weniger ins Gewicht fallen, was das Vertrauen in Teamwork und Kooperation betrifft. Diese Information ist nur für rund 20 Prozent der Befragten wichtig und kann sogar zu negativen Effekten führen. Ergo: Der Arbeitsalltag ist kein Bewerbungsgespräch mehr, sondern ein dauerhaftes, situatives und reflektiertes Streben nach Vertrauen, Sympathie und erfolgreicher Teamwork.

Alle sind gleich und manche sind gleicher

Eine weitere Herausforderung des Manageralltags ergibt sich nicht nur beim Aufbau von Vertrauenskapital, sondern auch aus dem Ringen um praktische Kooperation und dem Einbringen der Leistung in ein soziales Gefüge. Bei dieser Interaktion bildet das Gewähren eines Vertrauensvorschusses eine entscheidende Rolle. Während 20 Prozent der Personen der iConFi-Managementstudie grundsätzlich in allen Fällen kooperieren, es handelt sich hier um die dominante Verhaltensart –, also vertrauensvoll und gutwillig handeln, agiert der Hauptteil der Führungskräfte im deutschsprachigen Raum absolut strategisch.
Der Hauptteil der Führungskräfte kalkuliert ihren eigenen Nutzen und Aufwand in die zukünftige Kooperation ein. Hierbei zeigen die empirischen Ergebnisse der Studie auf, dass an dieser Stelle grundsätzlich zwei unterschiedliche Verhaltensarten auftreten: Typus B wartet immer erst mit der Kooperation ab, bis der andere sich proaktiv zeigt, also kooperiert. Typus C leistet in allen Fällen genauso viel an Teamwork wie der andere auch. Dies zeigt, dass das klassische Bestreben der Führungskraft um Vertrauen und Sympathie alleine nicht ausreicht. Erfolgreiches Teamwork funktioniert ab einem gewissen Punkt nicht mehr, wenn das Vertrauen dadurch erschöpft wurde, dass es zu oft missbraucht wurde. Esgibt sie, die „Kooperationsverweigerer“, bei denen jedes Verhalten nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Mit empirisch 25 Prozent Chance begegnet man ihnen – und zwar auf jeder Hierarchieebene. Hier wirken Kommunikation und Sympathie nur eingeschränkt. Der Nutzen der Kooperation für den Mitarbeiter im Projekt muss sich „lohnen“.

Die Wahl des Kommunikationsweges beeinflusst das Vertrauen

Wie kann im Zeitalter von web 4.0, von social media, Twitter und Co. der Mitarbeiter als Mensch in einer Organisation noch Vertrauen entwickeln? Welche Ressourcen, Daten und Informationswege der Kommunikation sind essentiell, damit Kooperation der Mitarbeiter für die Organisation effizient gestaltet wird? Und wie bewegt sich kommunikativ eine Führungskraft sinnvoll in der (digitalen) Arbeitswelt? Das persönliche Treffen ist hier immer noch die vertrauensbildende Massnahme Nummer eins. 98 Prozent aller befragten Manger – und zwar einhellig aus dem DACH-Raum, aus allen Branchen, aus allen Hierarchiestufen, aller Unternehmensgrössen, altersübergreifend, aus beiden Geschlechtern, sowohl der Wirtschaft wie auch aus dem öffentlichen Dienst – bewerten das persönliche Treffen auch im Jahr 2015 mit Abstand als die bedeutenste und beste Art, einen Kontakt herzustellen, zu pflegen und Vertrauen zu gewinnen.

Die aufgewandte Zeit, die damit verbundenen Kosten und Umstände der Organisation sind notwendig und sollten als Allerletztes Rationaliserungs- und Optimierungs- und kurzfristigen kalkulatorischen Interessen zum Opfer fallen. Anhand dieser empirischen Ergebnisse der iConFi Studie können ab sofort jegliche Grundsatzdiskussionen über Sinnhaftigket und Buget für solche Anlässe versachlicht und statistisch verankert werden.

Das Telefongespräch liegt aktuell als Medium immer noch weit vor der Videokonferenz, obwohl hier Bild und Ton gleichzeitig vorhanden sind und es theoretisch eine Verbesserung des Kontakts sein müsste. Ohne dass dies en detail begründet wurde, gibt es verschiedene Meinungen und Theorien, warum das Telefonat favorisiert wird. Vertrautheit mit dem Medium, Qualität der Übertragung, technische Gegenbenheiten, schlechtere Möglichkeit um zu Lügen, Einsicht in die Privatsphäre, konzentriertere Informationsvermittlung – dies waren die Hauptargumente. In international agierenden Unternehmen ist die Nutzung von Videocalls mit plus 21 Prozent ausgeprägter, jedoch wirkt auch hier das Telefongespräch vertrauensbildener. Wie auch Gunnor Sohn zum Kommentar in The European gibt: „Fast die Hälfte favorisiert immer noch dümmliche Telefonkonferenzen. (…) obwohl mit Skype oder Hangout kostenlos nutzbare Dienste in der Freizeit zum Standard zählen.“

Email und Chat werden auch eher im Nachgang genutzt, also wenn das Vertrauen bereits vorhanden ist, bzw. wenn es um die spätere Abwicklung und Kommunikation von Arbeitsprozessen geht. Beide sind als vertrauensbildende Massnahme zum heutigen Zeitpunkt des Manageralltags eher als sekundär einzustufen. Zum aktuellen Zeitpunkt erscheinen neue Kommunikationswege, was die Sichtweise innerhalb Organisationen für Führungskräfte betrifft, immer noch eher eine Ergänzung und kein Ersatz zu sein. Hier ist dem Beitrag „Wilde Projekte als Blaupause für die Netzökonomie – Deutsche Unternehmen schwächeln schon bei der digitalen Arbeitsorganisation“ von Gunnar Sohn absolut recht zu geben, sogar im kompletten deutschsprachigen Raum, inkludiert Österreich und der Schweiz.

Eher unerwartet, aber als stärkste Nachricht steht aber über allem: Das persönliche Treffen ist aktuell immer noch mit Abstand die wichtigste Kontaktart, um Vertrauen zu gewinnen. Das gilt gleichermaßen für international tätige Unternehmen, vor allem bei Projektstart, für Unternehmensnetzwerke und bei allen Teambildungsprozessen.

Die Studie ist abrufbar unter www.iconfi.com.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Florian Josef Hoffmann, Christian Lindner, Vera Lengsfeld.

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