Buona sera. Jorge Mario Bergoglio

„Das ist schon längst 'Apocalypse Now'“

Er ist der Vater des Bundesverteidigungsministers, selbst international anerkannter Dirigent und seit über 40 Jahren glühender Umweltschützer: Enoch Freiherr zu Guttenberg im Interview über Kindheitstraumata, seine düsteren Zukunftsprognosen, Umwelttechnologie auf Schloss Guttenberg und die Notwendigkeit umzudenken. Das Gespräch führte Constantin Magnis.

The European: Baron Guttenberg, Sie sind Dirigent, Manager, Großgrundbesitzer, wie kommt es, dass jemand wie Sie zum Umweltschützer wird?
zu Guttenberg: Ein ordentlicher Umweltschützer, wissen Sie, was das heute ist? Der Lobbyist unserer Kinder, deren Zukunft in Gefahr ist, sonst nichts. Aber mich hat es schon als kleiner Bub traumatisiert, was mit der Umwelt geschieht. Die Gegend hier bei uns war einmal wunderschön. Dann wurden Straßen in die verwunschensten Täler gebaut, Bäche wurden begradigt und asphaltiert, und es gab 20 dicke Ackerpferde, die innerhalb eines Jahres alle einen Kopf kürzer gemacht und von drei Maschinen ersetzt wurden. Das war ein Schock, den ich als Kind nicht verarbeitet habe.

The European: Ihr Sohn Karl-Theodor nennt Sie heute einen “bekennenden Apokalyptiker”, warum?
zu Guttenberg: Also, Heiner Müller hat einmal gesagt: “Optimisten fehlt es an Information.” Ich beschäftige mich seit 40 Jahren mit der Umweltproblematik, und wie dramatisch die Lage wirklich ist, haben bisher die wenigsten begriffen. Seit Jahrzehnten predigt die Wissenschaft den Klimawandel, aber noch 2006 haben die Leute einem den Vogel gezeigt, wenn man mit dem Thema kam. Erst seit dem UN-Klimabericht ist der Klimawandel überhaupt auf der Agenda. Ich fürchte, das ist viel spät.

“Eine Zahl, die alle kennen, aber niemanden interessiert: Jeden Tag sterben infolge unseres Umgangs mit dem Planeten 29.000 Kinder”

The European: Weshalb so pessimistisch?
zu Guttenberg: Während die Menschheit davon spricht, mehr als zwei Grad Klimaerwärmung verhindern zu wollen, verdrängt sie, was die bereits existierenden 0,7 Grad Erwärmung unwiderruflich auslösen: erstens, das irreversible Abschmelzen der Grönlandkappen. Das wird in den nächsten 30 Jahren die Heimat von 1,4 Milliarden Menschen unter Wasser setzen. Und wenn die zu uns kommen, dann sicher nicht freundlich winkend mit dem Reisebus. Zweitens, das Auftauen der Permafrostböden in Taiga und Tundra ist nicht mehr zu stoppen: Wenn das Methangas darunter in die Luft steigt, erwärmt sich das Klima nicht, es wird sich erhitzen! Und heute schon produzieren wir jeden Tag 30.000 Hektar Wüste, jeden Tag verlieren wir 56 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden, täglich sterben 100 bis 150 Arten aus, jährlich verlieren wir 13 Millionen Hektar Wald, die Lunge unseres Planeten. Und wir pumpen täglich weiterhin und unverdrossen 100 Millionen Liter Treibhausgas in die Atmosphäre, Tendenz steigend. Und zuletzt noch eine Zahl, die alle kennen, aber niemanden interessiert: Jeden Tag sterben infolge unseres Umgangs mit dem Planeten 29.000 Kinder. Da bin ich nicht apokalyptisch, das ist schon längst ‘Apocalypse Now’! Und ich fürchte, gegen das, was an menschlichen Konflikten auf uns zukommt, war der Zweite Weltkrieg ein Spaziergang.

The European: Diese Überzeugung muss einem Vater von zwei kleinen Kindern doch den Schlaf rauben …
zu Guttenberg: Ehrlich gesagt liege ich nachts tatsächlich oft vor Sorge wach. Nicht meinetwegen. Ich lebe hier in Saus und Braus, ich habe einen Beruf, den ich heiß liebe, ich gehe jeden Tag reiten und wer weiß, wie lange ich das noch kann. Aber ich habe beklemmende Angst um die Zukunft meiner Kinder und Enkelkinder. Die Frage ist, ob sie später auch nur annähernd so auf diesem Planeten leben können, wie wir es heute tun.

“Mein Schloss wird mit Energiesparlampen beleuchtet, auch wenn das Licht scheußlich ist“

The European: Was müssten unsere Kinder denn lernen, um zu überleben?
zu Guttenberg: Das System Wachstum muss in seiner Endlichkeit von ihnen begriffen werden. Das Einzige, was uns helfen kann, ist radikale Energieeffizienz. Aber dazu muss der Mensch aufhören, den Ernst der Lage zu verdrängen. Leider hat er das immer schon getan.

The European: Haben Sie persönlich schon Konsequenzen gezogen und technisch umgerüstet?
zu Guttenberg: Das gesamte Schloss wird mit Energiesparlampen beleuchtet, auch wenn das Licht scheußlich ist. Und die gesamte Anlage mit allen Gebäuden wird mit Hackschnitzeln beheizt. Guttenberg ist heute weitgehend klimaneutral, und auf unserem Haus in Neubeuern habe ich ein Solardach. Autofahren muss ich leider immer noch, weil die Bahnverbindungen von hier so eine Frechheit sind. Aber auf der Autobahn bleibe ich eisern unter 130, und mein Audi fährt mit Gas. Aber wie lange ich dafür gebraucht habe! Ich als Geldsack kann es mir immerhin leisten, mein Auto für viele Tausend Euro auf Gas umzurüsten.

“Der Karl-Theodor sieht die Dinge wie ich, aber differenzierter und kritisch. Er gehört zu denen, die sagen, das kriegen wir in den Griff”

The European: Ist es Ihnen gelungen, Ihren Kindern das Umweltbewusstsein weiterzugeben?
zu Guttenberg: Naja, die haben ihr Leben lang nichts anderes gehört, die Armen. Mein Sohn Philipp sieht die Dinge heute fast genauso wie ich. Der Karl-Theodor auch, aber differenzierter und kritisch. Er gehört zu denen, die sagen, das kriegen wir in den Griff. Ich kann nur sagen: Gott gebe es. Ich bin leider überzeugt davon, dass er sich irrt, aber trotzdem froh, dass er so denkt. Ich habe nicht mehr die Kraft, so zu denken. Ich hoffe von Herzen, ihrer Generation gelingt es, das Ruder herumzureißen, aber ich sehe keinen Ansatz.

The European: Sehen Sie ihn denn irgendwo in der Politik, diesen Ansatz? Eine Vision, die Hoffnung macht? Erste Bausteine einer neuen Denkkultur?
zu Guttenberg: Leider fehlt es uns an den großen Köpfen, die in der Öko-Problematik klare Meinungen haben und diese auch philosophisch und wirtschaftspolitisch untermauern können. Nein, von der Politik erwarte ich nicht viel, weil der 4-Jahres-Rhythmus zu Klein-Klein zwingt und der Wähler die nötigen Zumutungen nicht zulässt.

Quelle: Cicero

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