In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Jean Ziegler

„Die Freaks sind immer da“

Gewohnt melancholisch geht es auf dem neuen Album „Lieblingsfarben und Tiere“ von Element of Crime zu. Beim gemeinsamen Bier hauen Frontmann Sven Regener und Drummer Richard Pappik aber ordentlich aufs Blech und erzählen Max Tholl von herabstürzenden Kronleuchtern und rosenstutzenden Rockstars.

The European: In dem Lied „Rette mich“ auf dem neuen Album singen Sie: „Heimatlos und viel zu Hause. Unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun“. Beschreibt das nicht auch Element of Crime?
Regener: Irgendwie schon. Heimatlos waren wir immer. Wir haben nie zu einer bestimmten Szene gehört und standen nie für einen bestimmten Trend, sondern sind weitgehend alleine durch alles gesegelt. Es gab nie so was wie einen allgemeinen Kontext für diese Band.

The European: Weil Sie sich dagegen gewehrt haben?
Regener: Mein Lieblingsbeispiel ist die sogenannte Hamburger Schule zu der anfangs jeder gehören wollte, da sie schnelle Aufmerksamkeit versprach. Später wollte es aber keiner gewesen sein. Man will ja – zu Recht – in seiner Individualität wahrgenommen werden und nicht ständig mit andern verglichen werden. Zu einer Szene zu gehören ist erst Segen, dann Fluch.

The European: Sie würden sich also nicht als Berliner Band bezeichnen?
Regener: Haben wir nie gemacht, sind wir aber natürlich. Als wir 1985 angefangen haben, Musik zu machen, hat man das auch noch lieber verheimlicht. Berliner Bands gab’s ja Anfang der 1980er unglaublich viele und nur wenige waren überzeugend. Wir haben unsere Herkunft nie an die große Glocke gehängt. Wir sangen ja auch anfangs auf Englisch und da dachten viele, wir würden aus dem Ausland kommen. Skandinavien oder weiß der Geier. War uns egal, haben wir aber auch nicht geleugnet. Mittlerweile gehören wir aber zu Berlin wie die Siegessäule.

The European: Berlin gilt heute als die Szenestadt Europas – ein Ort, an dem alles geht. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Regener: Es ist so ein bisschen wie in dem einen Song: „Nichts ist so kalt wie der heiße Scheiß von gestern.“ Klar passiert hier viel und vieles gleichzeitig. Je nachdem, wohin man guckt, kann man sagen: „Wow, da passiert was ganz Neues“, oder halt: „Kenn’ ich schon, langweilig“.

Pappik: Der Charakter der Stadt hat sich nach der Wende enorm verändert. Früher war Berlin ja so was wie ein buntes Ausgeflipptengefängnis, wo sich alle trafen, die nicht zur Bundeswehr wollten. Das zeigt sich auch heute noch in abgewandelter Form.

Regener: Vor allem ist die Stadt zweimal so groß wie damals – das darf man nicht vergessen! Mit dem Mauerfall kam plötzlich eine Stadt hinzu, die wir noch nie gesehen hatten. Das begünstigte auch den Technoboom Anfang der 1990er, der die Stadt bis heute prägt.

„Lieder sollen nicht die Zeitung vertonen“

The European: Beim ersten Hören des Albums fällt auf, dass die Ratlosigkeit und das Verlangen nach einer verflossenen Liebe die zentralen Themen der Platte sind. Würden Sie dem zustimmen?
Regener: Ist doch fast immer so.

The European: Aber wieso?
Regener: Weil das gute Themen für Songs sind! Liebe liefert genügend Stoff – gerade wenn’s schiefgeht. Songs drücken Gefühle aus und da kommt man am Thema Liebe einfach nicht vorbei, ist ja klar.

The European: Beim letzen Album wurden Sie gefragt, ob Sie nicht gerne ein Lied zur Finanzkrise machen würden. Sie meinten damals, die Kunst könne erst reagieren, wenn das Leben des Einzelnen betroffen ist. Würde die Idee Sie jetzt reizen?
Regener: Ich habe noch mehr gesagt. Ich habe auch behautet, dass man eine gewisse Distanz braucht, um sich zu vergewissern, ob sich das Thema überhaupt lohnt. Heute redet vielleicht jeder darüber, aber was ist in zwei Jahren? Ist das Lied dann veraltet? Lieder sollen nicht die Zeitung vertonen. Wenn man sich unsere Lieder aber genau anhört, kann man sie alle ausnahmslos unter dem Aspekt der Finanzkrise betrachten – null Problem. Finanzkrise überall. (Regener und Pappik fangen an, Lieder und Liedzeilen aufzuzählen: „You fucked up your life“, „Nichts mehr wie es war“, „The last dance“, „Something is wrong“, bevor Regener sich mit einem „Vor der Finanzkrise ist nach der Finanzkrise“ kurz verabschiedet.)

The European: Kommen wir noch mal kurz aufs Thema Liebe zu sprechen. Wieso empfinden wir herzzerreißende Liebeslieder als schön, würden das gleiche Adjektiv aber nie für den realen Herzschmerz benutzen?
Pappik: Weil Lieder das Schmerzvolle – also den Text – mit etwas Positivem – der Musik – verbinden und dieses unerträgliche Gefühl so erträglich machen. Dann können wir damit umgehen, es bewältigen. Die Musik ist der Silberstreif am Horizont. (Regener gesellt sich wieder dazu)

The European: Bei „Liebe ist kälter als der Tod“ singen Sie: „Wenn du sie siehst, grüß sie von mir. Sag ihr hier sei alles im Lot“. Ein Gruß an Großmeister Bob Dylan?
Regener: Nö, eigentlich nicht. Wieso?

The European: Dylan singt im gleichnamigen Lied „If you see her, say hello“ und später „Say for me that I’m alright“. Der Rhythmus des Liedes erinnert auch stark an Ihr Lied.
Regener: Stimmt! Es war keine Absicht, aber es ist natürlich frappierend ähnlich. Wobei man sagen muss, dass es so viele Texte und Lieder von Dylan gibt, dass es schwer ist, ihn nicht zu streifen. Das geht aber nicht nur uns so. Die Situationen, die Dylan besingt, sind halt oft sehr naheliegend.

The European: Machen Sie sich beim Schreiben Gedanken darüber, ob nicht schon jemand vor Ihnen genau diese Zeilen oder sehr ähnliche verfasst hat?
Regener: Ja, verdräng’ ich dann aber schnell. Manchmal spielt das Unterbewusstsein einem ja auch den Streich, dass man denkt, man hätte sich es ausgedacht, aber in Wahrheit denkt man nur an die Zeilen eines anderen.

„Das ist eine Quartalsbesoffenheit“

The European: Stechendscharfe Beobachtungen des Alltags zeichnen Ihre Texte aus. Sie haben aber stets betont, dass Sie sich lieber als Schöpfer einer neuen Realität verstehen. Trotzdem muss es ja eine Verankerung in der Realität geben, oder?
Regener: Ich bin jemand, der ständig Unfälle sieht. Ich stelle mir gerade vor, was passieren würde, wenn diese Lampe (zeigt auf einen Kronleuchter, der über dem Nachbartisch hängt) jetzt runterfallen würde. Wer würde verletzt werden? Was würden Sie sagen? Wie würden die anderen reagieren? Ereignisse können mir gefallen, ohne dass ich sie je gesehen oder erlebt habe. (hält kurz inne) Für wen machen wir das Interview? The European, richtig?

The European: Ganz genau.
Regener: Dann kann ich ja aufs Blech hauen. (Atmet tief ein und setzt zur Rede an – die Erwartung ist hoch) Aristoteles lehrt uns ja, dass wir zwischen dem Tragödien- und dem Historienschreiber unterscheiden müssen. Der Historienschreiber schreibt über das, was ist, der Tragödienschreiber über das, was sein könnte. Letzterer ist komplett frei und kann Geschichten kreieren. Das ist der Ursprung aller Kreativität.

The European: Sie sehen sich als Tragödienschreiber?
Regener: Ja, und ich muss immer wieder präzisieren, dass die Sachen, über die ich singe, nicht immer wirklich passiert sind. So interessant ist mein Leben nun auch wieder nicht. Die Leute denken immer, man sei als Künstler so etwas wie der verlängerte Arm des Journalismus, wo nur Tatsachen zählen – daran habe ich aber kein Interesse. Dann würde ich ja quasi Sachbücher schreiben.

The European: Kommt es häufig vor, dass Menschen Sie auf Ereignisse in den Songtexten oder Büchern ansprechen?
Regener: Zu oft! Meine Mutter hat mich, nachdem sie „Herr Lehmann“ gelesen hatte, gefragt, wie das eigentlich war, als ich in der Kneipe gearbeitet habe. Ich habe nie in einer Kneipe gearbeitet! Aber selbst meine Mutter denkt, es wäre alles aus dem Leben gegriffen.

The European: Haben Sie Ihre Mutter aufgeklärt?
Regener: Ja, die meinte nur: „Was weiß ich denn, was du so in Berlin alles getrieben hast?“ Dieses Gefühl, mich für alles rechtfertigen zu müssen, hemmt mich ungemein beim Schreiben. Es führt dazu, dass ich Verschiedenes nicht schreibe, aus Angst, dass man es mit meiner Persönlichkeit in Verbindung bringt.

The European: Als Heranwachsender dachte ich öfter darüber nach, wie viele Beziehungen ein Musiker im Schnitt haben muss, um so viel Material zum Schreiben zu haben.
Regener: (scherzhaft) Jede zweite Woche eine neue Freundin, sonst wird das nichts mit dem neuen Album! Ach, was für ein Leben!

The European: Wäre das theoretisch ein erstrebenswertes Leben, da ereignisreich?
Regener: Glaube ich nicht. Man muss sich mal vor Augen führen, wie langweilig dieser Rock&Roll-Lebensentwurf auf Dauer werden kann. All die alten Rockstars à la The Who, David Bowie oder Mick Jagger haben das ja nach außen gelebt, aber sich nach der Tour aufs Land in ihre Cottage Houses zurückgezogen, wo sie dann die Rosen zurechtschnitten. Dann wieder auf Tour und anschließend wieder Rosen schneiden. Hin und her – wie die Wikinger. Das ist so etwas wie eine Quartalsbesoffenheit. Davon will das Publikum aber nichts wissen.

The European: Wieso?
Regener: Man will dem Künstler als Künstler begegnen, das überhöht ihn ja auch. Die Enttäuschung ist groß, wenn man feststellt, dass diese sagenumwobene Gestalt genauso langweilig ist wie wir alle und sich nur dadurch auszeichnet, dass sie gewisse Dinge gut festhalten kann.

„Man soll Online-Piraterie nicht dämonisieren“

The European: Eine Band muss im Hier und Jetzt funktionieren, sonst kann sie sich auch auflösen, meinten Sie einst. Viele von den Künstlern, die Sie vorhin nannten, leben aber gerade vom vergangenen Erfolg, sind gefangen in einem ständigen Best-of sozusagen.
Regener: Ja, aber man darf nicht vergessen, dass man das ab einem gewissen Bekanntheitsgrad nicht vermeiden kann. Udo Lindenberg meinte mal zu mir, dass es schwer ist, gegen die eigene Vergangenheit anzukommen. Wenn man etwas sehr lange macht, wird man zum Verwalter des einstigen Erfolges – bisschen wie im Museum. Das betrifft uns natürlich auch. Wir wissen, dass wir uns nicht mit jeder neuen Platte selber übertreffen können, aber zumindest sollten die Lieder für uns die gleiche Bedeutung haben wie die alten. Eine neue Platte sollte sich nicht gegen die alten richten. All das „Wir haben uns neu erfunden“-Gedöns ist doch Schwachsinn.

The European: Sie verspüren diesen Druck nicht?
Regener: Nein, wir sind da aber auch in einer privilegierten Position. Wir hatten nie einen richtigen Single-Hit. Wir sind nicht an alte Hits gebunden, wie das bei anderen Bands der Fall ist. Wir müssen nur wir selbst sein – mehr verlangt niemand von uns. Früher vielleicht mal, heute nicht mehr.

The European: Wie kommt’s?
Regener: In der zweiten Hälfte der 1980er gab es durchaus Leute, die uns nicht mochten, weil wir ihnen zu melancholisch waren. Die Zeit war ja recht konservativ, das Verrückte der Anfang-1980er war weg – dieses „anything-goes“-Gefühl. Es war dann alles so: „Wieso sind eure Gitarren denn verstimmt?“ Wieso sollen die nicht verstimmt sein? Hallo? Wo warst du denn die letzten 10 Jahre? Oder alle so: „Ja, muss ja auch gut produziert sein.“ Geht’s noch? Sind wir hier beim Elektrohandwerker? Was ist denn hier los? Seltsame Zeit.

The European: Kann es sein, dass wir uns auch heute in einer solchen Zeit befinden, in der man eher auf Nummer sicher geht und wenig wagt? Die großen musikalischen Umbrüche suchte man im letzten Jahrzehnt vergebens.
Regener: Stimmt, dass es nicht viel Neuerung gab, aber das Wesentliche ist ja, dass die Musik gut ist. Besonders im Folk-Bereich gibt es sehr viel, was mir gut gefällt: CocoRosie, Devendra Banhart und so weiter. Das Reduzierte erlebt ein Revival. Man braucht ja beim Folk nicht mehr als eine Akustikgitarre und vielleicht noch ’ne Holzbox zum Draufhauen. Dieser Minimalismus passt auch gut in die Zeit.

The European: Warum?
Regener: Wir leben in einer Zeit, in der man als Musiker nicht mehr die finanzielle Unterstützung seitens der Plattenlabel erhält, wie das noch vor 10 Jahren der Fall war. Das fördert auch die Kreativität. Diese Bands sind nicht besonders laut, sondern besonders kreativ oder verrückt. Die Freaks sind immer da. Für so etwas wie Kulturpessimismus bin ich nicht zu haben.

The European: Sie setzen sich sehr stark für das Urheberrecht ein. Denken Sie bei der Veröffentlichung eines neuen Albums darüber nach, wie viele Menschen sich die neuen Stücke illegal runterladen oder streamen werden?
Regener: Nein, das wäre ja auch kleinlich und doof. Man soll Online-Piraterie nicht dämonisieren.

The European: Das aus Ihrem Mund?
Regener: Es ist ein asozialer Akt, aber die Welt wird dadurch nicht untergehen. Ich habe mich damals lediglich gegen die Beschönigung der Sache gewehrt und den Versuch, es zu legalisieren. Das wäre das Ende von allem. Aber letztlich ist das Thema ja auch irgendwie durch.

The European: Klingt nach Resignation.
Regener: Nö, aber es gibt das Phänomen ja schon seit jeher. Früher hat man Kassetten untereinander ausgetauscht, heute Festplatten mit Zigtausenden Alben. Das ist doch fad, das macht doch keinen Spaß, das ist so „haben-haben-haben“. Diese Haltung nervt mich. Man kann es ja machen, aber halt in Maßen und man soll nicht so verdammt stolz darauf sein.

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