Ich befürchte, dass wir eine rote Linie überschreiten. Wladimir Grinin

Ich, Postjournalist

Mit der Politik ist auch der Journalismus in eine Phase getreten, in der Form vor Inhalt kommt – und Profit vor Aufklärung. Dagegen hilft nur mehr ein Akt der Notwehr. Mit ungewissen Folgen.

Zuerst eine Deklaration. Ich verdiene kein Geld mit Journalismus. Nicht mehr. Ich schreibe zwar und recherchiere, aber das geschieht entweder aus einem persönlichen Bedürfnis (so wie hier auf The European und drüben beim eigenen Baby), oder möglichst wertfrei im Dienste zahlender Kunden. Letzteres ist kein Journalismus, sondern höchstens Handwerk. Aber es bringt ungleich mehr Geld.

Die Medienbranche hat sich radikal verändert

Damit ist der Titel dieses Artikels allerdings nur ungenügend erklärt. Es geht hier nur am Rande um private Befindlichkeiten und berufliche Überlegungen. Es geht hier um das Projekt eines ehemaligen Kollegen, zu dem ich auch ein paar Gedanken beitragen möchte. Es nennt sich „Projekt Postjournalismus“ und soll irgendwann zu einem Buch wachsen. Es ist ein Buch, das ich für notwendig halte.

Warum, das erklärt Michel Reimon, Initiator der Idee, hinter obigem Link besser als ich. Daher hier nur die Zusammenfassung: Massenmedien gelten als vierte Macht im Staate, Journalisten als notwendiges Korrektiv des politischen Systems. Doch, so Reimon, die radikale Kommerzialisierung und Marktorientierung der Medienunternehmen habe die Branche in den vergangenen drei Jahrzehnten grundlegend verändert: Wenn Profit vor Aufklärung kommt, verändert das den Journalismus. Sein Publikum, die Öffentlichkeit ist nicht mehr Kunde, sondern wird zum Produkt. Das Publikum wird zur Zielgruppe und als solche verkauft – unter anderem für eine Form von Berichterstattung, die äußerlich wie Journalismus wirkt, aber innerlich bloß dazu dient, die Reichweiten zu steigern und Werbeumfeld zu schaffen.

Ich habe das auch viele Jahre lang gemacht, als ich noch an den Futtertöpfen der Musikindustrie (und gelegentlich auch der Filmindustrie) naschte. Viele der damals publizierten Stücke basierten auf der unausgesprochenen Übereinkunft, Papier mit Texten über Menschen oder Produkte vollzuschreiben, weil ich dafür auch etwas bekommen hatte. Flüge. Übernachtungen in Hotels. Drinks. Gästelistenplätze mit Begleitung. Kontakt zu Prominenten.

Kein Verlag, für den ich je tätig war, hätte diese Zuwendungen bezahlt, um an die entsprechenden Geschichten zu kommen. Doch sie wurden gerne publiziert, auch gerne im gewünschten Umfang, auch gerne mit den beigestellten Bildern, um Budgets zu schonen. Was hätten sie auch anderes tun sollen? Zähne zeigen? Auf journalistische Prinzipien pochen? Einladungen ablehnen? Bei der nächsten Gelegenheit keinen eigenen Redakteur mehr dort haben? Und bei der übernächsten das begleitende Inserat bei der Konkurrenz finden? Das kann einen Verlag mittelfristig umbringen. Und das kann Chefredakteure ihren Job kosten. Ich habe es gesehen.

Bleibt die Frage, was meine Rolle in diesem Spiel war. War ich ein Journalist, der immer das geschrieben hat, was er nach eingehender Recherche für richtig hielt? Oder war ich auch damals bereits Postjournalist nach obiger Definition – also Teil eines Systems gegenseitiger Gefälligkeiten, die ein Prinzip des Journalismus, das des unabhängigen Korrektivs, aushöhlen und verhöhnen? Die Antwort fällt im Rückblick einfach: Ich war Letzteres, wenn auch nicht immer. Aber halb seriös ist leider noch lange nicht seriös.

So wie ein bisschen korrupt trotzdem noch immer korrupt ist. Dieser Tage ist auch der Korruptionsindex von Transparency International veröffentlicht worden. Österreich ist darin auf Platz 16 abgerutscht, im Jahr 2005 lag es noch auf Rang zehn. Die neue Reihung verweist das Land also ins schlechte Mittelfeld. Kein Beinbruch, könnte man sagen, aber das wäre zu einfach. Und ebenfalls zu einfach wäre, diesen schleichenden Prozess allein mangelnder Transparenz bei der Parteienfinanzierung oder dem zynischen Lobbyismus in eigener Sache anzulasten, der den schwarzblauen Regierungsjahren anhaftet.
Das alles konnte nur in einem Umfeld passieren, in dem Journalismus keinen Platz mehr hat, sondern nur mehr der Kolportage dient. Man könnte auch Hofberichterstattung dazu sagen, die einmal diese und einmal jene Interessensgruppe vertritt – je nach politischer Ausrichtung des Mediums oder betriebswirtschaftlichen Erwägungen. So lange der Journalismus versagt, sind alle anderen Korrektive zur Bekämpfung systematischer Korruption ungenügend.

Journalismus ist vielleicht keine gute Wahl

Im eingangs verlinkten Rohkonzept zum Projekt Postjournalismus findet sich übrigens auch ein Abschnitt mit Fragen, wie man diesen Systemzwängen entkommen könnte. Ich denke, sie lassen sich nur mit Selbstdefinition und Selbstbewusstsein beantworten. Und mit dem Eingeständnis, dass Journalismus vielleicht keine gute Wahl ist, wenn man damit sein Leben finanzieren möchte und für Ärger aller nicht geschaffen ist. Journalismus wird so immer mehr zu einem Akt der Notwehr. Das ist zwar für viele sicher keine Perspektive, aber es ist ein gutes Motiv. Und ein Beitrag zur Zivilisation.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Journalismus, Korruption, Web-2.0

Kolumne

Medium_eaab4c14d5
von Christoph Butterwegge
16.11.2015

Debatte

Der Unsinn des Andreas Kern

Medium_66992fa75f

Burn-out im Hamsterrad?

Entfaltung für alle, statt sinnlose 40-Stunden-Woche im Büro: Jan Korte vom „transform“-Magazin antwortet auf Andeas Kern. weiterlesen

Medium_b78ecafd9b
von Jan Korte
30.05.2015

Kolumne

Medium_f9f1b4ec38
von Andreas Kern
24.05.2015
meistgelesen / meistkommentiert