Eine politisch engagierte Frau passt nicht ins Rollenbild der CSU. Gabriele Pauli

„I brauch ka Intanet“

Revolution! Oder doch nicht? Warum der Mensch trotz Internet am liebsten so bleibt, wie er ist.

Zugegeben, ein zufällig erlauschtes ­Gespräch zwischen betrunkenen Männern ist nicht repräsentativ. Aber es ist ein guter Anfang. Man stelle sich also ein Café in der Wiener Vorstadt vor. Es ist eines jener Etablissements, in denen Rauchzwang herrscht (dank waghalsiger Legislative ist so etwas hier noch legal), die Speisekarte über die Jahre auf ­Getränke reduziert worden ist und Kaffee­ nur jener trinkt, der keinen Alkohol ­verträgt. Also Bier, das gibt’s auch aus ­der Flasche, sicher ist sicher.

„I brauch ka Intanet“, sagt der eine. „I a net“, sagt der andere.

Und dann erzählen sie einander von Bildern nackter Frauen, die es dort angeblich gibt, und die sie ohnehin nicht interessieren. Weil Frauen? Sicher nicht! Und dann beschließen sie, dass auf ­Facebook sicher auch nur Depperte ­anzutreffen seien.

„I brauch des net“, sagt der eine. „I a net“, sagt der andere.

Das wäre jetzt eine Gelegenheit, um sich noch ein bisschen über zwei Modernisierungsverlierer lustig zu machen, aber der Anstand verbietet es einem in diesem Zusammenhang. Sie sind ja keine Politiker, Manager oder in einer anderen entscheidenden Branche zugange, die mal was Falsches über eine Technologie sagen, die sie nicht kennen, und dann dafür von mir und dem Rest der digital Aufgeklärten durch den Kakao gezogen werden.

Steile These oder Hitlers Unterhose

Seit Jahren schon versuche ich, der Besonderheit dieser „digitalen Aufklärung“ auf die Spur zu kommen. Und ­erfahre auch im neuesten Buch gleichen ­Titels (es stammt von den Herren Tim Cole und Ossi Urchs) wenig mehr als ­Zitate von Experten über neues Wirtschaften und neues Zusammenarbeiten, neue Transparenz – neues Sonstiges. Den meisten dieser Wortspenden ist gemein, dass sie bloß Wetten auf die Zukunft sind. Prognosen, erstellt von Menschen, die das eigene Verhalten und soziale Umfeld überschätzen, wie es Menschen eben tun und daraus ableiten, wie es sein sollte.

Jeder nicht nur Sender, sondern auch Empfänger. Jeder engagiert und auf ­Diskurs ­bedacht. Jeder ein überzeugter Fahrradfahrer und Demokrat, der sich nicht verwählt.

Blöd nur, dass Prognosen mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht eintreten. Und blöd auch, dass vieles, was auf den ersten Blick interessant klingt, auf den zweiten einer Titelgeschichte im „Spiegel“ gleicht – eine steile These oder Hitlers Unterhose.

Das gilt dann eben leider auch für die Theorie, dass der Mensch von morgen – ermächtigt durch Technologie – viel klüger handeln wird als der von heute. Er wird sich weiterhin lieber zerstreuen als nachdenken. Er wird weiterhin lieber passiv­ als aktiv sein. Gut möglich, dass das Netz und die gerade darin blühenden Walled Gardens dann das liebste Mittel zum Zweck dafür sind. Aber mehr?

„I glaub des net“, sagt der eine. „I a net“, sage der andere. Zugegeben, das ist jetzt aus dem Zusammenhang gerissen. Aber es ist ein guter Schluss.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Eberhard Lauth: Eure Freiheit kotzt mich an

Cover_macht

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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