Es stört mich nicht, was meine Minister sagen, solange sie tun, was ich ihnen sage. Margaret Thatcher

Heute schon getwittert, ihr Revoluzzer?

Wenn wie in Tunesien Diktatoren stürzen, ist die Ursache neuerdings immer recht schnell ausgemacht: Es sind nicht Menschen, die sie zu Fall bringen, sondern vielmehr die Social-Media-Dienste, die sie nutzen. Höchste Zeit für eine kleine Richtigstellung von Schreibtischtäter zu Schreibtischtäter.

Es geht ein Gerücht um im Web, das alle spannenden Zeiten so oft wiederholt wird, dass es sich zum Faktum verdichtet. Dieses Gerücht besagt, dass Facebook, Twitter, Blogs und diverse andere Social-Media-Kanäle für eine freiere Welt sorgen. Dass sie uns helfen, den Mächtigen auf die Finger zu schauen und ihnen gegebenenfalls das Handwerk zu legen, wenn sie ihre Macht missbrauchen. Und dass dem Guten verpflichtete Opinion Leader alles daransetzen, mithilfe dieser Technologien die Gesellschaft von morgen zu formen.

Es greift die Theorie kognitiver Dissonanz

Als die ersten Bilder von den Straßenschlachten in Tunis auftauchten und als schließlich Präsident Zine el-Abidine Ben Ali am 14. Jänner das Land verließ, das er und seine Clique über zwei Jahrzehnte ausgeplündert hatten, mutierte dieses Gerücht einmal mehr zum Faktum. Ein klarer Fall von Social-Media-Revolution, hieß es in den einschlägigen Kanälen. Der rennt vor dem davon, was Twitter-User über ihn geschrieben haben.

Nun ist Twitter selbstverständlich eine gute Sache. Gleichzeitig ist der Dienst aber auch Kommunikationskanal einer manchmal recht selbstgefälligen Informationselite, die dazu neigt, ihr eigenes Handeln überzubewerten. Zutiefst menschlich wahrscheinlich, so wie aller Tratsch unter Gleichgesinnten.

Um dieses Phänomen zu entschlüsseln, hilft ein theoretischer Klassiker, der zwar schon gut fünf Jahrzehnte auf dem Buckel hat, aber trotzdem noch solide Dienste leistet: die Theorie von der kognitiven Dissonanz. Die geht davon aus, dass das Individuum beim Kommunizieren tendenziell versucht, seine Meinungen und Überzeugungen zu festigen, anstatt sie umzustürzen. Es will Dissonanzen zwischen den eigenen Einstellungen und jenen Informationen vermeiden, die sie infrage stellen könnten.
Diese zentrale These lässt sich auch auf das weiter oben beobachtete Verhaltensmuster übertragen: Wer Twitter nutzt und es für ein Medium hält, das Revolutionen beflügelt, freut sich daher besonders über Informationen, die seine Meinung bestätigen. Und wer dann ausgerechnet bei Wired liest, dass Ben Ali und seine Chose angeblich mit Tweets aus dem Land gejagt wurden und überhaupt ohne Internet niemand auf die Idee gekommen wäre, dass da etwas faul sei im Staate Tunesien, freut sich noch mehr.

Diese Freude lässt sich dann wiederum in Tweets verpacken. Die werden freudig weiter verbreitet, und fertig ist das Bild von der jasminfarbenen Twitter-Revolution in Tunesien, die dann bitte schön auch noch den ganzen Maghreb inspirieren sollte, ach was, inspirieren muss.

Aber ist es tatsächlich so einfach? Die Fakten, die sich mit ein bisschen Nachlesen zusammentragen lassen, erzählen eine andere Geschichte: Die politischen Spannungen in Tunesien wurden durch den Unmut von großen Teilen der Bevölkerung ausgelöst, die unter hoher Arbeitslosigkeit und Inflation litten. Davon überproportional betroffen sind junge Menschen. Mehr als die Hälfte der tunesischen Bevölkerung ist unter 25, abzüglich der Kinder sind davon 30 Prozent arbeitslos. All die konnten an den makroökonomischen Erfolgen des Landes nicht teilhaben. All die hatten irgendwann genug vom mafiösen Clan, der das Land unter sich aufgeteilt hatte.

Das ist noch lange keine Revolution

Und ja, vielleicht waren jene Wikileaks-Cables, die von der Raffgier der herrschenden Kaste berichteten, tatsächlich einige der Tropfen, die das Fass schließlich zum Überlaufen brachten, weil darin geschrieben stand, was alle bisher immer nur ahnten. Und ja, es gab Widerstand, der in Blogs und anderen Social-Media-Kanälen artikuliert wurde.

Aber das ist noch lange keine Revolution, sondern bloß die zeitgenössische Mediennutzung einiger weniger. Mit Tweets allein lässt sich kein Regime stürzen. Ein Regime lässt sich aber offensichtlich dann stürzen, wenn man bereit ist, dafür auch sein Leben zu lassen – so wie der 26-jährige Mohamed Bouazizi, der an den Folgen seiner Selbstverbrennung verstarb, so wie die zig anderen Zivilisten, die während der anhaltenden Unruhen umkamen. Das ist zwar eine traurige Erkenntnis, aber einen Umsturz wie den in Tunesien zur Twitter-Facebook-Revolution zu verklären, ist trotzdem keine Lösung, sondern Realitätsverweigerung.

Und nicht zuletzt deshalb sollten wir Blogger, Twitterer und sonstigen Web-Apostel gelegentlich aufhören, unseren Lifestyle zum Erklärmodell für alle Welt umzudeuten. Wir sollten aufhören, uns immer so wichtig zu nehmen. Das Geräusch, das ich gerade im Hintergrund höre, ist nämlich auch nicht der Sound der Revolution. Es ist das Klirren der Scherben des Glashauses, das gerade über mir einstürzt.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Eberhard Lauth: „I brauch ka Intanet“

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