Seit gestern ist er also weg, der Wulff. Er hat seinem Deutschland einen letzten Dienst erwiesen, wie es heißt. Immerhin wird gegen ihn ermittelt, immerhin soll er nicht die Wahrheit gesagt haben, immerhin gibt es auch noch so etwas wie Moral, Anstand und öffentlichen Druck, der diese Tugenden einfordert.
So weit, so hinten nach kommentiert. Doch dieser Artikel handelt nicht von Christian Wulff, er soll – wie schon öfter hier – von Österreich erzählen. Oder genauer: vom vergangenen Donnerstag, der im Parlament begann und mit einer Parallelgesellschaft in der Wiener Staatsoper endete.
Nur Grauzone
An diesem Tag saß der Lobbyist Peter Hochegger im parlamentarischen Untersuchungsausschuss, um davon zu erzählen, welche Geldsummen während der schwarzblauen Regierungsjahre ohne nennenswerte Gegenleistungen in die Taschen von Entscheidungsträgern wanderten. Die Causa beschäftigt das Land schon lange, alles ist furchtbar kompliziert, alle sind irgendwie verstrickt, es gibt keine Guten, keine Bösen, sondern nur eine Grauzone, in der sich keine Täter, sondern nur Opfer bewegen. Das kann zwar nur Lüge sein, aber im Zeitalter des Spinning sind Wahrheit oder Lüge keine Messgrößen. Es geht um Schuldzuweisungen und Unschuldsbeteuerungen, und wie man sie am besten platziert.
Hocheggers Aussagen wurden von anwesenden Journalisten eifrig via Twitter kommentiert und in die Welt geschickt. Parteimitarbeiter gesellten sich dazu. Wer wollte, durfte mitlesen, wie die Tricks aus dem letzten Krisenmanagement-Workshop in der Praxis angewendet wurden. Wer wollte, durfte sich auch übergeben.
Und das Perfide daran: Das Spinning funktioniert ja tatsächlich, immer schon. Der Skandal gerät zum Grundrauschen und mutiert so zum urösterreichischen Gemütsrausch: Ist eh wurscht. Sind eh alle gleich. Richten es sich eben. Und wäre ich in Amt oder Position, wäre ich genauso.
Und dann startet am Abend, Liveschaltung in die Staatsoper, der Opernball. Er wird auch gerne „Staatsball“ genannt und darum auch immer gerne von Menschen besucht, die man nach einem Donnerstagvormittag wie diesem getrost unter den Generalverdacht stellen könnte, dass sie auch gerne mehr Geld einstecken als angemessen ist.
Alles nur mehr Show
Die Einschätzung mag zwar nur eine persönliche Befindlichkeit sein, aber nach diesem Donnerstag scheint das Land so bei sich zu sein wie nie zuvor. Alles ist nur mehr Show, alles ist ein Linkswalzer, in dem sich an diesem Abend auch der rechte Populist dreht und dabei davon träumt, dass er sicher bald Kanzler wird.
Weil, wie gesagt, eh alles wurscht ist. Weil keiner zurücktritt, so schwer die Vorwürfe auch wiegen. Und weil Österreich ohnehin andere Sorgen plagen: Beim Staatsball nämlich, so stand es im Blatt „Österreich“, tanzten dieses Jahr sogar schon die Schwulen. Ob die so was dürfen, hat sogar die nationale Ikone Niki Lauda schon einmal beschäftigt. So kriegt auch dieses Ereignis jenen skandalösen Spin, der einer Faschingsrepublik angemessen erscheint. Alles bleibt, wie es ist.



















Lieber Eberhard Lauth,
. . . und Alles ist, wie ich schon einmal festgehalten habe, nicht nur ein “schwarzblaues” (wie von Ihnen leider immer einseitig dargestellt), sondern überhaupt ein österreichisches Phänomen. Österreich ist klein, überschaubar, egal in welcher Partei, aber vornehmlich in der oberen Gesellschaftsschicht. Jeder kennt Jeden und im klüngeln (ein ganz und gar nicht austrianischer Begriff!) sind sie Alle gleich. “Kiss die Haand!” Man kann es gut erkennen, z.B. beim Opernball, wie dort über wen berichtet wird, wie und von wem die Interviews geführt werden. So ist diese Republik nun einmal!
Wenn man das begriffen hat, über Parteigrenzen, evtl. -Zugehörigkeiten und -Neigungen hinweg, hat man die österreichische Seele begiffen. Die sind die und wir (engstirnig, streberhaft, brotneidig, fanatisch) sind wir und können wir mit unserem jeweiligen System recht gut leben. Wir sollten eben, was Politik und Gesellschaft anbelangt, nicht über die Grenze schauen, dann geht’s uns Allen gut.