Die Beamten denken und der Minister hält die Festreden. Norbert Blüm

„Berlins Arbeitsmarkt ist eine Herausforderung“

Die Hauptstadt ist Spitze, was Transferleistungen betrifft. Dilek Kolat – Senatorin für Arbeit, Frauen und Integration – berichtet Alexandra Schade und Thore Barfuss dennoch von einigen Erfolgen am Arbeitsmarkt und sagt, was sie jetzt von den Unternehmen der Stadt erwartet.

The European: Frau Kolat, in Ihre Zuständigkeit fällt die zweitgrößte Baustelle Berlins, der Arbeitsmarkt. Wie frustrierend ist diese Arbeit?
Kolat: Der Berliner Arbeitsmarkt ist eine Herausforderung. Aber wenn man Herausforderungen mag, dann macht es natürlich Freude, am Ende dazu beizutragen, dass mehr Menschen in Arbeit kommen, besser qualifiziert sind und eine Perspektive bekommen.

The European: Die strukturelle Arbeitslosigkeit wird man in Berlin aber auf absehbare Zeit nicht los. Wie misst man den Erfolg in einem Markt, in dem man nicht zu 100 Prozent erfolgreich sein kann?
Kolat: Natürlich können wir das Problem der Arbeitslosigkeit in Berlin mit einer aktiven Arbeitsmarktpolitik lösen. Es ist nur so, dass die Arbeitslosigkeit in Berlin historisch gewachsen ist und sich einige Strukturen verfestigt haben. Deshalb ist es besonders schwierig, diese aufzulösen. Wäre es aber hoffnungslos, dann bräuchte man keine Arbeitssenatorin. Und die Dynamik auf dem Berliner Arbeitsmarkt bietet zurzeit gute Chancen für den weiteren Abbau von Arbeitslosigkeit.

Die Langzeitarbeitslosigkeit hat sich über die Jahre nach der Wende regelrecht verfestigt. Jedoch zeigen die Arbeitsmarktzahlen 2012 sehr deutlich, dass selbst dort Bewegung möglich ist. Wir haben knapp 4.000 Langzeitarbeitslose weniger. Das ist ein gutes Zeichen. Es lohnt sich mit ganz gezielten und intelligenten Ansätzen daran zu gehen, Menschen, die vielleicht schon ein oder zwei Jahre aus dem Erwerbsleben raus sind und deren Qualifikation eventuell nicht mehr so aktuell ist, so gezielt zu unterstützen, dass sie wieder arbeitsmarktnah werden. Das versuchen wir gerade mit einer Politik, die Menschen ganz gezielt wieder für den ersten Arbeitsmarkt fit macht. Ein Beispiel ist das Berliner Jobcoaching.

„35.000 neue Chancen“

The European: Die Zahlen sind dennoch nicht schön: Die Arbeitslosenquote in Berlin lag im Dezember 2012 bei 11,6 Prozent, bei den Transferleistungen ist die Stadt bundesweit spitze.
Kolat: 2005 hatte Berlin eine Arbeitslosenquote von 19 Prozent. Wenn man jetzt über 11,6 Prozent spricht, dann ist offensichtlich einiges passiert. Wir haben im Jahr 2012 die Arbeitslosigkeit um 0,7 Prozentpunkte abgebaut, während sie bundesweit angestiegen ist.

The European: Wo arbeiten diese Menschen jetzt?
Kolat: Wir haben Jahr für Jahr mehr Beschäftigung in der Stadt, insgesamt liegt Berlin beim Zuwachs an erster Stelle im Bundesvergleich – und das seit Jahren. Allein im letzten Jahr sind in Berlin 35.000 neue sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden. Das sind 35.000 neue Chancen.

The European: Diese 35.000 neuen Jobs – sind das Berliner, die in diese Jobs gegangen sind oder Zugezogene?
Kolat: Sowohl als auch. Das ist ja das besondere an Berlin – neben der demographischen Entwicklung sind wir auch in der glücklichen Lage, dass Menschen gerne nach Berlin kommen. Allein letztes Jahr sind 40.000 Menschen zusätzlich nach Berlin gezogen. Das ist gut für die Wirtschaftskraft und den Arbeitsmarkt, bedeutet aber natürlich auch eine gewisse Konkurrenz für Menschen, die erwerbslos sind. Wir müssen unsere arbeitslosen Menschen so gut qualifizieren, dass sie für neu entstehende Jobs auch als Fachkräfte in Frage kommen.

„Nicht nur auf die Jungen konzentrieren“

The European: Sie haben den demographischen Wandel bereits erwähnt – Berlin wächst, aber es gibt auch immer mehr alte Menschen. Wie gehen Sie mit diesem Spagat um?
Kolat: Wichtig ist, dass Menschen möglichst lange im Erwerbsleben bleiben können. Dass also ein Mensch nicht ausgemustert wird, nur weil er schon über 55 ist. In den Betrieben sind hier zwei Themen wichtig: Erstens, dass auch ältere Menschen in den Betrieben bei der Weiterbildung mitgenommen werden, dass sie mit ihrem Erfahrungsschatz nicht auf der Strecke bleiben. Man darf sich nicht nur auf die Jungen konzentrieren. Das zweite Thema ist das klassische gewerkschaftliche: Gute Arbeit. Gute Arbeitsbedingungen sind inzwischen auch ein Wettbewerbsfaktor für die Wirtschaft geworden. Denn nur wer einen gesunden Arbeitsplatz hat, kann auch lange arbeiten und sein Fachwissen einbringen. Wir haben natürlich auch unter den arbeitslosen Menschen solche, die schon etwas älter sind. Die haben aber auch Qualifikation und Berufserfahrung. Hier ermuntere ich die Unternehmen, auch diesen Menschen die Türen zu öffnen, und mit gezielter Qualifizierung und mit Coaching versuchen wir ihre Jobchancen zu verbessern.

The European: Unterstützt der Berliner Senat die Wirtschaft dabei auch finanziell?
Kolat: Ja. Es gibt zum Beispiel ein neues, von der Bundesagentur eingeführtes, Instrument, das sich „Förderung von Arbeitsverhältnissen“ nennt. Wer als Arbeitgeber Langzeitarbeitslose einstellt, erhält eine Förderung des Gehalts von bis zu 75 Prozent. Ich unterstütze diese Maßnahme zusätzlich mit Qualifizierung und Coaching. Menschen, die es schwer haben einen Job zu finden, brauchen ganz individuelle Unterstützung. Beides zusammen scheint erfolgsversprechend zu sein. Es funktioniert aber nur, wenn die Berliner Unternehmen das auch nutzen und ihre Türen für Langzeitarbeitslose öffnen. Eine Studie hat vor kurzem übrigens gezeigt, dass die Vorbehalte gegenüber Hartz IV-Empfängern unbegründet sind.

The European: Ein Thema, das immer mehr auf Berlin zukommt und auch mit dem demographischen Wandel zusammenhängt, ist das der alternden Migranten. Wie geht man mit dieser wachsenden Gruppe um?
Kolat: Wir haben vor 40, 50 Jahren Arbeitskräfte angeworben, weil unsere Wirtschaft sie gebraucht hat. Sie haben zum Wohlstand erheblich beigetragen. Wenn diese Menschen jetzt in ein Alter kommen, in dem sie auch Pflege brauchen, muss es darauf natürlich eine Antwort geben. Und die ist relativ klar: Die Gesundheits- und Pflegeberufe müssen interkulturell geöffnet werden. Wir sprechen hier von „kultursensibler Pflege“. Ältere Menschen, die eine andere Religion und andere Traditionen haben, müssen auch anders gepflegt werden. Es gibt schon heute gute Ansätze, aber die Regelangebote sind noch lange nicht überzeugend. Da sind wir noch ganz am Anfang.

The European: Wie stellt man denn sicher, dass diese sich nicht in den Familienkreis zurückziehen sondern auf staatliche Angebote zurückgreifen?
Kolat: Das ist die Gefahr, weil die Angebote eben nicht da sind. Dann werden diese älteren Menschen sich selbst überlassen und es müssen Familienmitglieder einspringen. Das ist natürlich auch nicht in Ordnung. Wer jahrelang seine Steuern und Sozialabgaben gezahlt hat, muss davon auch im Alter profitieren können. Wenn eine bestimmte Gruppe aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer kulturellen Zugehörigkeit nicht an diese Angebote herankommt, ist das ein grundsätzliches Problem, das wir lösen müssen.

Dieses Gespräch wurde im Rahmen des Berliner Demografie Forums geführt.

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