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„Schwule Paare werden zu Bürgern zweiter Klasse deklassiert“

Im Vorwahlkampf zur Präsidentenwahl 2008 bewarben sich bei Demokraten und Republikaner insgesamt 22 Kandidaten. Aber lediglich der demokratische Kandidat Dennis Kucinich sprach sich für die volle Gleichstellung von Homosexuellen aus. Im Gespräch mit The European fordert er das Grundrecht für jeden, selbst entscheiden zu dürfen, wen man heiraten möchte.

The European: Wie haben die Menschen im Wahlkampf auf Ihre Haltung zur gleichgeschlechtlichen Ehe reagiert?
Kucinich: Wer in dieser Sache meiner Meinung war – überwiegend die Homosexuellen natürlich – freute sich darüber, dass ich mich bei diesem Thema klar positioniere. Aber für mich ist das eigentlich gar kein Thema.

The European: Weshalb soll es kein Thema sein?
Kucinich: Die Ehe muss für jeden ein Grundrecht sein. Da darf es keine Diskussion drum geben. Jeder sollte das Recht haben, den zu heiraten, den er liebt. Da hat der Staat kein Recht, einzugreifen und mitzuentscheiden. Das Thema ist noch nicht einmal angemessen für eine Diskussion.

The European: Aber Sie thematisieren es ja selbst …
Kucinich: Es sollte in einer Zivilgesellschaft selbstverständlich sein, dass jeder heiraten darf, wen er mag. Daher glaube ich, dass die Diskussion viel mehr fokussiert sein muss auf die Tatsache, dass in dieser Sache der Staat seine Gewalt missbraucht.

Meine Frau und ich lieben uns sehr. Wir haben uns oft über dieses Thema unterhalten und wie es sein würde, wenn man sich ganz doll liebt, aber die Beziehung niemals formalisieren dürfte und sie gesetzlich nicht legal wäre. Daher meine ich, ist es die größte Beleidigung, die ein Parlament einem Menschen antun kann, jemandem zu sagen: Du darfst den Menschen, den Du liebst, nicht heiraten. Hier mischt sich der Staat in die Privatsphäre der Menschen ein, was nicht rechtens ist.

The European: Hat Ihr Wahlkampf dem Anliegen geholfen?
Kucinich: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es noch schwieriger, soziale Themen auf die Agenda zu bringen, als es ohnehin schon ist. Aber es handelt sich hier tatsächlich auch um ein wirtschaftliches Thema. Es geht hier nämlich um Versorgungsansprüche, auf die eigentlich mehr Menschen Anspruch haben. Die Ehe ist also nicht nur ein soziales Thema, sondern auch ein wirtschaftliches.

The European: Glaubensgemeinschaften gehören zu den größten Gegnern der Gleichstellung. Wie gehen Sie mit denen um?
Kucinich: Kirchen haben das Recht, jemandem die Heirat zu verwehren. Auch wenn es wehtut. Die Kirchen dürfen ihre eigenen Regeln setzen und Überzeugungen haben. Sie können also auch gleichgeschlechtlichen Paaren die Heirat verwehren. Kein Parlament in den USA sollte aber die Befugnis haben, dieses Grundrecht zu verwehren.

The European: Kämpfen die liberalen Demokraten hart genug für die Rechte der Schwulen? Immerhin standen Sie allein da mit Ihrem Bekenntnis zur Homo-Ehe.
Kucinich: Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der die Bezeichnungen liberal und konservativ fast nichts mehr bedeuten. Die Frage ist, wofür der einzelne Abgeordnete wirklich steht, nicht unter welcher Verpackung er Politik macht. Eigentlich handelt es sich dabei sogar um eine konservative Grundüberzeugung: Die Bundesstaaten und der Kongress dürfen nicht in die persönliche Freiheit der Menschen eingreifen.

Ich persönlich habe nie Probleme gehabt, mich zu einer Überzeugung zu bekennen, egal bei welchem Thema. Ich glaube auch, dass noch viel mehr Politiker bei diesem Thema dieselbe Überzeugung haben, aber einfach nichts dazu sagen. Es müssen mehr Menschen ihre Meinung dazu aussprechen und nicht weiter schweigen.

Unabhängig von der politischen Ausrichtung: Das ist wirklich ein Thema, das zeigt, wie demokratisch unsere Gesellschaft wirklich ist. Da gibt es natürlich noch weitere Themen wie Krieg und Folter. Wir sprechen oft über die Themen und diskutieren sie. Die Frage ist aber, sind wir bereit, unsere Überzeugung auch umzusetzen?

The European: Die USA sind in Sachen “Rechte für Homosexuelle” also noch nicht so weit wie viele andere westliche Länder?
Kucinich: Amerika ist sehr gut darin, Hürden zu überwinden, Blockaden aus dem Weg zu räumen, die wir uns selbst gestellt haben. Eines Tages wird auch bei diesem Thema die Mauer einstürzen. Und dann werden hoffentlich alle sagen: “Wieso haben wir uns nur so lange dagegen gewehrt?”

The European: In der Praxis heißt das, eines Tages wird man überall in den USA den Menschen heiraten dürfen, den man liebt?
Kucinich: Das ist gut möglich. Aber bis dahin werden gleichgeschlechtliche Paare zu Bürgern zweiter Klasse reduziert. Und das ist ein großes Unrecht.

Manchmal versagt das politische System leider, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Alles was ich hier mache, ist, mich zu dem bekennen, was ohnehin Recht sein müsste.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Michael Spreng: „Merkel steht als Kanzlerin der Ohnmacht da“

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