Es sind meist die dümmsten Wörter, die Karriere machen. Stefan Gärtner

Todsicher am Leben

… denn angenommen, Sie wären tot, würde sich irgendwer die Mühe machen, es Ihnen zu sagen?

Selbsterforschung

- Leiden Sie manchmal unter einem plötzlichen Anflug von Angst?
- Überkommt Sie hin und wieder eine Welle von Schuldgefühlen oder Depressionen?
- Haben Sie das Gefühl, sich von der Realität oder dem eigenen Körper zu entfremden?
- Zweifeln Sie manchmal an Ihrer eigenen Existenz?
- Sind Sie tot?

Innerer Monolog

Hier sitzt sie nun also, deine Familie, versammelt zum großen Sonntagsfestschmaus. Du erinnerst dich gut an jene Sonntagsessen. Hattest dich immer darauf gefreut. Hast du dich je so lebendig gefühlt, so sehr als Teil der Welt wie in jenen Augenblicken, in denen du Platz genommen hast, um mit denen, die dir einst lieb und teuer waren, das Brot zu brechen? Eine Woge von Zugehörigkeitsgefühl erfüllte die Luft, mischte sich in den Duft liebevoll zubereiteter Speisen. Und sie setzen unbeirrt ihre wöchentliche Tradition fort, während du – inzwischen ein übel riechender Leichnam – deine inneren Organe allmählich dahinfaulen spürst.

Achtung – dein Onkel Frank hat dich gerade gefragt, ob du noch mehr Brokkoli möchtest. Aber was soll ein Mann, der aufgehört hat zu sein, mit Brokkoli? Was kümmern sich die Toten um gedämpftes Gemüse? Und eine goldbraune Käsekruste? Was für Käse ist das? Oh, Pepper Jack, ja, das war mal deine Leibspeise. Erinnerst du dich noch an jene glücklichen Tage, in denen dein Körper frisch und dynamisch war, lange bevor deine Venen, von stehender Flüssigkeit – geronnenem Blut voller Fäulnisbakterien – prall gefüllt, beinahe barsten, und du in Würfel geschnittenen Pepper Jack mit Ritz Crackern gegessen und dabei “Der Preis ist heiß” geguckt hast? Lang, lang ist’s her!

Und deine Familie – diese Ansammlung von Toren – versteht sie denn nicht das Ausmaß der Tragik dieses Festmahls mit einem Mann, der die Schwelle des Todes längst überschritten hat? Sind sie alle so schamlos, dass sie ihr Sonntagsmahl genießen können, obwohl eine Leiche unter ihnen sitzt? Warum tun sie nicht, was getan werden muss?

Warum tragen sie deine leblose Gestalt nicht hinaus – Erde zu Erde – und heben dir ein anständiges Grab aus? Warum nur wollen sie, dass du den Kartoffelbrei weiterreichst?

Diagnose

Wer unter dem Cotard-Syndrom leidet, glaubt, tot zu sein beziehungsweise nicht zu existieren, oder er ist überzeugt davon, dass der eigene Körper ins Universum entschwunden und gefühllos geworden ist. Möglicherweise auch, dass er überhaupt nie existiert hat. Wenn Sie nun finden, es sei unlogisch, dass jemand irgendetwas glauben könne, wenn er doch gar nicht da ist, um zu glauben, was er glaubt, so sind Sie völlig im Recht. Es ist unlogisch. Aber wenn es Sie nun gar nicht gibt? Was wissen Sie dann schon? Eine verlässliche Quelle sind Sie sicher nicht.

Wenn Sie unter dem Cotard-Syndrom leiden, empfinden Sie unter Umständen eine völlige Trennung zwischen Ihrem Selbst und der Welt um Sie herum. Der Esstisch unter ihren Händen fühlt sich womöglich weit entfernt an, und auch wenn Sie ihn fühlen können, so wissen Sie doch im tiefsten Inneren, dass Sie nicht auf die gleiche Weise Raum einnehmen. Sie haben das Gefühl, dass Ihnen die Haut an den Knochen verrottet, sich Ihre inneren Organe verflüssigen, ihr Körper sich in Luft auflöst. Natürlich ist dem nicht so. Aber nichts von dem, was Ihnen andere sagen, vermag an Ihrer festen Überzeugung zu rütteln, dass Sie nicht mehr sind, ja, vielleicht nie gewesen sind.

Ursache

Die meisten Menschen mit Cotard-Syndrom werden gleichzeitig als depressiv diagnostiziert. Aber zu glauben, dass man tot ist, kann auch deprimierend sein. Demnach ist es schwer zu sagen, ob das eine das andere bedingt oder das andere das eine. Generell nimmt man an, dass die Krankheit in ganz ähnlicher Weise wie das Capgras-Syndrom mit einer Hirnschädigung zusammenhängt. Ja, man hat sogar die These vertreten, dass das Cotard-Syndrom eine schwerer verlaufende Form des Capgras-Syndroms ist, bei der sich die Täuschung auf das eigene Innenleben und nicht auf die Außenwelt bezieht.

Behandlung

Kognitive Verhaltenstherapie, Antidepressiva und/oder Antipsychotika können positive Wirkung zeigen, aber das ist eher selten. Studien zufolge ist eine Elektroschocktherapie, mit der man die Blutzufuhr im Gehirn beeinflussen kann, ein bisschen effizienter.
Und wenn nichts von alledem funktioniert, tja, Mann, dann sind Sie eben tot. Peng!

Übrigens …

Viele Opfer des Cotard-Syndroms erliegen auch der Illusion, unsterblich zu sein – der Grund liegt auf der Hand: Wenn Sie tot sind und trotzdem Käse essen und “Der Preis ist heiß” schauen können, dann müssen Sie in irgendeiner Weise den Tod umgangen oder ihm ein Schnippchen geschlagen haben. Und wenn die aufregendste Tätigkeit, die Ihnen nach dem Erlangen der Unsterblichkeit in den Sinn kommt, darin besteht, Fernseh-Quizshows anzuschauen, dann ist die begleitende Depression wahrlich eine logische Konsequenz.

Der Beitrag stammt aus dem bei DVA erschienenen Buch “Der kleine Neurotiker. Lexikon für Verrückte und solche, die es werden wollen”.

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