Geist ist die Voraussetzung der Langeweile. Max Frisch

Hintergrund

Mein Haus, mein Auto, meine Reise

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Ausgefallene Reisen sind das Statussymbol unserer Zeit. In Scharen strömen wir an die entlegensten Orte der Welt – und zerstören damit, was wir suchen.

Hintergrund

Statussymbole benötigen mentale Gymnastik. Mit dem Kauf gewisser Produkte, so das implizite Versprechen, erhalten Sie nicht bloß Objekte, sondern auch deren positive Attribute: In Kleidung der richtigen Marke erscheinen Sie stilvoll, mit einem schnellen Auto ungebunden, mit neuester Technik kreativ. Logisch ist das nicht – schließlich macht der Bezahlvorgang Sie nicht zu einem anderen Menschen. Angespornt vom menschlichen Geltungsbewusstsein gelingt der geistige Spagat zwischen ­Realität und Träumerei allerdings immer aufs Neue.

Dass beim Konsum die Außenwirkung in den Vordergrund rückt, haben Trendforscher schon vor Jahren erkannt. Sie sprechen von conspicuous consumption (sichtbarem Konsum). Damit erfüllen Produkte nicht länger nur körperliche und materielle, sondern auch soziale Bedürfnisse wie Anerkennung und Bewunderung. Wir generieren Respekt mit unserem Konsum.

Es ist folglich nur konsequent, dass ein deutsches Tourismusunternehmen mit der Botschaft „Reise dich interessant“ wirbt. Die Diagnose, der Kunde sei langweilig, ist darin verknüpft mit einem Heilmittel: Reisen verleihe ihm positive Attribute und mache ihn interessant. Die Werbung bedient sich des gleichen Mechanismus, der auch den eingangs erwähnten Statussymbolen zu Grunde liegt; ein impliziertes Versprechen, das zum Kauf verführt.

Reisen eigenen sich perfekt für solche Versprechen, schließlich projizieren sie ein diffuses Gefühl von Abenteuer und Exotik. Daher lässt sich mit ihnen auch besonders sichtbar konsumieren: Heute generiert man Respekt mit Reisefotos in sozialen Netzwerken, Stempeln im Pass und verwegenen Geschichten vom anderen Ende der Welt. Reisen sind das Statussymbol unserer Zeit. Und versprechen Reisen nicht viel mehr Individualismus, als es die Massenprodukte Autos und Kleidung es je konnten?

Jein. Denn entgegen unserer romantischen Vorstellung sind Reisen natürlich längst auch ein Massenprodukt. Schließlich steigt der vermeintliche Individualtourist in ein Flugzeug mit Hunderten von anderen Touristen, liest die gleiche Reiseliteratur wie Menschen auf der ganzen Welt und besucht die gleichen, längst erschlossenen Destinationen. Logisch ist es nicht, wenn sich Touristen auf der Suche nach Einzigartigkeit am anderen Ende der Welt die Klinke in die Hand geben – aber das scheint diesem Trend keinen Abbruch zu tun. Wir wollen dieses Paradox debattieren.

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