Wenn wir ein bisschen mehr schwäbische Hausfrau mit auf den Weg nehmen, dann können wir das System stabiler gestalten. Josef Ackermann

Hintergrund

Vom linken Weg abgekommen

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Der Kapitalismus hat seine Kritiker zu Tode umarmt. Deshalb bietet der Kommunismus selbst in der schwersten Krise keine glaubhafte Alternative an. Kommt da noch was?

Hintergrund

Hitze, Schwefelseen, Schreie: Der Teufel suhlt sich in seinem Paradies, bis eines Tages Karl Marx in die Hölle hinabfährt und beginnt, die Verdammten gegen ihren Hausherren aufzuwiegeln. Der ruft verzweifelt nach Gott: „Kannst du ihn nicht bei dir aufnehmen? Nur kurz, dann nehm’ ich mich seiner wieder an“. Gott stimmt zu. Wochen später ruft der Teufel erneut gen Himmel: „Gott, willst du Marx denn gar nicht wieder loswerden?“ Gott: „Welcher Gott?“

Über Karl Marx wurde stets so gerne gelacht wie über seine starken Thesen und Forderungen gestritten. Und die scheinen heute aktueller als zu Lebzeiten des deutschen Philosophen, befindet sich der kapitalistische Westen doch seit Jahren in einer existenziellen Krise. Doch überraschenderweise kommt von links kein entscheidender Denkanstoß. Stimmt diese Beobachtung? Und wenn ja, was sagt das über uns aus? Darüber wollen wir debattieren.

Marx, ausgerechnet auf einer Kreditkarte!

Die Lage scheint derweil verworren. Auch wenn der Ruf nach Veränderung deutlich zu vernehmen ist, formiert sich bislang nirgendwo eine nachhaltige linke Reformbewegung. Das verwundert, wo wir doch in Zeiten leben, in denen selbst konservative Zeitungen in Leitartikeln die Grundfesten des Kapitalismus in Frage stellen, Bankangestellte am Pranger stehen und immer mehr Bürger erfahren müssen, dass die sich öffnende soziale Schere keine Erfindung gelangweilter Geisteswissenschaftler ist. Kurzum: Der Zeitgeist hat sich längst zugunsten der Reformer gewandelt, und dennoch bleibt es viel zu oft bei bloßem Salonsozialismus.

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass der Kalte Krieg sein Ende fand und mit ihm der Wettstreit um das kleinere politische und wirtschaftliche Übel. Der Osten kapitulierte, die Mauer fiel, die Geschichte wurde für beendet erklärt. Vor genau einem Jahrzehnt wurden dann die einstigen Filetstücke des Sozialismus in die Europäische Union eingemeindet und damit Teil der vielleicht bedeutendsten Handelsmacht der Welt. Fiel der Sozialismus damals ins Koma, ist es nun an den Angehörigen, schweren Herzens die Maschinen abzustellen. Denn der Patient ist tot.

Heute kann man offen Witze über den rauschbärtigen Vordenker der Linken machen. Einen der fiesesten erlaubte sich die Stadtsparkasse Chemnitz, als sie 2012 Karl Marx’ Gesicht ausgerechnet auf eine Kreditkarte druckte. Für so harmlos werden Marx und seine Jünger mittlerweile gehalten, dass selbst der amerikanische Präsident unbeschwert die Hände sozialistischer Staatsoberhäupter schütteln darf. Über den real-existierenden Zynismus, dass die Weltwirtschaft ausgerechnet vom Wohlwollen der kommunistischen Partei Chinas abhängt, die den Kapitalisten aller Länder das eigene Volk als billige Arbeitskraft zur Verfügung stellt, wundert sich schon lange niemand mehr.

Warum also entwickelt die Linke dieser Tage so wenig intellektuelle Schlagkraft? Denn so etwas wie eine romantische Sehnsucht nach Alternativen zum Kapitalismus lässt sich ja erkennen. Linke Ikonen wie der slowenische Philosoph Slavoj Žižek oder der amerikanische Linguist Noam Chomsky zieren Cover und füllen Hallen. Sie sind die Stichwortgeber einer systemischen Fundamentalkritik, die sich seit Monat und Jahr durch alle Zeitungen zieht. Selbst der Papst wird in diesem Tumult zum Kommunisten verklärt.

Allein: Es tut sich nichts. Es bleibt bei hitzigen Debatten. Und trotz aller öffentlichen und medialen Empörung über oktroyierte Sparzwänge füllen sich die Straßen Südeuropas nur sporadisch. Der ganz große Protest bleibt in Lissabon, Madrid und Athen aus. Die Revolution musste nicht einmal abgesagt werden, weil sie niemand anzetteln wollte. Selbst an der Wall Street verblassen die Erinnerungen an die Protestplakate langsam, und die kurzzeitig besonders beliebten Guy-Fawkes-Masken werden heute für wenige Euro verscherbelt. Da ist es nur folgerichtig, dass das Symbol der Bewegung bei Amazon in der Rubrik „Spielzeug“ verkauft wird.

Die Scheuklappen abgelegt

Natürlich wollen sich zeitgenössische Kommunisten mit dieser Diagnose nicht abfinden. Sie glauben unbeirrt, dass sich die Lektüre von Marx dennoch lohnt, denn seine Theorie stelle das Werkzeug zur Analyse der heutigen Situation bereit. Und sicher: Die Nachgeborenen des Kalten Kriegs hören nicht mehr automatisch „Stalin“ oder „Gulag“, wenn jemand „Sozialismus“ sagt. Sie haben die Scheuklappen der Altvorderen abgelegt. Und trotzdem ist nicht ausgemacht, dass selbst aus dieser unvoreingenommenen Perspektive die Attraktivität der Alternative auf der Hand liegt.

Zum Leidwesen seiner Kritiker ist der Kapitalismus teuflisch gut darin, seine Feinde zu Tode zu umarmen. Und vielleicht ist dies ja die Erklärung für die erstaunliche Handlungsstarre linker Reformer. Denn so betrachtet wird die marxsche Kritik am Warenfetischismus zum Gründungsmoment der Sharing Economy – denn auch Verleih ist lukrativ, Besitz braucht es zumindest vordergründig nicht. In diesem Sinne wird aus dem Ideal der klassenlosen Gesellschaft die Vermittlung von Mikrokrediten an die Verlierer der Globalisierung – denn so werden wir alle eins, nur eben nicht Brüder, sondern Geschäftemacher. Und in diesem Sinn wird die Wachstumskritik an der Ausbeutung der Natur im wahren Sinn des Wortes umgemünzt und führt zur Einführung von Co2-Zertifikaten – denn alles hat seinen Preis, auch Mutter Natur.

Die entscheidenden Fragen sind dann: Bleibt es am Ende eine „Kritik mit Kondom“, wenn die neue Linke sich mit einem bloß mitfühlenden Kapitalismus zufrieden gibt? Oder ist es nicht doch ein unbemerkter Triumph, wenn Schlagworte wie „Nachhaltigkeit“ und „Gerechtigkeit“ am Markt auf einmal eine Rolle spielen, und sei es auch nur, weil sie sich finanziell auszahlen? Hat die Linke nicht doch einen radikaleren Entwurf im Gepäck, der bloß auf seinen Moment wartet? Und wenn ja: Wann kommt er denn, der richtige Moment?

von Florian Guckelsberger im Namen der Redaktion

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