Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben. Karl Kraus

Hintergrund

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Grün ist die Farbe der Moral, die Grüne Gesellschaft hat immer Recht, grüne Politik macht die Welt besser. Wirklich?

Hintergrund

Robespierre und dessen Jakobiner führen ihn als Letzten zum Schafott. „Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder“, spricht Pierre Vergniaud, dann stirbt er unter der Guillotine. Es ist die Phase der Französischen Revolution, als die Tugend mit Gewalt erzwungen werden soll und jeder, der im Verdacht steht, gegen die gute Sache zu sein, mit Verfolgung und Tod rechnen muss.

Von derlei Radikalitäten leben wir heute weit entfernt. Was aber vom Tugendterror bleibt, ist die Warnung davor, was selbst aus guten Ideen werden kann. Je größer, besser, schöner die Vision einer Gesellschaft, desto geheiligter die Mittel, die auf dem Weg dorthin nötig werden. Einst hieß dieses Ideal Freiheit.

Grün ist das neue Heilsversprechen

Im deutschen Hier und Jetzt existiert kaum eine gesellschaftliche Vision, die so allgemeine Gültigkeit beansprucht wie das Grüne. Während das C in der Politik gerade seine letzte ideologische Schlacht auf dem Feld des Familienbilds verliert, drängt das G mit wehenden Fahnen nach vorn.

Grün ist das neue große Heilsversprechen. Es hat viel mit der Jenseitigkeit der Religion gemein: Damit morgen alles besser wird, sind heute Opfer gefragt. Aus der Bereitschaft zu diesem Opfer erwächst eine moralische Überlegenheit und auch ein Zwang: Wer will schon gegen die gute Sache sein?

Natürlich ist nichts an dem Wunsch verwerflich, Energie, Produktion und Konsum auf Nachhaltigkeit umrüsten zu wollen. Und das Streben nach der grünen Gesellschaft ist längst kein Monopol der Bündnis-Grünen mehr. Es gibt über fast alle Parteien hinweg leise Zweifler. In der SPD, weil sie sich noch erinnern können, traditionell den Schwachen verpflichtet zu sein. Menschen, die vor allem ausreichend heizen, essen und arbeiten können wollen und für die Ökologie gleich Luxus ist. Sigmar Gabriel hat das so formuliert: „Flüge nach Mallorca [müssen] bezahlbar bleiben. Aus rein ökologischer Sicht mag das ein Frevel sein. Aber Urlaub nur noch für Reiche?“

Die Koalition ihrerseits und allen voran Kanzlerin Angela Merkel sagen gerne, eine Gesellschaft dürfe sich nicht nur fragen, „wie“ sie leben möchte, sondern müsse auch erklären, „wovon“. Will heißen: Politik kann sich nicht auf das obere Drittel der Bedürfnispyramide verengen. Es sind solche zaghaften Einwände, die dem Grünen entgegenstehen – mit offenem Visier stellt sich keiner. Denn insgesamt sehnen sich die Deutschen nach einer Natürlichkeit, wie sie zuvor nur die Romantik kannte.

Heinrich Heine spottet in „Die Bäder von Lucca“ über das „unwahre Naturempfinden“ und die „grünen Lügen“ seiner Zeitgenossen. Was ihm den Vorwurf einbrachte, keine „reine Natürlichkeit“ und ein „verdorbenes Herz“ zu besitzen. Der Überwinder der Romantik war nicht „gegen“ die Natur und das Grüne, er verweigerte sich aber der blinden und gefühlsduseligen Tümelei.

Gerne hörte man Heine heute reden, wenn die Grünen, stark wie nie, den vollendeten grünen Wandel fordern.

Seit ihrem Einzug in den Bundestag vor 30 Jahren hat die Partei den moralischen Kompass des Landes stark mit ausgerichtet, und zwar über ihre direkte politische Mitwirkung hinaus. Ja, die Zeiten der Petra Kelly sind vorbei – spätestens seit Joschka ­Fischer – und damit die Epoche des ungebremst nach außen gelebten Moralismus. Eine soziale Bewegung, die sich etabliert, braucht keine Charismatiker, sondern Verwalter.

Das bedeutet keineswegs, dass die Grünen der ersten Reihe heute nicht den gleichen moralischen Impetus in sich tragen und abweichenden Meinungen nicht mit „jakobinischer Ungeduld“ (Boris Palmer) begegnen. Ohne Kanonendonner, doch mit Nachdruck, schwingen sich Öko, Bio und Co zur Volonté générale auf. Nein, es drohen keine Guillotinen für Vielflieger und Atom-Claqueure – zumindest keine aus Holz und Stahl. Gerichtet wird heute medial, denn man darf nicht unterschätzen, wie weit verbreitet grüne Moralvorstellungen unter Journalisten sind.

Das Grüne ist kaum kritisch hinterfragt

Wie stark der Druck werden kann, hat die Katastrophe von Fukushima gezeigt, die zu allererst ein Naturunglück war. Im grünen Deutschland aber zählte der Tsunami nicht so viel wie der Reaktorkollaps. Selbst die tausenden Tsunami-Toten wurden von prominenten Grünen später zu Opfern des Atomunfalls erklärt und damit ideologisch instrumentalisiert. Angela Merkel musste entscheiden: Weg mit der Kernkraft oder weg mit Kanzlerschaft.

All das verdeutlicht die Sonderstellung des Grünen. Anders als die Gerechtigkeit, einst von der Sozialdemokratie ins Feld und in die Institutionen führte, ist das Grüne kaum kritisch hinterfragt. Grün gilt pauschal als gut. Dabei hat es mehrfach das Gegenteil bewiesen: Dosenpfand, Bio-Sprit, EEG. Auch Solarsubvention und Atomausstieg müssen erst noch zeigen, dass sie Heilung und nicht Desaster sind.

Welchen Preis werden wir also für unsere duckmäuserische Haltung zahlen müssen, wenn der grüne Umbau der Gesellschaft voranschreitet, der Wandel nach der nächsten Wahl gar heftiger betrieben wird? Sind das tugendhafte Opfer oder unnötiger Masochismus? Werden die Kinder gefressen?

Die Frage, ob eine Grüne Gesellschaft wirklich eine bessere ist, muss jetzt gestellt werden.

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