Homestories sind nicht mein Ding. Helge Schneider

Hintergrund

Im Irrgarten der Geschlechter

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Neue Frauen, neue Männer: Alte Rituale versagen, wenn die Geschlechter sein können, wie sie wollen. Jenseits überholter Rollenbilder müssen wir den ­­­­­Umgang miteinander neu erlernen.

Hintergrund

Die Geschlechterver(w)irrung ist nicht nur ein Phänomen der letzten Monate. Schon in den 1980er-Jahren forderte die Sängerin Ina Deter „Neue Männer braucht das Land“, und Herbert Grönemeyer wollte wissen, wann der Mann ein Mann ist. Während Deter ihre Zuhörer eher im Unklaren ließ, wie genau diese neuen Männer denn zu sein hätten, klagte Grönemeyer: „Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht/außen hart und innen ganz weich/werden als Kind schon auf Mann geeicht.“

Damals wie heute ist die Verwirrung groß, wenn es um Geschlechterrollen geht. Das zeigt die Diskussion über Rainer Brüderle, #aufschrei und angemessene Mann-Frau-Kommunikation – die von Deter und Grönemeyer aufgeworfenen Fragen sind wieder aktuell.

Ina Deters neue Männer wären heute wohl die geschmähten Schmerzensmänner, die lieber auf ihrer Gitarre herumklampfen als die Angebetete endlich zu küssen – Sensibelchen statt Sexmaschine. Dabei dachten sie doch, das sei genau das, was Frauen wollen: ein Abgesang auf Macho-Allüren. Grönemeyers Männer wiederum lassen anzügliche Dirndl-Sprüche los und finden, wer einen tiefen Ausschnitt trägt, darf sich über Annäherungs­versuche eben nicht wundern. So haben sie es gelernt: „als Kind schon auf Mann geeicht“. Auch sie dachten, das sei genau, was Frauen wollen: ­erobert werden.

Trottel statt Tarzan

Natürlich sagt die Diskussion ebenso viel über Frauen aus wie über Männer. Das Gegenstück zum Schmerzensmann – so sah es zumindest der „Spiegel“ – ist ja die dominante „Optimier-Frau“, die sich eine Mischung aus Johnny Depp und Rocky Balboa wünscht. Mit höherem Johnny-Anteil, natürlich. Und dann enttäuscht ist, wenn der Auserwählte doch eher Schluffi als verständnisvoller Macho ist.

Das Leben von Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr viel stärker verändert als das der Männer. Sie haben mehr Aufstiegschancen im Beruf und dadurch potenziell auch mehr Geld und Macht. Über all das verfügten Männer schon immer. Man könnte sagen: Frauen sind männlicher geworden, indem sie Terrains eroberten, die jahrhundertelang dem männlichen Teil der Bevölkerung vorbehalten waren. Aber auch Männer­ sind weiblicher geworden, dürfen sich weibliche ­Attribute wie Einfühlungsvermögen aneignen und müssen nicht immer den harten Macker geben.

Schöne, neue Welt – wären da nicht Aktionen wie #aufschrei. Sie zeigen, dass momentan vor allem ein Gefühl vorherrscht, wenn es um Männer, Frauen und Geschlechterrollen im Wandel geht: Verunsicherung. Wann ist ein Kompliment ein Kompliment und wo fängt im alltäglichen Umgang Sexismus an? Für viele ist die Antwort einfach: Sexismus ist, wenn eine der betroffenen Personen das Verhalten der oder des anderen als unangemessen empfindet. Nur eine Frage der Höflichkeit und guter Manieren? So simpel ist es allerdings nicht, denn die Debatte über Alltags-Sexismus, über Machtstrukturen, ist nur ein Symptom der tiefen Verunsicherung, sowohl auf männlicher als auch auf weiblicher Seite: Was ist (zu) männlich? Was (zu) weiblich?

Wenn Geschlechterrollen sich wandeln, sind Unsicherheit und Verwirrung programmiert. Verdient die Frau in einer Beziehung mehr als der Mann, finden viele das immer noch irgendwie unnatürlich. Viele Frauen, obwohl emanzipiert, trauen sich kaum, beim Flirten den ersten Schritt zu machen – aus Angst, zu fordernd und zu männlich zu wirken. Viele Männer sind durchaus ­gewillt, Frauen den ersten Schritt zu überlassen – aber wirkt das nicht irgendwie weibisch, ja sogar unmännlich?
Die Modelle „Hausfrau“ und „Alleinernährer“ sind aus der Mode geraten, aussortiert zugunsten moderner Rollenbilder. Vorurteile und ­Geschlechterklischees lassen sich jedoch nicht so einfach in die Kleidersammlung geben.

Früher war der Umgang klar geregelt, was diverse Vorteile mit sich brachte. So beschreibt die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“ den Heiratsmarkt im 19. Jahrhundert. Für die Partnersuche galten damals eine ganze Reihe von Regeln, die jedoch, betont Illouz, keinen einschränkenden, sondern einen ­ermöglichenden Charakter hatte. Sie erweiterten die Handlungsmöglichkeiten und schufen größere Wahlfreiheit: vom Anstandsbesuch bis zum gemein­samen Spaziergang. Mann wusste, wie er sich in der Gesellschaft zu verhalten hat, Frau ebenso. Besonders stark wirken Regeln in gebündelter Form, dann Rituale genannt. Weil sie sich immer wiederholen, wirken sie Ängsten entgegen und vermindern Unsicherheit.

Weil die Geschlechternormen und -rollen im Wandel sind, sind Rituale, Regeln für den Umgang miteinander umso wichtiger – nicht nur in potenziell romantischen Situationen, sondern jedes Mal, wenn Frau und Mann einander begegnen.

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