Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß. Ilse Aigner

Hintergrund

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Daten sind das neue Öl: Der Rohstoff Big Data verändert unsere Welt. Und wie bei jedem Wettlauf um Ressourcen gibt es Gewinner und Verlierer.

Hintergrund

Die alte Welt ist aus Kohle und Öl gezimmert, die neue Welt aus Nullen und Einsen. Mit der Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt im Jahr 1791 wuchs der Hunger nach billigem Brennmaterial. 1850 lag die weltweite Fördermenge von Kohle noch unter 100 Megatonnen pro Jahr; fünfzig Jahre später hatte sie sich bereits verzehnfacht. Die industrielle Revolution und der mit ihr verbundene wirtschaftliche Quantensprung der westlichen Welt – Städtewachstum, Automatisierung von Produktionsprozessen und Massenverkehrsmittel wie die Eisenbahn – wären ohne die Stollen und Gruben des Kohlebergbaus undenkbar gewesen.

Im 20. Jahrhundert kam das Öl dazu. Zwischen 1900 und 2000 stieg die weltweite Fördermenge von 400.000 Fass pro Tag auf über 74 Millionen. Ein schwarzes Gold löste das andere ab. Das Auto trat seinen Siegeszug an, der Nahe Osten wurde zur globalen Tankstelle, die Massenproduktion von Plastik und Computerchips war plötzlich bezahlbar. Öl und Kohle haben ihre Hochzeit hinter sich; seit Jahren fallen die Produktionsmengen. Was also wird die Ressource, die im 21. Jahrhundert die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft vorantreibt?

Es sind Daten. Mehr noch: Big Data. Die Logik des Industriezeitalters stößt im Jahr 2013 an ihre Grenzen. Wirtschaftlicher Mehrwert generiert sich immer weniger aus dem Besitz großer Produktionsanlagen und aus dem Zugriff auf Ressourcen, die dreckig und unter viel Aufwand aus der Erde geholt werden. Wirtschaftlichen Erfolg hat, wer Daten verwalten und analysieren kann und die Macht des Netzwerks zu nutzen weiß. Pro Tag werden heute über 2,5 Trillionen Bytes an Daten durch Computer generiert. Eine Zahl mit achtzehn Nullen.

Die Logik des Systems ist digital

„Das ist unsere Welt, die Welt des Informationszeitalters“, schrieb der Soziologe Manuel Castells schon 1996. „Die Quelle der Produktivität liegt in den Technologien einer Wissensgeneration, in der Informationsverwaltung.” Wissen schafft Wissen, und Wissen schafft Wachstum.

Genauso wie Kohle und Öl die Welt des 19. und des 20. Jahrhunderts von Grund auf erneuert haben, wird die Welt des 21. Jahrhunderts von Daten verändert. Aus Daten lassen sich Informationen extrahieren, aus der Kombination verschiedener Daten und Datensätze entsteht neues Wissen. Das bedeutet mitnichten, dass physikalische Ressourcen unwichtig werden. Neue Städte müssen gebaut werden, neue Antriebssysteme müssen entwickelt und erneuerbare Energiequellen erschlossen werden. Doch die Logik des Systems ist digitalisiert. Denn anders als Kohle und Öl gewinnen viele Daten erst durch Vernetzung und vielfache Nutzung an Wert. Fünf miteinander kombinierte und maschinenlesbare Datensätze sind mehr wert als fünf einzelne Datensätze. Erfolgreiche Geschäftsmodelle im 21. Jahrhunderts müssen sich daher grundlegend von denen des Industriezeitalters unterscheiden.

Firmen wie Facebook sind lediglich die sichtbarsten Vertreter einer neuen Wirtschaft, deren Wert mit dem Wert ihrer Daten steigt und fällt. Zwischen 2004 und 2013 haben Facebook-Nutzer 240 Milliarden Fotos ins Netz gestellt und sind über eine Billion Freundschaftsverbindungen miteinander eingegangen. Google verarbeitet pro Tag über fünf Milliarden Suchanfragen – im Jahr 1998 lag diese Zahl noch bei unter 10.000. Keine andere Ressource der Menschheitsgeschichte hat die Gesellschaft in einer derart kurzen Zeit derart intensiv geprägt. Schon heute finden sich in der Liste der zehn wertvollsten Firmen vier Vertreter des Computer- und Datenzeitalters. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die verbleibenden Ölriesen wie Exxon weiter abrutschen. Die Datenindustrie bleibt auf absehbare Zeit eine Wachstumsbranche.

Big Data stellt die Essenz der Privatsphäre in Frage

Wie jede Revolution birgt auch die Datenrevolution Gefahren. „Eine Technologie ist nur dann mächtig, wenn sie auch missbraucht werden kann“, so der Gründer des Technologie-Magazins „Wired“, Kevin Kelly. Der Siegeszug datenbasierten Wirtschaftens stellt gesellschaftliche Werte in Frage und bestehende Gesetze auf die Probe. Ein Beispiel: Die Idee der vor äußerem Zugriff geschützten Privatsphäre fußt unter anderem auf der Annahme, dass sich Berufliches, Wirtschaftliches und Politisches einigermaßen sauber trennen lassen. „Samstags gehört Vati mir“, so der Slogan einer DGB-Kampagne zur Fünf-Tage-Woche aus dem Jahr 1956. Für industrielle Produktionsmechanismen kein Problem: fünf Tage für die Firma, zwei für die Familie und der Wahlsonntag für die Politik.

Was aber, wenn neue Geschäftsmodelle explizit darauf bauen, Informationen über private Vorlieben und den privaten Zeitvertreib wirtschaftlich nutzbar zu machen? Facebook funktioniert als marktwirtschaftliches Unternehmen, weil es Zugriff auf eine exponentiell wachsende Menge an privaten Nutzerdaten hat, die sich aggregieren, analysieren und amortisieren lassen. Studien zufolge liegt der wirtschaftliche „Wert“ eines Facebook-Profils je nach Grad der Vernetzung des Nutzers zwischen mehreren Dutzend und mehreren hundert Dollar. Der Rohstoff „Daten“ stellt die Essenz der Privatsphäre in Frage.

Die soziale Frage unserer Zeit ist daher die Frage nach der Nutzung, Kontrolle und wirtschaftlichen Bedeutung von Daten. Wem gehören private Daten, und wer darf Profit aus ihnen schlagen? Welche Macht haben Staaten und Unternehmen, und welche Macht hat der Nutzer? Die vergangenen zwei Jahrhunderte sind geprägt worden von den Antworten, welche die Gesellschaft sich als Reaktion auf das Aufkommen neuer Ressourcen verordnet hat. Die kommenden Jahrzehnte werden bestimmt sein von Antworten, die wir auf den Siegeszug der Ressource „Big Data” geben.

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