Zu Bildung gehört mehr als nur der Erwerb von Scheinen. Franziska Drohsel

Hintergrund

Entschulden Sie bitte!

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Früher stand man bei den Eltern in der Kreide, heute bei der Bank. Was die Gesellschaft einst zusammenhielt, reißt sie heute auseinander. Es ist Zeit, einem Wort seine ursprüngliche Bedeutung zurückzugeben.

Hintergrund

Oh, vergib mir meine Sünden“, ruft der betrunkene und machthungrige Trinculo im dritten Akt von Shakespeares „Der Sturm“. Gemeinsam mit zwei anderen plant er den Sturz von König Alonso; es geht um Macht, um Neid, um Wollust. „Wer da stirbt, zahlt alle Schulden“, schallt es vom Mitverschwörer Stephano zurück. Im Diesseits haben die drei ihren Kredit verspielt: Die Verschwörung wird entdeckt und scheitert, das Schicksal der Männer liegt in der Hand des Königs.

Zwei Lehren lassen sich aus Shakespeares Zeilen ziehen. Zum einen sind die Begriffe von Schuld und Schulden nicht nur etymologisch eng miteinander verwandt. Shakespeare trennt nicht zwischen dem, was wir heute gemeinhin in den ökonomischen Schulden- und den religiösen Schuldbegriff unterteilen. Zum anderen lassen sich manche Schulden nicht im Handstreich begleichen – „sie sind mit Geld nicht aufzuwiegen“, sagt der Volksmund.

Schon das römische Reich hat sein Münzwesen über Schulden finanziert

Warum das an dieser Stelle relevant ist? Weil die Schuldenfrage nicht erst seit 2008 ein elementarer Aspekt unseres Wirtschaftssystems ist. Seit Jahrhunderten schon werden wirtschaftliche Transaktionen über Schulden finanziert: Person A überlässt Person B bestimmte Güter in der Erwartung, dafür eine gleichwerte Menge an Gütern als Bezahlung zu erhalten. Auch Staaten refinanzieren sich nicht erst seit dem Aufkommen des Kapitalismus mit Krediten. Schon zur Zeit des Römischen Reiches wurde das Münzwesen durch Schulden finanziert, die über die Eroberung und wirtschaftliche Ausbeutung neuer Gebiete refinanziert wurden.

Trotzdem ist das 20. Jahrhundert die Zeit, in der schuldenfinanziertes Wirtschaften zum zentralen Kennzeichen ökonomischer Aktivität geworden ist. Der treibende Motor wirtschaftlichen Wachstums sind im Regelfall nicht die Investitionen, sondern die Neuverschuldung, über die solche Investitionen finanziert werden. Seit 1958 – dem Jahr, in dem die Kreditkarte in den USA ihren Siegeszug antrat – steigen die Schulden der Privathaushalte stetig an. Mit mehr als 120 Prozent des Jahreseinkommens ist der durchschnittliche US-Haushalt inzwischen verschuldet. Die Summe globaler Staatsschulden hat sich nach Berechnungen des Magazins „The Economist“ zwischen 2002 und 2010 von 18 Billionen US-Dollar auf 38 Billionen US-Dollar mehr als verdoppelt.

Vom sozialen Kitt zu wirtschaftlicher Kontrolle

So tief ist die Logik der Verschuldung mittlerweile verwurzelt, dass Schulden selbst zu einem Gut geworden sind, mit dem sich Handel treiben lässt. Auf dem sogenannten Sekundärmarkt können Gläubiger unbezahlte Schulden anderer für Centbeträge weiterverkaufen – was zählt, ist nicht, wer etwas schuldet, sondern lediglich, wie hoch die Summe ist. Der Grad wirtschaftlicher Selbstbestimmung lässt sich so beinahe auf eine einzige Zahl reduzieren.

Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts ist ­geprägt von der Entfremdung des Schuldners von seinen Gläubigern. Beiden ist egal, wer wem wie viel schuldet. Wichtig ist allein, so das Credo, dass Schulden abbezahlt werden.

Das war nicht immer so. Über weite Strecken der Zivilisationsgeschichte waren Schulden ein Kitt, der die Familie, den Klan und die Gesellschaft zusammenhielt. Jeder schuldete jemandem etwas: Kinder ihren Eltern, Nachbarn einander, ein Stadtstaat einem anderen. Gelebte Schuldenwirtschaft hieß, dass jeder nach seinen Fähigkeiten einzahlte und nach seinen Bedürfnissen ausbezahlt wurde. Wer bei anderen „in der Schuld“ stand, der half aus, wo und so viel er konnte.

Mit der Quantifizierung von Schulden hat sich die Verschuldung allerdings von einer sozialen Beziehung in eine Form wirtschaftlicher Kontrolle verwandelt. Solange unter dem Strich eine rote Zahl steht, hat der Gläubiger Macht über den Schuldner. Die Verweigerung der Rückzahlung – damit sind wir wieder bei Shakespeare – konstituiert innerhalb dieser Logik nichts weniger als eine Verletzung eherner moralischer Gesetze. Eine Sünde.

Veränderungen des wirtschaftlichen Systems verändern die Gesellschaft. Sie bringen neue Werte und neue Formen sozialer Interaktion hervor und lassen alte absterben. Wer Schulden lediglich als ökonomisches Phänomen begreift, geht mit Scheuklappen in die Diskussion. Über Schulden reden bedeutet auch, zu fragen, ob das Credo der unbedingten Rückzahlung weiter als unantastbare Maxime über anderen Leitlinien der zwischenmenschlichen Moral thronen sollte.

Selbst auf künftige Generationen lässt sich dieses Gedankenexperiment ausdehnen: Heutige Schulden müssen von den kommenden Generationen abbezahlt werden, um nicht zu einer chronischen Belastung zu werden. Jede Kreditkarte ist ein in Plastik gegossener Vertrauensbeweis an das Wirtschaftswachstum der Zukunft. Was aber, wenn die Prognosen nicht eintreten? Ist es gerecht – nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern vielmehr aus ethischer Perspektive, unseren Kindern und Kindeskindern das System des schuldenfinanzierten Wirtschaftens aufzubürden?

Der Fall Griechenland illustriert bereits heute: Auch die rigidesten Kreditregeln und Sparauflagen nutzen nichts, wenn das zentrale Prinzip unseres heutigen Schuldbegriffs illusorisch ist: die Vorstellung, dass Schulden am Ende immer zurückgezahlt werden können.

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