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Hintergrund

Ökonomie auf dem Irrweg

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Grundlegende Gewissheiten der Wirtschaft haben sich als falsch erwiesen. Ein neues Denken muss her. Vier Irrtümer, vier Alternativen.

Hintergrund

Krise macht erfinderisch. Viel ist in den vergangenen fünf Jahren versucht und diskutiert worden: Bankenrettung, Eurobonds, Schuldenschnitt, 
Finanztransaktionssteuer und Leitzinspolitik. Ein griechischer Staatsbankrott ist vielleicht keine akute Gefahr, doch der Preis für die Rettung Europas ist hoch: Auf bis zu zwei Billionen Euro könnten sich die Sanierungs- und Rettungsprogramme summieren. Trotzdem liegt die Arbeitslosenquote in der Eurozone bei über elf Prozent – und damit höher als jemals zuvor in der Geschichte der EU. Zwar ist Deutschland weiterhin die einzige große Nation Europas, deren Wirtschaft heute stärker ist als zu Beginn der Krise, aber die Wirtschaftsweisen warnen bereits vor einer „systemischen Krise“. Die Geschichte der Krisenpolitik ist vor allem eine Geschichte enttäuschter Hoffnungen.

Gleichzeitig herrscht gerade in der Gretchenfrage der Fiskalpolitik Uneinigkeit: „Wie hältst du’s mit Europa?“ Nicht nur über das „wie“ wird gestritten, sondern auch über das „ob“. Ist es richtig, Schulden zu sozialisieren und von Regierungsseite aus in den Markt einzugreifen? Oder ist nicht vielmehr das Gegenteil erforderlich: die Stärkung eines Verantwortungsethos, auf dessen Grundlage der Aufschwung stattfinden kann?

Es ist Zeit für einen Neuanfang – und der beginnt mit dem Ausmisten. Wenn es wieder nach vorne gehen soll, müssen wir uns von alten Weisheiten verabschieden. Aus der Kakofonie der Möglichkeiten müssen wir das herausfiltern, was auf dem Weg aus der Krise notwendig ist. Die Auswahl fällt dabei auf Basis von Überzeugungen und Erfahrungswerten. Wir nehmen mit, was gut ist und das Leben leichter macht. Wir geben auf, was uns zurückhält.

Ab in den Papierkorb der Geschichte!

Zeit also für Selbstreflexion. „Traditionelle Weisheiten sind vor allem deshalb so einflussreich, weil sie uns vor der harten Aufgabe des Nachdenkens schützen“, schreibt der liberale US-Ökonom John Kenneth Galbraith in seiner Analyse des Börsencrashs von 1929. Es geht ihm nicht um abstrakte Vorhersagen, sondern um den Willen, das eigene Tun in Zeiten der Krise zu überdenken. Galbraiths Warnung bleibt aktuell: Die Krise lässt uns oftmals keine Zeit für besonnene Politik, sondern verlangt nach prompten Entscheidungen. Entscheidungen darüber, welche Rezepte nicht funktioniert haben, nicht mehr funktionieren und in den sprichwörtlichen Papierkorb der Geschichte gehören.

2013 müssen die vermeintlichen Wahrheiten auf den Prüfstand, nach denen wir leben, die unsere Politik bestimmen und unsere Wirtschaft untermauern. Folgende vier Gewissheiten müssen überdacht werden: Reguliert die unsichtbare Hand den Markt? Wohl kaum. Verstehen Politiker die Wirtschaft besser als Ökonomen und Manager? Manchmal. Hat nationale Finanzpolitik ausgedient? Vielleicht. Liegt die Zukunft der Weltwirtschaft außerhalb Europas und der USA? Ja, sagen die Brasilianer.

FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher hat in einem vielbeachteten Essay von den Zweifeln geschrieben, die ihn in der Krise plagen. Er argumentiert: „Es gibt Sätze, die sind falsch. Und es gibt Sätze, die sind richtig. Schlimm ist, wenn Sätze, die falsch waren, plötzlich richtig werden. Dann beginnt der Zweifel an der Rationalität des Ganzen. Dann beginnen die Zweifel, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang.“ Die seltsame Allianz zwischen neoliberalem Risikodenken und der bürgerlichen Sehnsucht nach Sicherheit bröckelt.

Es geht auch um die Zukunft der Gesellschaft

Auch andere stellen diese Frage. Paul Mason, Wirtschaftskorrespondent der altehrwürdigen BBC, spricht gar von einer „Krise des Kapitalismus“, nicht bloß vom bürgerlich-liberalen Sinneswandel. Er schreibt: „Die Vorstellung, dass jedes wirtschaftliche Problem schmerzlos gelöst werden kann, ist ein Trugschluss. Die Frage ist also, wer unter den Schmerzen zu leiden haben wird.“ Heute ist auf den Plätzen in Athen und Madrid zu sehen, dass die soziale Frage in Europa ein Jahrhundert nach dem Ende der industriellen 
Revolution immer noch aktuell ist.

Die Debatte um die Zukunft der Wirtschaft ist also auch eine Debatte um die Zukunft der Gesellschaft.

Genau diese Debatte ist vier Jahre nach Lehman Brothers unabdingbar. Sie macht den Unterschied aus zwischen blindem Voranstolpern in wirtschaftspolitisches Neuland – nie zuvor ist die Rettung einer Gemeinschaftswährung versucht worden – und berechtigten „Zweifeln an der Rationalität des Ganzen“ (Schirrmacher). Die Debatte ist der Weckruf für alle, die immer noch unter dem Banner des „Weiter so!“ marschieren.

2013 ist das entscheidende Jahr. Fast alle einflussreichen wirtschaftlichen Gremien – die deutschen Wirtschaftsweisen, das US-amerikanische Council of Economic Advisers oder die Zahlenschieber von Weltbank und EZB – weisen darauf hin, dass die kommenden zwölf Monate den Anfang vom Aufschwung bringen könnten. Erst im Kleingedruckten steht, dass sich ein solcher Aufschwung mit den vorhandenen Drehschrauben nicht erzwingen lässt. Neue Ideen müssen her.

Das Abstoßen überholter Weisheiten ist keine Garantie für das Ende der Krise – aber die Voraussetzung für den Aufschwung.

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