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Hintergrund

Mordsspaß

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Wie unpolitisch kann ein paneuropäischer Gesangswettbewerb sein? Mit dieser Frage sieht sich (mal wieder) der Eurovision Song Contest (ESC) konfrontiert. Die Europäische Rundfunkunion beharrt darauf, der Wettbewerb sei unpolitisch und nur zur Unterhaltung gedacht. Ist das aber überhaupt möglich, wenn er wie dieses Jahr in Aserbaidschan stattfindet – ein nahezu diktatorisch regierter Staat, in dem Menschenrechte und Meinungsfreiheit massiv verletzt werden?

Hintergrund

Aserbaidschan war wohl vielen kein Begriff – bis der Kaukasus-Staat im vorigen Jahr den Eurovision Song Contest (ESC) gewann und damit den Wettbewerb ins eigene Land holte. Menschenrechtsaktivisten schlugen sofort Alarm: Darf eine Veranstaltung wie der ESC tatsächlich in einem Staat stattfinden, der eher mit diktatorischen denn demokratischen Mitteln regiert wird?

Die Europäische Rundfunkunion (European Broadcasting Union, EBU) sagt: Ja. Sie richtet den ESC seit 1956 aus, damals hieß der Wettbewerb noch Grand Prix Eurovision de la Chanson. Teilnehmen können alle Länder, die EBU-Mitglied sind, was nicht nur europäische Länder umfasst, sondern u.a. auch Ägypten und Israel. Bei dem Wettbewerb, so will es die Philosophie der EBU, treten nicht Länder gegeneinander an, sondern deren jeweilige Rundfunkanstalten. Gewinner sind dann – zumindest theoretisch – auch nicht die Sänger und Sängerinnen: Im Mittelpunkt des ESC sollen die Lieder und deren Komponisten stehen. Somit gewinnt das beste Lied, nicht der beste Künstler oder die beste Künstlerin.

Jedes Land wählt per nationalem Vorentscheid seinen Teilnehmer. In Deutschland geschah das z.B. in den vergangenen Jahren über die Show „Unser Star für …“, davor entschied zeitweise eine Jury. Schweden veranstaltet jedes Jahr ein Musik-Festival, dessen Sieger zum ESC geschickt wird. Seit 2008 werden dann in zwei Halbfinalen die Teilnehmer für die Endrunde im Mai gewählt. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien („Die großen fünf“) sind jedes Jahr als Teilnehmer gesetzt – denn aus diesen Ländern fließen die meisten Beiträge in die Kassen der EBU. Ebenfalls gesetzt ist das Siegerland des Vorjahres, wo der ESC traditionell stattfindet (allerdings gab es in der langen Geschichte des ESC diesbezüglich ein paar Ausnahmen).

Im großen Finale dürfen alle Länder Punkte abgeben, die an der Vorrunde teilgenommen haben. Seit 2009 werden die Punkte eines jeden Landes zu 50 Prozent durch Televoting (also Anrufe der Zuschauer) und zu 50 Prozent durch eine fünfköpfige nationale Jury vergeben. 12 Punkte können für den besten Song vergeben werden, danach sind es in absteigender Reihenfolge 10 Punkte, 8 Punkte, 7 Punkte, 6 Punkte, 5 Punkte, 4 Punkte, 3 Punkte, 2 Punkte, ein Punkt. Kein Land kann für sich selbst stimmen – Punkteschieberei zwischen einzelnen Ländern ist jedoch ein alljährliches Phänomen. So erhält die Türkei aus Deutschland fast immer eine hohe Punktzahl, weil dort eine große türkische Gemeinde lebt. Auch die osteuropäischen Staaten bedenken sich untereinander gerne großzügig mit Punkten.

Am häufigsten konnte Irland bisher den Sieg davontragen, nämlich ganze sieben Mal. Deutschland hatte zuletzt 2010 Erfolg mit Lena und ihrem Lied „Satellite“_. Davor hatte nur Nicole (_„Ein bisschen Frieden“) 1982 für die Bundesrepublik gesiegt. Die bekanntesten ESC-Teilnehmer dürften die Schweden von ABBA sein, die 1974 mit „Waterloo“ gewannen und so ihre Weltkarriere begründeten.

Bei dem Wettbewerb, so will es die EBU, soll es nur um die Musik gehen. Das ist sogar im Regelwerk festgeschrieben:

„Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests untersagt. Dies gilt ebenso für Texte oder eine Bühnenshow, die den Wettbewerb allgemein in Misskredit bringen könnten.“

So unpolitisch ist der Wettbewerb dann aber doch nicht: 1969 boykottierte Österreich den in Spanien stattfindenden ESC aus Protest gegen die Franco-Diktatur. 2009 sagte Georgien seine Teilnahme ab, weil sein Song „We don’t wanna put in“ als Kritik am damaligen russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin aufgefasst wurde. Andere Länder blieben dem ESC zwischenzeitlich fern, weil sie mit dem Abstimmungsmodus nicht einverstanden waren.

Der diesjährige Wettbewerb ist ebenfalls höchst umstritten: Menschenrechtsaktivisten und Journalisten weisen seit Monaten auf den dauerhaften Verstoß gegen Menschen- und Bürgerrechte in Aserbaidschan hin. So ließen die aserbaidschanischen Behörden u.a. Wohnungen in Baku zwangsräumen, um sie abreißen zu können – für den Wettbewerb will sich das Land im besten Licht präsentieren. Mehrere politische Aktivisten und Journalisten, die sich gegen das Alijew-Regime auflehnen, wurden verhaftet. Armenien, das sich immer noch im Krieg mit seinem Nachbarland Aserbaidschan befindet, hat seine Teilnahme am Wettbewerb abgesagt. Trotz anderslautendem Regelwerk: Der ESC 2012 ist so politisch wie nie zuvor.

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