Wir haben unsere Probleme auf klassisch schottische Art gelöst: Wir haben sie weggetrunken. Irvine Welsh

„Jeder kann das Rätsel entschlüsseln“

David Lynch ist einer der größten lebenden Regisseure. Über sein Spiel mit Ungewissheit, transzendentale Meditation und den Punkt, an dem Spurensuche zur Obsession wird, spricht er mit Max Tholl.

The European: Herr Lynch, würden Sie zustimmen wenn ich Ihre Filme als „unheimlich” bezeichnen würde?
Lynch: Ich weiß nicht einmal, was das Wort bedeutet.

The European: Ich meine …
Lynch: Ich weiß natürlich, was das Wort bedeutet. Aber ich weiß nicht, was es hier bedeuten soll. Film ist wie das Leben: Man kann ihn nicht in einem Wort zusammenfassen. Dafür ist er viel zu komplex. Jeder hat eine andere Auffassung, was er sein soll.

The European: Ich denke „unheimlich“ beschreibt Ihr Werk ganz gut, da Sie viel mit Vertrautem und Seltsamem spielen. Ihre Filme sind wie verdrehter Alltag.
Lynch: Das ist Ihre Meinung und es ist eine gute Meinung.

The European: Aber?
Lynch: Fragen Sie zehn Leute und Sie erhalten zehn Antworten auf Ihre Frage. Meine Filme werden oft als unheimlich oder seltsam bezeichnet, weil sie Dinge
des Alltags auf eine sehr eigenartige Weise zeigen. Aber ich bleibe dabei: Das ist eine Ansicht, aber nicht zwangsläufig die richtige. Meine Arbeit dreht sich um Ideen, mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

The European: Was für Ideen?
Lynch: Meine Filme sind Fortsetzungen von Ideen, in die ich mich verliebe. Wenn ich mich in eine Idee verliebe, ist der Tag perfekt. Ein großartiges Gefühl! Dann sehe ich die Dinge ganz klar vor mir, der Film läuft vor meinen Augen ab. Eine Idee verrät uns alles, was wir wissen müssen.

„Das Verlangen nach einer Idee ist wie der Köder an einem Haken“

The European: Ihr Werk – ob nun Film, Musik oder Bilder – ist sehr düster. Sie scheinen aber selbst eine Frohnatur zu sein. Was fasziniert Sie am Düsteren?
Lynch: Die Welt ist sehr düster. Das Düstere ist also unausweichlich und das ist auch gut so. Filme sollen nicht nur heiter und lustig sein. Jede gute Geschichte hat Konflikte – das macht sie zu einer guten Geschichte. Zu meiner Person: Man muss sich als Künstler nicht selbst hundeelend fühlen, um solche Gefühle auf die Leinwand zu bringen. Diese Vorstellung ist kompletter Schwachsinn. Man muss nur ein Verständnis für diese Dinge haben und das geschickt in die Arbeit einfließen lassen. Ich kann glücklich sein, sehr glücklich, und trotzdem eine Szene voller Elend drehen.

The European: Das Tragikkomische spielt in Ihren Filmen eine sehr bedeutende Rolle. Gewollt?
Lynch: Nein, ich denke da eigentlich gar nicht weiter darüber nach. Das ergibt sich einfach. Ich versuche nicht, händeringend tragikomisch zu sein, aber es ist einfach unausweichlich. Das Leben ist voll davon: Morgens lachst du, abends weinst du. Der Film ist eine schöne Sprache, um diese Gefühle zu transportieren und zu vermitteln.

The European: Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?
Lynch: Man kann nicht vorhersagen, wann sie kommen. Bei mir schaltet sich ein Fernseher im Kopf an, und ich sehe verschiedene Szenen, sehe die Charaktere, kann ihre Kleider sehen, ihr Verhalten beobachten. Ich höre ihre Stimmen, ich kann sogar ihre Gefühle und die Stimmung im Raum fühlen. Dann schaltet sich der Fernseher aus, und ich muss nur noch aufschreiben, was ich gesehen habe. Von diesen Notizen ausgehend, mache ich mich dann ans Filmemachen.

The European: Wodurch schaltet sich der Fernseher an?
Lynch: Alles Mögliche! Musik, Spaziergänge, Gespräche, Essen … Einfach alles! Es ist eigentlich wie beim Angeln.

The European: Angeln?
Lynch: Angler brauchen Geduld. Sie müssen den Haken beködern und darauf warten, dass ein Fisch anbeißt. Das Verlangen nach einer Idee ist wie der Köder an einem Haken, den man ins Wasser wirft. Das Warten auf eine Idee ist wie das Warten auf einen Fisch. Man macht zwischenzeitlich allen möglichen Kram, aber man hat den Fang stets im Hinterkopf. Wenn der Fisch dann endlich anbeißt, zieht man ihn aus dem Wasser und vielleicht verliebt man sich in ihn. Vielleicht ist es gerade der Fisch, auf den man so lange gewartet hat. Oder man verliebt sich nur in ein Stück des Fisches, und dieses Stück wird dann wieder zum Köder für einen größeren Fisch.

The European: Genau wie beim Fischfang kämpft man beim Ideenfang auch mit der Ungewissheit, ob und wann etwas anbeißt.
Lynch: Absolut. Man kann Fische nicht zum Anbeißen zwingen. Genau so kann man sich keine Idee in den Kopf pflanzen. Sie muss den Weg dorthin alleine finden.

The European: Sie praktizieren und bewerben transzendentale Meditation. Hilft die Ihnen dabei, die großen Fische zu fangen?
Lynch: Ja, denn sie erlaubt mir, in tieferen und größeren Gewässern zu fischen. Transzendentale Meditation ist eine sehr alte Form des mentalen Trainings und erlaubt jedem Menschen, in Bewusstseinssphären einzutauchen, die einem vorher nicht bekannt waren. Dieser Ort ist die Basis aller Gedanken und aller Materie. Und jeder trägt diesen Ort in sich. Einen Ozean aus Bewusstsein, für jeden zum Greifen nah.

The European: Können Sie diesen „Ort“ beschreiben?
Lynch: Worte können ihn nicht beschreiben. Dieser Ort ist alles.

The European: Was meinen Sie mit „alles“?
Lynch: Man fängt an, sein Bewusstsein zu erweitern und dieses Bewusstsein steckt voller Potenzial. Unbegrenzte Intelligenz, Kreativität, Glückseligkeit, Liebe, Energie und Frieden – das alles ist in jedem von uns verankert. Man muss diese Qualitäten nur richtig fördern. Wer meditiert, schöpft sein menschliches Kapital komplett aus. Er erreicht einen Geisteszustand, in dem das Unterbewusstsein dem völligen Bewusstsein weicht. Alles wird klar, alles ist erleuchtet. Wir tragen einen Ozean an Lösungen für unsere Probleme in uns.

The European: Stoßen Sie beim Thema Meditation auf Skepsis und Zynismus?
Lynch: Ja, und das hält die Leute davon ab, glücklich zu sein! Es ist ja gut, skeptisch zu sein, aber nur, wenn diese Skepsis einen nicht davon abhält, glücklich zu sein. Meditation wurde über Jahre hinweg immer wieder studiert und analysiert, um ihre Wirkung zu untersuchen. Und wissen Sie was? Es gibt nur Vorteile!

„Es grenzt an Folter“

The European: Bleiben wir kurz beim Gedankentraining. Ihre Filme fordern den Zuschauer auch mental heraus. Sie geben Rätsel auf, stellen ihn vor Mysterien und zwingen ihn, das Gesehene zu analysieren und eigene Schlüsse zu ziehen. Glauben Sie, dass wir Menschen Rätsel und Mysterien brauchen?
Lynch: Ohne Zweifel! Wir sind alle Detektive, die mit Taschenlampe und Notizblock durch die Gegend rennen, um den Fall zu lösen. Wir spüren, dass da mehr ist als das, was wir sehen. Wir können uns diesem Gefühl nicht entziehen, es ist urmenschlich. Es gibt den Punkt, an dem man einfach nicht mehr wegschauen kann und wissen muss, was passiert ist. An diesem Punkt wird die Spurensuche zur Obsession.

The European: Sie weigern sich beharrlich, über die Bedeutung Ihrer Filme zu sprechen und Hinweise zu geben. Sie überlassen das den Zuschauern und betonen öfter, dass diese ganz genau wissen, worum es in den Filmen geht. Wieso suchen die meisten dann trotzdem diese Bestätigung von außen?
Lynch: Ich habe keinen blassen Schimmer!

The European: Es scheint, als seien Ungewissheit oder Nichtwissen noch unerträglicher als das Mysterium an sich.
Lynch: Es ist unerträglich! Es grenzt praktisch an Folter. Aber: Wenn man etwas benennt oder erklärt, wird aus dem Mysterium ein Fakt und es gibt kein Rätsel mehr. Ich will nicht, dass das meinen Filmen passiert. Jeder kann das Rätsel entschlüsseln, wieso soll ich es dann für sie tun?

The European: Sie kennen die Lösung und könnten dem Zuschauer das Rätseln ersparen …
Lynch: Ich weiß verschiedene Dinge über meine Filme. Sie haben eine gewisse Bedeutung für mich, aber diese Bedeutung wechselt ständig. Ich sehe mir einen meiner Filme an und fälle ein Urteil. Zwei Jahre später sehe ich mir den Film noch einmal an und stelle fest, dass der Film über seine ursprüngliche Bedeutung hinausgewachsen ist. Ich denke also nicht, dass ich die geeignete Person bin, um die Fragen der Zuschauer zu beantworten (lacht).

Übersetzung aus dem Englischen

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Matthias Schweighöfer: „Ich spüre, wer es gut mit mir meint“

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 3/2014.

Darin geht es u.a. die Deutsche Debatten-Kultur: Was man wohl noch so sagen darf, fragen wir u.a. Thilo Sarrazin und Jörg Kachelmann. Weitere Debatten: Der globale Infokrieg, die Energiewende und der Klimawandel, der deutsche Glaube an den Staat, die Angst vor der Technik sowie der Kampf um den perfekten Körper. Dazu Gespräche mit Juli Zeh, Winfried Kretschmann, Christian Lindner, Peter Singer und David Lynch.

Sie können es hier direkt bestellen.

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