Wenn ich träumen will, gehe ich schlafen. Sahra Wagenknecht

Die Evolution des Homo Facebook

Technologie ist der Motor der Moderne, sie emanzipiert jeden Einzelnen von uns und nimmt in immer stärkerem Maß Einfluss auf unser Leben. Heute geht es noch um alltäglichen Klatsch und Tratsch und morgen treibt ein wütender Facebook-Mob einen totalitären Herrscher vom Thron.

Technologie ist die treibende Kraft der Moderne. Dieser Einfluss verstärkt sich, weil sich auch Technologie selbst immer schneller entwickelt. Das Mooresche Gesetz, das die Verdopplung der Komplexität von Schaltkreisen innerhalb von 18 bis 24 Monaten postuliert, erklärt einen immer größeren Teil menschlichen Fortschritts. Wir entwickeln uns weiter, weil sich die Technologie weiterentwickelt. Die Technisierung stellt uns immer wieder vor praktische und moralische Probleme, insgesamt betrachtet ist der Einfluss von Technologie auf unser Leben jedoch sehr positiv.

Nehmen wir Facebook als Beispiel. Im Grunde ist Facebook vor allem eine Plattform zur Emanzipation des Nutzers. Ich glaube fest daran, dass diese Entwicklung zu begrüßen ist. Die Freiheit des Einzelnen liegt den Vorstellungen zugrunde, auf denen westliche, demokratische Gesellschaften fußen. Wenn das Internet und die technologische Innovation diese Entwicklung weiter bestärken können, ist das ein unwiderlegbarer Beweis für die positive Kraft, die Technologie entfalten kann.

Tunesien und der Facebook-Effekt

Diese Emanzipierung hat direkte, eindeutige Konsequenzen für Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Marketing. Den jüngsten Beleg für diese These liefert uns die Entwicklung in Tunesien. Die Macht der Straße brachte eine Diktatur zu Fall. Dazu beigetragen haben auch Tools wie Facebook und Twitter. Tunesien – einem halbwegs offenes Land – war es unmöglich, diese Formen der viralen Kommunikation zu kontrollieren. Sobald die Tür einen Spalt weit geöffnet war, konnte die Flutwelle der Entrüstung und Frustration sich ihren Weg bahnen und am Ende sogar die Regierung aus dem Amtssitz schwemmen.

Das Interessante ist, dass Menschen auf der ganzen Welt immer vertrauter mit der Welt der sozialen Netzwerke werden. Wenn diese Menschen dann etwas Bedeutendes zu berichten haben, werden sie sich auch immer stärker dieser Netzwerke bedienen. Sie werden weniger Informationen für sich behalten und sich stärker in Diskurse einschalten. Ein Land nach dem anderen wird sehen, wie sich der Austausch von Informationen durch Facebook radikal verändert. Jede Nachricht, die Enthusiasmus generieren kann, hat das Potenzial zur viralen Verbreitung. Heute sind das vor allem Mitteilungen über Partys oder Klatsch. Doch es gibt prinzipiell nichts, was einer Politisierung der Kommunikation im Wege steht. Und am Ende des Tages flieht Präsident Ben Ali aus dem Land.

Technik emanzipiert uns

Die gleiche Dynamik ist auch beim Austausch zwischen Firmen und ihren Kunden zu beobachten. Firmen können nicht mehr davon ausgehen, Informationen und Werbung im Einbahnstraßenmodus an ihre Kunden zu versenden und somit die Verkaufzahlen anzukurbeln. Die Kunden selbst agieren jetzt als Multiplikatoren. Wenn sie ein Produkt oder eine Dienstleistung beurteilen oder kommentieren wollen, können sie diese Informationen schnell und unkompliziert weiterverbreiten. Wenn sie unzufrieden sind, können sie diesen Unmut viral kundtun.

Wir bewegen uns mit rasanter Geschwindigkeit auf ein Zeitalter zu, in dem der Einzelne durch die Macht des technologischen Fortschritts immer weiter emanzipiert wird. Je mehr Menschen Zugang zu Smartphones haben, desto schneller läuft diese Entwicklung ab. Wir sind nicht mehr an den Arbeitsplatz gebunden, sondern immer und überall vernetzt. Es ist unmöglich, die sozialen, politischen und kulturellen Konsequenzen dieser Entwicklung abzuschätzen. Eines ist sicher: Die Welt von morgen wird sich drastisch von dem unterscheiden, was wir heute als Alltag bezeichnen. Und ich bin überzeugt, dass sich die Balance zum Positiven verschieben wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Miriam Meckel, Evgeny Morozov, Nicholas Carr.

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen und Sie sind an Debatten interessiert? Bestellen Sie jetzt den gedruckten „The European“ und freuen Sie sich auf 160 Seiten Streitkultur. Natürlich versandkostenfrei.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

DLD 2011

Mir nichts, dir nichts

Big_b0b8e24ff3

Informationen sind Macht. Niemand weiß das besser als Journalisten. Doch die Entwicklung des Internets schafft immer mehr Konkurrenz – in Form von "citizen journalists“, informierten und weiter...

Small_0389ee8984
von Miriam Meckel
17.01.2011

Im Porzellanladen der Demokratie

Big_17984af7ab

Erst in der Zuspitzung durch das Internet wird uns bewusst, wie zerbrechlich unsere Demokratie ist. Denn die digitale Gesellschaft hat auch Schattenseiten: Der kriminellen Kamarilla ist ohne Anpassung des Rechtsstaats nicht beizukommen.

Small_fe3eb72c65
von Evgeny Morozov
10.01.2011

Seicht, seichter, online

Big_d80645af83

Obwohl das Internet erst seit 20 Jahren verbreitet ist, scheint ein Leben und Arbeiten ohne Netz kaum vorstellbar. Aber unsere Abhängigkeit vom Internet hat auch eine Schatte weiter...

Small_6e40e20c32
von Nicholas Carr
20.12.2010

Mehr zum Thema: , Soziales-netzwerk, Digitale-gesellschaft

Kolumne

Medium_2ca282d64b
von Lars Mensel
21.06.2014

Kolumne

Medium_b142f4f40f
von Meike Büttner
25.04.2014

Kolumne

Medium_45c47f9584
von Gunnar Sohn
02.04.2014
meistgelesen / meistkommentiert