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„Wir brauchen ein gehirnkompatibles Rechtssystem“

Wie viel freien Willen hat ein Verbrecher? Lars Mensel sprach mit dem Neurowissenschaftler David Eagleman über die Vorhersage von kriminellem Verhalten, attraktive Psychopathen und das Gehirn von Anders Behring Breivik.

The European: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie das bewusst Erlebte tatsächlich nur ein winziger Teil der Prozesse ist, die in unserem Gehirn ablaufen. Daraus schließen Sie, dass auch die Fähigkeit einer Person, bewusste Entscheidungen zu treffen, von vielen Faktoren abhängt, auf die wir nicht unbedingt Einfluss haben. Treffen wir unsere Entscheidungen also alle nach anderen Kriterien?
Eagleman: Ganz genau. Gehirne sind wie Fingerabdrücke – in der Hinsicht, dass sie für jede Person ganz anders sind. Ein Teil des Problems ist es, dass wir immer davon ausgehen, jeder denke so wie wir. Sicher, als Spezies ist das insgesamt richtig: Es gibt einen Kreis von allgemeiner Kooperation. Manche Menschen sind Künstler, manche Buchhalter, manche Demokraten oder Republikaner – aber sie sind sogar innerhalb dieser Kreise sehr unterschiedlich. Nehmen Sie nur jemanden wie Anders Breivik in Norwegen, sein Gehirn ist anatomisch genauso wie Ihres, es hat die gleichen Elemente und Bestandteile, aber es hat auch fundamentale Unterschiede. Neurologisch kann man sich daher nicht in ihn hineinversetzen und wissen, wie es ist, er zu sein – denn das Innere der Menschen ist sehr unterschiedlich.

The European: Aber wenn Menschen wie Breivik auf so andere Art und Weise denken, wie entsteht dieser Unterschied?
Eagleman: Die Entwicklung des Gehirns ist eine komplexe Interaktion von Genen und Umgebung: Alle Gene, die man von Geburt an mitbringt, sowie jede Erfahrung, die man jemals macht – inklusive dessen, was im Mutterleib geschieht. Dazu kommen alle Kindheitserfahrungen, ob etwa die Wand mit bleihaltiger Farbe gestrichen ist, Giftstoffe in der Luft oder so etwas wie Missbrauch oder Drogen. All diese Dinge können die Richtung beeinflussen, in die sich das Gehirn entwickelt. Deswegen ist das Endergebnis sehr individuell – ein wenig wie Schneeflocken, bei denen bereits der kleinste Unterschied in Wind und Temperatur die Form ein klein wenig verändert.

„Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben“

The European: Aber dennoch gehen wir davon aus, dass jeder die gleichen Voraussetzungen für Entscheidungen mitbringt. Wenn uns unsere Umgebung so beeinflusst, dann prägt sie auch die Moral, nach der wir handeln.
Eagleman: Das stimmt. Aber aufgrund der Regeln der natürlichen Auslese landen wir alle ungefähr in der gleichen Gegend: Die meisten von uns würden daher niemanden ermorden. Dennoch betrügen die meisten Menschen in kleiner Hinsicht und brechen kleine Regeln. Doch im Großen und Ganzen gibt es eine Gruppenmoral, die durch soziale Gegebenheiten aufrechterhalten wird.

The European: … aber innerhalb dieser Gruppe interpretiert jeder die Regeln ein wenig neu?
Eagleman: Was die Neurowissenschaft gerade erst richtig begreift, ist die Kraft, die diese sozialen Gegebenheiten aufweisen, insbesondere deren Wandel. Dinge können sich sehr schnell ändern, wenn die Menschen anfangen zu denken: „Ok, das ist jetzt erlaubt.“ Ganze Länder können so plötzlich ein monströses Verhalten an den Tag legen.

The European: Aber wenn wir so sehr von den Sozialnormen und unserer Umgebung geprägt werden, wie viel freien Willen haben die Menschen dann eigentlich?
Eagleman: Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben. Ich persönlich habe die Hoffnung, dass es ein geringes Maß davon gibt und er tatsächlich existiert. Jedoch ist es klar, dass unsere Wissenschaft zu jung ist, um zu verstehen, was das bedeutet. Momentan haben wir keine Möglichkeit, aus unseren Erkenntnissen zusammenhängende Schlüsse zu ziehen. Was mir jedoch klar ist: Wenn es den freien Willen tatsächlich gibt, dann ist er wesentlich kleiner, als wir je angenommen haben. Seine Möglichkeit, das System zu beeinflussen ist gering, denn wie gesagt entwickelt sich das Gehirn aufgrund von Genen und Umgebung in eine gewisse Richtung. Dabei kann der freie Wille vielleicht ein wenig Einfluss nehmen – hier und da nach links oder rechts steuern – aber man kann allein durch freien Willen nicht wie Anders Breivik werden und er nicht so wie man selbst, dafür sind die Gehirne einfach zu unterschiedlich.

„Wir brauchen ein gehirnkompatibles Rechtssystem“

The European: Das würde bedeuten, der Weg, den er gegangen ist, wurde bereits vor langer Zeit eingeschlagen.
Eagleman: Ich denke, dass die Menschen im Fall von solch tragischen Ereignissen gerne die Genugtuung hätten, jemandem die Schuld zu geben. Es ist aber einfach so, dass die Ereignisse in seinem Leben und selbst bevor er existierte – wie zum Beispiel die Gene seiner Vorfahren – ihm das Gehirn gaben, was er hat.

The European: Am meisten verwundern mich daran aber die Konsequenzen: Breivik, um eben bei dem Beispiel zu bleiben, steht nun vor Gericht, wo davon ausgegangen wird, dass seine Handlungen nur durch ihn selbst zu verantworten sind.
Eagleman: Ich denke, dass dieses Problem relativ leicht gelöst werden kann. Selbstverständlich werden wir Verbrecher weiterhin von den Straßen nehmen, Menschen die den Sozialvertrag verletzen, auf den wir uns alle geeinigt haben. Aber der eigentliche Grund des Prozesses liegt neben dem Beantworten der Schuldfrage auch darin, was wir mit einer Person machen wollen. In einem gehirnkompatiblen Rechtssystem müssen wir abschätzen, welche zukünftige Gefahr von einer Person ausgeht. Für jemanden wie Breivik ist es sinnvoll, vor Gericht mit ihm zu sprechen und herauszufinden, was ihn dazu brachte, seine Taten zu begehen. Das ist natürlich ein Extrembeispiel, bei dem das Resultat klar ist: Er wird für den Rest seines Lebens weggesperrt werden. Norwegen hat eine Maximalstrafe von 21 Jahren, danach wird der Fall neu behandelt werden und er für weitere 5 Jahre verurteilt werden. Ich gehe davon aus, dass er für immer eingesperrt bleibt, da bereits seine Taten zeigen, dass er ein sehr abnormales Gehirn aufweist. Selbst wenn ein Gehirnscan nichts zeigen würde oder wir aus irgendeinem Grund keine psychologische Bezeichnung für sein Verhalten fänden, sind seine Taten allein statistisch so abnormal, dass sein Gehirn es auch sein muss.

„Eine Gleichung mit unendlich vielen Variablen“

The European: In Deutschland gab es eine große Kontroverse um die Sicherungsverwahrung: Sie beruhte auf dem Gedanken, dass ein Schwerverbrecher auch nach Verbüßen seiner Strafe nicht wieder auf freien Fuß gelangen sollte. Doch das Gesetz scheiterte vor dem Bundesverfassungsgericht, unter anderem, weil die Verwahrung der normalen Haft zu ähnlich war und daher nicht berücksichtigte, dass Menschen sich auch verändern.
Eagleman: Ich finde es richtig, so ein Gesetz zu widerrufen – denn Menschen können sich verändern. Einer der Gründe für Haft ist Bestrafung – und Bestrafung ist eine Art, um die Gehirne der Menschen neu einzustellen und ihre Entscheidungskriterien anzupassen. Im Idealfall verändert die Haft den Menschen so, dass er nie wieder ein Verbrechen begeht. Das ist eine der Hoffnungen, die dahintersteht. Und sobald die Haftstrafe vorbei ist, müssen wir den Menschen die Chance geben, sich auch verändert zu haben. Die Norweger glauben daran, haben sich aber die Möglichkeit offen gehalten, anschließend sagen zu können: „Wir glauben, dass diese Person immer noch gefährlich für die Gesellschaft ist.“ Doch es kommt darauf an, sehr genau einzuschätzen, ob eine Person sich wirklich geändert hat. Davon geht man aus, und hat dennoch einen Plan B in der Hinterhand.

The European: Wie kann Neurowissenschaft dabei helfen, diese Entscheidung zu treffen?
Eagleman: Heutzutage nur sehr eingeschränkt. Aber in 20 Jahren könnten wir bereits sehr gute Werkzeuge dafür haben. Eins möchte ich klarmachen: Manchmal wird befürchtet, das führe zu dem Precrime-Szenario aus „Minority Report“. Aber das wird es nie geben, nicht heute, nicht in 20 Jahren, nicht in 200 Jahren. Verbrechen sind zu kompliziert, das Leben ist zu kompliziert und ganz viele Delikte entstehen aus den Gegebenheiten. Es muss genau der richtige Mix aus sozialen Umständen, Menschen und Möglichkeiten geben, dass ein Verbrechen stattfindet. Das wird die Wissenschaft niemals voraussagen können.

The European: Macht die Weiterentwicklung des Gehirns diese Vorhersage noch komplizierter?
Eagleman: In fortgeschrittenem Alter entwickelt sich das Gehirn in der Tat weiter – aber nicht mehr mit der gleichen Geschwindigkeit. Auch dabei kommt es auf das Leben einer Person an, die Ereignisse, die Gemeinschaft in der man sich befindet. Gehirne entwickeln sich genauso, wie sich die Umstände und Möglichkeiten um einen herum verändern. Das Ergebnis ist eine Gleichung mit beinahe unendlich vielen Variablen und daher werden wir es nie vorausberechnen können. Dennoch ist es so, dass manche Menschen von Natur aus gefährlicher sind als andere. Ihre Kosten-Nutzen-Rechnung funktioniert ganz anders als die anderer Leute, dass sie völlig unvorstellbare Taten begehen. Daher kann man Breivik in 21 Jahren erneut beobachten: Ist er noch immer eine Person, der menschliches Leben nichts bedeutet und der auf politische Ideologien steht? Niemand könnte dabei voraussagen, was er für Taten begehen könnte, aber dennoch, ob er gefährlich ist.

„Fair ist das nicht“

The European: Es gibt einen sogenannten Psychopath Test, der in den USA an Häftlingen durchgeführt wird, und der zahlreiche Fragen zu ihrer Kindheit beinhaltet. Das bedeutet oft, dass sie länger in Haft bleiben, da ihre Strafe unter anderen auf diesem Verhalten basiert, welches prinzipiell nichts mit der Tat zu tun hatten.
Eagleman: Leider ist es so, dass Psychopathen tatsächlich öfter erneut Verbrechen begehen. Landest du mit einem normalen Gehirn im Gefängnis, dann reicht diese Erfahrung oftmals bereits aus, dass du nie wieder dahin zurück möchtest. Psychopathen sind anders: Sie lernen nicht aus ihren Erfahrungen und Strafen machen ihnen nichts aus – genauso wie sie keine Rücksicht auf die Gefühle anderer Menschen nehmen. Wenn sie dann auch noch zu Aggressionen neigen, ist das eine sehr gefährliche Kombination. So wie es heute aussieht, ist Psychopathie zudem nicht therapierbar. Wenn also jemand psychotisch ist – was ja nicht unbedingt die Schuld der Person ist – dann macht sie das sehr gefährlich, etwa wie einen tollwütigen Hund. Fair ist das nicht, denn es ist nichts, was sie je beschlossen haben. Aber wenn unser Rechtssystem gefährliche Menschen von der Straße schaffen will, dann haben wir keine andere Wahl.

The European: Irgendwie muss man aber doch diese große Grauzone beseitigen können. Es gibt keine Möglichkeit, wirklich zu wissen, was in den Köpfen anderer Leute vor sich geht. Doch Sie schauen sich täglich Gehirne an, sind dabei Unterschiede zwischen Verbrechern und normalen Menschen erkennbar?
Eagleman: Zur Psychopathie gibt es eine Menge guter Erkenntnisse, besonders aus psychologischer Sicht. Neurowissenschaft hat das Phänomen auch untersucht und man kann den Unterschied zwischen dem psychotischen Gehirn und dem normalen tatsächlich messen. Im Schnitt sind die Unterschiede sogar mit bloßem Auge erkennbar. Daher ist es ungefähr so, als würde man fragen: „Wer hat eine größere Wahrscheinlichkeit, die anderen Kinder auf dem Spielplatz zu ärgern? Ist es dieses riesige, starke Kind hier, oder dieses kleine, dünne Kind dort?“ Sicherlich gibt es dabei eine Grauzone und das kleine Kind könnte der Störenfried sein, aber dennoch kann man einen sehr guten Tipp abgeben. Meine Analogie ist nicht einmal so gut wie die richtige Wissenschaft dahinter. Viele Dinge lassen sich in Spektren abbilden, aber das heißt nicht, dass das keine intelligente Methode ist. Oft fragen die Menschen mich, ob es nicht gruselig sei, Wissenschaft mit in den Gerichtssaal zu nehmen. Die Menschen würden wie Statistiken behandelt. Aber wie denn sonst? Momentan ist es so, dass gut aussehende Menschen kürzere Strafen bekommen als schlecht aussehende. Wenn du als schöne Frau ein Psychopath bist, dann kommst du mit unglaublich viel davon. Bist du aber ein nicht psychotischer, hässlicher Mann, dann kommst du ins Gefängnis. Jedes Land hat da seine eigenen Formen von Selektion und Rassismus. Also ist das momentane System weder perfekt noch fair. Ich denke, dass echte Daten und ein gehirnkompatibles Rechtssystem das alles wesentlich besser machen können, als es nun ist.

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