Im Umgang mit der Sprache steht der Schriftsteller vor der Aufgabe, eine allgemeine Dirne zu einer Jungfrau zu machen. Karl Kraus

„Obama muss den alternativen Energiesektor weiter öffnen“

Viele Umweltschützer lassen kein grünes Haar an US-Präsident Barack Obama. Nicht so der Ökologe David de Rothschild. Er glaubt an den guten Willen des Präsidenten. Rothschild wünscht sich noch mehr Härte bei Obama, um seine Ökopolitik durchzusetzen. Das Gespräch führte Alexander Görlach.

The European: Wie geht es Ihnen? Wie läuft Ihre Plastiki-Reise?
De Rothschild: Großartig, vielen Dank! Es läuft wie geplant. Jeder Tag hält unerwartete Entwicklungen bereit. Das Projekt hat sich bereits jetzt sehr zu meiner Zufriedenheit entwickelt. Ich hoffe, dass es auch andere Menschen zufrieden macht, sei es, indem sie die Botschaft verbreiteten, sei es durch Beispiele und Lösungsansätze, die das Projekt aufzeigt. Ich hätte mir nicht mehr wünschen können. Es übertrifft meine Erwartungen.

The European: Welchen Unterschied wollen Sie mit Ihrer Reise machen?
De Rothschild: Wir sehen bereits eine Veränderung im Verhältnis zu dem, was wir bisher gemacht haben. Es ist vier Jahre her, dass wir die Idee zu diesem Projekt hatten, direkt nachdem ich meine letzte Reise beendet hatte. Seither wird über die jetzige Reise debattiert. Es war von Anfang an ein großartiges Abenteuer, das vielen Menschen etwas zurückgegeben hat, sie inspiriert hat, ihre eigenen Projekte zu starten – ihre eigenen Plastikis zu entdecken, ihre eigenen Träume, Abenteuer und Kampagnen zu verwirklichen. Wir bekommen viel Feedback von Menschen, die jetzt eigene Kampagnen starten oder sich verpflichten, ihren Müll zu reduzieren, Flaschen zu recyceln. Durch uns fühlen sie sich in der Lage, einen positiven Effekt auf die Umwelt auszuüben. Ich glaube, dass dieses Abenteuer, wie alle meine Abenteuer, ein Medium ist, das die Menschen fesselt und ihnen Lösungen vermittelt.

“Wir müssen beginnen, die Lösungen anzuwenden, die uns zur Verfügung stehen”

The European: Sie sagen das bereits seit Jahren. Als wir uns das erste Mal trafen, wurde gerade der IPCC-Bericht veröffentlicht. Das IPCC wurde in den letzten Monaten scharf kritisiert. Wie sehen Sie das?
De Rothschild: Das ist wirklich eine aussichtslose Debatte. Die Leute konzentrieren sich unglücklicherweise auf kleine Details. Klimaforschung ist eine sehr junge Wissenschaft, daher sind Vorhersagen und Klimamodelle immer noch mit vielen Unwägbarkeiten verbunden. Es ist erstaunlich, wie wenig wir über Wolken wissen, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber für mich ist klar, dass unser Planet sich verändert und massive Verluste erleidet. Die Leute sollten sich auf die direkten Einflüsse der Menschheit konzentrieren, zum Beispiel auf die Artenvielfalt. Wir verlieren jährlich Zehntausende Spezies. Spezies, von denen wir nicht mal wissen, dass es sie gibt, werden ausgerottet, ohne dass wir wissen, welche Rolle sie im Netz des Lebens spielen. Schauen Sie sich nur mal das Plastik im Ozean an.

Es ist direkt verbunden mit dem Konsumverhalten der Menschheit, nämlich, wie wir Plastik in unserer Versorgungskette gebrauchen. Wir müssen schauen, welchen Einfluss das auf die Verminderung der Bestände an Meerestieren hat. Das kann so nicht weitergehen. Unsere Umwelt geht den Bach runter wegen der Menschheit, die die Dinge billiger, größer und schneller haben will. Und was den IPCC-Bericht betrifft: Ich glaube an die Wissenschaft dahinter, ich glaube an den Klimawandel, ich glaube, dass Kohlenstoffemissionen in unserer Atmosphäre einen drastischen Einfluss auf die Entwicklung unseres Planeten haben. Und ich glaube, wir müssen versuchen, von der Debatte, wie viel ist menschengemacht, wie viel nicht, wegkommen müssen. Das ist die Debatte der Leugner des Klimawandels. Sie ermöglicht diesen Leugnern, ihre Untätigkeit zu verlängern. Das ist aber extrem gefährlich, wenn wir weiter auf diesem Planeten leben, überleben und uns entwickeln wollen. Wir müssen endlich beginnen, die Lösungen anzuwenden, die uns bereits zur Verfügung stehen.

The European: Das klingt alles sehr einleuchtend. Warum ist es dann so schwer für Politiker, Lösungen im Kampf gegen den Klimawandel zu finden?
De Rothschild: Weil wir diese alte Art des Denkens haben, wenn es darum geht, Lösungsansätze zu entwickeln. Wir haben bisher nicht die systemischen Veränderungen betrachtet, weil wir einen kleinteiligen Ansatz haben. Und es gibt eine Menge Interesse an der alten Weltsicht und diesem “Planet-1.0-Ansatz”, der von unbegrenztem Öl und billigen Rohstoffen ausgeht. Es gibt massiven Druck auf Politiker und auf das System von riesigen Unternehmen und etablierten Interessengruppen, die bereits sehr viel Geld, sehr viel Zeit und sehr viel Aufwand in das System investiert haben. Sie klammern sich an ihre Macht, und sie werden nicht loslassen. Das ist ein Problem für Regierungen. Wie geht die Menschheit momentan mit der Ölkrise um?

Da gibt es gerade eine ökologische Apokalypse im Golf von Mexiko und wir stellen uns weiter die Frage, was mit BPs Aktienkurs geschieht, anstatt zu fragen, was mit den Millionen Meerestieren geschieht, die sterben werden. Was passiert mit den Ökosystemen, die verwüstet werden? Und wir beschäftigen uns mit der lächerlichen Frage, ob diese Firma überleben wird. Wir brauchen Führung, die über Wahlzyklen hinaus denkt und eine langfristige Vision bereitstellt. Um das Überleben der Menschheit zu gewährleisten, brauchen wir eine Agenda für den Planeten, die durch eine Mehrheitsentscheidung ermittelt wird. Kopenhagen hatte ein positives Ergebnis. Gruppen sind aus der ganzen Welt zusammengekommen, haben gemeinsam an Kampagnen gearbeitet und Netzwerke geknüpft. Die werden viel weiter gehen als die, die sich hinter verschlossenen Türen gegenseitig die Hände geschüttelt haben.

Jetzt geht es darum, zu verändern, wie wir unsere Ökonomie sehen, und sich von diesem gefährlichen Modell des Bruttosozialprodukts zu verabschieden, das in Wirklichkeit ein “Betrugs-Sozial-Produkt” ist, weil es die Natur nicht berücksichtigt. Wir haben also keinen richtigen Sinn für unsere Umwelt, und wir verstehen unser Wohlergehen falsch, und das beeinträchtigt viele kommende Generationen so wie auch die Menschen, die jetzt auf diesem Planeten leben möchten. Die Auswirkungen dieses Überkonsums können wir bereits sehen.

The European: Stichwort Führung. Präsident Obama wurde bei seinem Amtsantritt als neuer Umweltschützer, als neuer Messias der grünen Sache gesehen. Wie bewerten Sie seine Politik im letzten Jahr?
De Rothschild: Für Politiker ist es hart, sich zu beweisen – sehr hart. Ich denke, er hat wirklich versucht, sich in seine neue Rolle einzufügen. Und das Spielfeld war von Beginn an schwierig. Es ist eine interessante Zeit für die amerikanische Politik. Eine Krise folgt der anderen, erst die Bankenkrise, dann die Ölkrise. Es ist nicht nur die Gesamtwirtschaft, der es schlecht geht, auch der Arbeitsmarkt fällt, die Arbeitslosigkeit steigt und es kommt Unruhe auf. Man sieht die Regierung sehr aktiv in den privaten Sektor eingreifen, was irgendwie ironisch ist.

Unglücklicherweise ist Obama in einer Position, in der er ständig um seine politische Karriere kämpfen muss. Und jetzt kommen Leute, die versuchen, ihn runterzuziehen. Ich glaube, dass das sehr anstrengend für ihn ist und dass einige unglückliche Entscheidungen gefällt wurden. Obama hat aber auch einige sehr gute Leute in der Regierung auf die Ressorts Energie und Umwelt gesetzt. Ich wünsche mir, dass aus ihm ein stärkerer und mutigerer Führer wird, wenn es um Umweltpolitik geht. Ich würde gerne sehen, dass er bei Kernfragen wie Atomkraftwerken nicht nachlässt, dass er die grünen Jobs weiter öffnet und den alternativen Energiesektor weiter öffnet, anstatt die alten Industrien mit riesigen Steuervorteilen zu polstern. Damit könnte er den Weg für neue Technologien ebnen und den Unternehmergeist wieder wecken. Das ist für mich der richtige Weg.

“Der Pfad zum ökologischen Kollaps”

The European: Was denken Sie über den Gipfel in Mexiko, wo die politischen Führer dieses Jahr die nächste Chance haben, den Klimawandel zu bekämpfen? Was müssen sie notwendigerweise tun?
De Rothschild: Da wäre ich gern Optimist. Aber ich glaube, dass wieder nur mit den Hufen gescharrt wird. Und so sehr ich finde, dass das Treffen in Cancún ein hübsches Symbol des Zusammenkommens und Debattierens ist, meine ich, wir werden ähnliche Blockadetechniken erleben wie in Kopenhagen.

Wir werden sehen, dass die Entwicklungsländer offensichtlich ihre eigenen Interessen vertreten, weiter Kohlenstoff emittieren zu können, und sagen werden: “Seht her. Wir hatten eure industrielle Entwicklung noch nicht. Wir wollen gleiche Chancen.” Also glaube ich, dass wir den Prozess irgendwie dezentralisieren müssen. Wir brauchen Gruppen, die vor Ort die Kontrolle übernehmen, die wirklich Lösungsstrategien erarbeiten. So können wir zu einer weltweiten Regelung im Bezug auf den Klimawandel kommen. Auf diese Regelung zu warten und darauf, dass Individuen sich daran halten und Regierungen zustimmen, ist der Pfad zu einem ökologischen Kollaps und damit auch zu einem ökonomischen Kollaps. Denn ohne Natur haben wir keine Wirtschaft.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Edward Glaeser: „Städte machen uns menschlicher“

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