Jeder Herrscher braucht Verbündete. Je größer die Verantwortung, desto mehr Verbündete braucht er. Silvio Berlusconi

Die Kirche ist auch nicht besser als Putin

Die katholische Kirche öffnet sich gegenüber Homosexuellen? Von wegen. Ihre Haltung erinnert in dieser Frage vielmehr an die eines ganz bestimmten russischen Politikers.

Einem „Erdbeben" gleich sei das, was derzeit aus dem Vatikan an Verlautbarungen zum Thema Schwule und Lesben komme. So konnte man in nahezu jeder großen internationalen Tageszeitung in den letzten Tagen zum Zwischenbericht der Familiensynode des Vatikans lesen. Gesagt haben soll das ein John Thavis, der als Vatikanologe gehandelt wird, in den USA aber lediglich als Autor für kirchliche Zeitschriften, in Europa bislang überhaupt nicht bekannt war. Und sich offensichtlich in dem Metier, das er hier beurteilen soll, nicht wirklich gut auskennt.

Das fiel dann recht schnell auch den Medien, die Thavis’ Diktum vom Erdbeben zur Schlagzeile gemacht hatten, auf. Denn bei der Frage, was da nun revolutionär sei, müssen die meisten dieser Medien schon passen. Man beruft sich dann auf so Diffuses wie einen „sich andeutenden Klimawandel", auf die Tatsache, dass die katholische Kirche nun Schwule und Lesben „willkommen heiße". Oder etwas romantischer formuliert: Der Vatikan zeige „Homosexuellen Herz“.

Die alte Leier

Die etwas genauer hinschauen, müssen dann doch eingestehen, dass sich nichts Wesentliches geändert hat: „Die römisch-katholische Kirche verurteilt homosexuelle Handlungen und lehnt die gleichgeschlechtliche Ehe ab. In dem Dokument gibt es… „keine Hinweise, dass sie von dieser Haltung abrückt.“ – so die „Süddeutsche Zeitung“ ganz nebenbei in ihrem Beitrag zu den Äußerungen aus dem Vatikan, die sie kurz vorher noch als Erdbeben betrachtet hat.

Aber so schnell konnte man die Suche nicht aufgeben. Schließlich sollen die überschwänglichen Schlagzeilen irgendein Fundament in nachfolgendem Beitrag finden. So führt man dann ins Feld: „Erstmals wird darin die Frage aufgeworfen, ob die Kirche diese Menschen willkommen heiße und ihnen einen ,brüderlichen Platz’ in den Gemeinden anbieten könne.“

Schaut man genauer hin, findet man aber eine ganz ähnliche Position bereits im Weltkatechismus der katholischen Kirche von 1992, den damals Josef Ratzinger federführend ausgearbeitet hat (von dem sich nun angeblich Papst Franziskus so deutlich abhebt). Ganz klar richtet sich auch diese Charta der katholischen Lehre auf den ersten Blick gegen eine Diskriminierung homosexueller Menschen:

Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen haben tiefsitzende homosexuelle Tendenzen … Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen.

Und lädt sie ebenfalls ein, ihren „Platz in den Gemeinden“ einzunehmen: „Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfasstheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.“ In gewissem Sinne ist diese Aussage schon viel weiter als das, was jetzt als Frage aus dem Vatikan kommt. Schafft sie es doch irgendwie noch, der pastoralen Aussage einen theologischen Rahmen zu geben.

Falsches, irreführendes Spiel

Das Entscheidende wird aber in den aktuellen Jubelmeldungen völlig unter den Tisch gekehrt: Die weder psychologisch noch theologisch irgendwie vernünftig begründbare Unterscheidung zwischen homosexueller Veranlagung und homosexuellen „Akten“.

Auf dieser Unterscheidung beharrt auch die Synode eisern – und bleibt damit ganz klar bei der bereits von Benedikt immer wieder neu beschworenen Kernaussage: Ihr dürft zwar so veranlagt, Teil der Gemeinde und in Deutschland auch Kirchensteuerzahler sein – aber sobald ihr diese Veranlagung praktiziert, ist das strikt abzulehnen und eine schwere Sünde.

Kurz und gut: Das, was Schwul- und Lesbischsein ganz wesentlich ausmacht, nämlich dass Männer Sex mit anderen Männern haben und Frauen mit Frauen, bleibt weiterhin schwere Sünde, ein absolutes No-Go. Homosexuelle können ihr Homosexuellsein nur gottgefällig ausleben, wenn sie es nicht ausleben. Das ist ungefähr so, wie wenn ich als bezeugter Veganer jemandem, der gerne Fleisch ist, erlaube Fleischesser zu sein – aber nur unter der Bedingung, dass er generell in seinem Leben nie etwas isst.

Der Vatikan bleibt also ganz offensichtlich bei seinem falschen, irreführenden Spiel mit Worten. Nur dass dieses Spiel nun noch so verschleiert wird, dass man den Eindruck hat, alle Probleme wären gelöst. Solche Unehrlichkeit ist sowohl eine Verhöhnung der Betroffenen wie auch der kirchlichen Lehre. Insofern haben sowohl Schwule und Lesben auf der einen wie die Traditionswahrer der katholischen Orthodoxie allen Grund gegen diesen Etikettenschwindel zu protestieren.

Die weiter bestehende Dämonisierung schwuler und lesbischer Sexualität ist der springende Punkt – so lange er bestehen bleibt, ist jeder Jubel über das, was dazu derzeit aus Rom kommt, ein Schlag ins Gesicht homosexueller Menschen – jener Menschen, deren Verfolgung über Jahrhunderte auf das Konto der katholischen Kirche geht. Da wäre es tatsächlich besser gewesen, der Vatikan hätte ganz zu der Thematik geschwiegen. So setzt er seine Geschichte diskriminierender Ideologie fort – nun nett verpackt.

Keine Schritte in die richtige Richtung

Und auch politisch streitet man weiter dafür, dass Homosexuellen nicht die selben Menschenrechte zustehen wie Heterosexuellen: Sie dürfen zwar zusammen in einer sexualfreien Beziehung leben, ihr Zusammenleben darf aber keinesfalls als Ehe angesehen und vom Staat so behandelt werden.

Es ist derzeit nicht zu erkennen, dass der Vatikanstaat seine internationalen Bemühungen, die stets darauf ausgerichtet sind, eine rechtliche Gleichberechtigung homosexueller Menschen zu verhindern, irgendwie einzustellen gedenkt.

Wenn man uns also sagt, wir sollten uns doch bitte schon über kleine Schritte in die richtige Richtung freuen, so muss man leider ganz klar feststellen: Solche Schritte gibt es nicht – abgesehen vom Ton, der sich im Vergleich zu Benedikts Homo-Hass gewandelt hat.

Der Vatikan schreitet auf den Bahnen des Grundsatzdokuments fort, das Benedikt XVI. noch als Josef Ratzinger ausgearbeitet hat – und das seit mehr als zwei Jahrzehnten die Grundlage für eine Diskriminierung homosexueller Menschen in der katholischen Kirche und durch sie darstellt.

Bei aller Brüchigkeit von solchen Vergleichen: Die Position, die die Synode einnimmt wird in ganz ähnlicher, säkularisierter Weise von Präsident Putin und seiner Anti-Homogesetzgebung vertreten. Auch dort gilt: Ihr dürft homosexuell sein, dies aber auf keinen Fall (öffentlich) zeigen bzw. ausleben. Und ein Kampf für rechtliche Gleichstellung („Homo-Ehe“) ist zu verurteilen. Während die Medien bei Franziskus und seiner Synode vor Jubel geradezu mit romantischen rosa Plüschherzchen um sich werfen, sagt man bei Putin sehr klar, was Sache ist.

Jetzt zu jubeln, mag den Medien – nachdem man unter Benedikts Pontifikat so viel zu klagen hatte – ins Konzept passen. Für homosexuelle Menschen ist das ein höchst gefährliches Spiel.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jürgen Erbacher, Dietmar Heeg, Alexander Görlach.

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