Apple muss nur noch die Kreativität der Menschen herausfordern, um damit Umsatz zu machen. Ibrahim Evsan

Imperial Wedding

Unser Kolumnist sitzt in London und staunt über den kollektiven Taumel, den die königliche Hochzeit dort auslöst. Und fragt sich: Wieso können das die Hohenzollern nicht?

HÖREN SIE, die spinnen, die Briten. Ich sitze hier in London herum, nicht etwa als Royal Watcher, sondern weil mich völlig thronferne Geschäfte hierhergeführt haben. So erlebe ich zwangsweise den Wirbel um die Hochzeit des jungen Prinzen von Walisien mit. Das real existierende Royal Wedding hat an seinem Vorabend wenig mit dem zu tun, was uns Rolf Seelmann-Eggebert, die alte Hermelinlaus, im Hauptprogramm der ARD so anheimelnd vorgaukelt. Von wegen Erhabenheit und Glamour! Das Spektakel erweist sich heute als hysterisch, die Engländer treiben mit den Bildnissen ihres zukünftigen Staatsoberhauptes kruden Kitsch, bedrucken damit hässliche Kaffeetassen und spannen den armen Union Jack in Form von Billigregenschirmen über ihre Häupter. In manchem aussichtsreichen Anwärterland für die EU-Mitgliedschaft würde man deshalb wegen Verunglimpfung staatlicher Symbole im Kerker landen. Das viel angemahnte Gemeinschaftsgefühl der Briten in der Krise habe ich noch nicht ausmachen können. Außer, dass die Kritiker des Volksfestes ebenso manisch auf die leere Hochzeitskutsche gaffen, die gestern eine Probefahrt absolvierte, wie die härtesten Fans. Kurzum: alles ist wundervoll und so, wie wir es uns erhofft haben.

Alles ist so wundervoll

In einer faden Stunde habe ich errechnet, dass morgen auf dem ganzen medialisierten Globus ungefähr so viele Menschen zuschauen werden, wie im Jahre des letzten anständigen Royal Wedding, also jenem von Charles und Diana 1981, die gesamte lebende Weltbevölkerung ausgemacht haben. Davon können die anderen beiden blaublütigen Paare, die dieses Jahr noch vor den Altar treten, nur träumen. Die Ehelichung des Fürsten von Monaco wird dagegen ein Dorfplatzfest werden. Von dem süßen Empfang, den der sehr theoretische deutsche Thronfolger, Georg Friedrich von Preußen, seiner Sandkastenliebe Sophie Prinzessin von Isenburg im August auszurichten vermag, ganz zu schweigen. Dabei wird dies nicht bloß ein Royal, sondern ein Imperial Wedding.
Der Ururenkel Kaiser Wilhelms II. hat sich dabei echt Mühe gegeben und die Potsdamer Friedenskirche organisiert. Am Vorabend will der Hohenzoller, der sich sonst recht zurückhaltend gibt, auch das Volk einbeziehen, und laut Bunte.de ein Open-Air-Konzert auf dem Gendarmenmarkt abhalten lassen.

Ich habe in der Küche eines gemeinsamen Freundes in Berlin einmal die halbe Nacht mit dem Chef des Hauses Hohenzollern totgequatscht und ihn da als sympathischen und trinkfesten Menschen kennengelernt. Was wir genau besprochen haben, kann ich hier nicht wiedergeben, was nicht an der Brisanz des Besprochenen liegt, sondern an den vielen Berliner Kindl, die wir der mit Eis befüllten Badewanne des Gastgebers entnahmen. Als einer der vielen, die von der dürftigen Performance des aktuellen Bundespräsidenten enttäuscht sind, habe ich mich natürlich dem depperten Gedankenspiel „Was wäre, wenn nicht“ auch schon einmal hingegeben. Als überzeugter Legitimist gefällt mir an dem Gedanken die Note, dass sie so grotesk ist. Die gefährlichsten Gegner der Monarchie sind bekanntlich die Monarchisten, die sich angesichts der wieder einmal erhobenen 10 Prozent unter den Deutschen, die gerne einen Kaiser hätten, wieder einmal zu Wort gemeldet haben und Georg – Buuuhuhhuuu –, wenn er sich verweigern sollte, mit einem krönungswilligen Prinzen von Baden gedroht haben. Aber die deutsche Monarchie schlummert zu Recht auf Ewigkeit in den Katakomben der Geschichte und die Vorstellung, was der 34-Jährige unter einer Krone alles vermochte, taugt höchstens als Korrektiv für die banale Selbstinszenierung des heutigen Staates.

Deutsche Monarchie? In den Katakomben der Geschichte

Dass die „Spiegel“-Sonderhefte zu Preußen und „Geo“-Epoche-Ausgaben über die Hohenzollern sich so reißender Absätze erfreuen, zeugt bloß von einer neuerlichen Vergeschichtlichung des Denkens und das kann nur gut sein. Keine Hochzeitsparty Georgs und seiner Sophie kann nur im Ansatz erledigen, was etwa Kohl mit dem nachträglichen Staatsbegräbnis samt Bundeswehr-Garde von König Friedrich Wilhelm I. und König Friedrich II. 1991 in Potsdam als Kredit auf Glanz und Identität hergaben. Der wackelige und schüchterne Umgang der Deutschen mit ihrer ehemaligen Herrscherfamilie ist ein recht zuverlässiges Barometer für die Temperaturschwankungen des eigenen Bewusstseins.

Österreich hat das längst hinter sich. Der Mentalität angepasst aber nicht in Form einer Hochzeit, sondern einer Beerdigung – nämlich jener der letzten Kaiserin Zita im Jahr 1989. Und das nicht bloß als schäbiges Staatsbegräbnis, sondern im Stile der alten Donaumonarchie samt schwarzer Schimmel und rituellem Anklopfen an der Kapuzinergruftpforte. Die anwesenden Vertreter der Regierung absolvierten anstandslos die alte Kaiserhymne, wie im Vermächtnis Zitas vorgesehen. Mit dem kleinen Kniff, darauf zu verweisen, dass es sich ja um die Melodie der Bundeshymne der befreundeten deutschen Bundesrepublik handeln würde.

Humor ist gefragt

Das Wichtigste, was die alten Monarchien von Deutschland und Österreich-Ungarn heute leisten können, ist neben den Einnahmen des Tourismus, dass wir mit ihnen hadern und uns der Richtigkeit unserer aktuellen Systeme vergewissern können. Mir persönlich wäre es lieb, dies würde in Deutschland viel präsenter sein. Dann könnte man sich etwa in Fragen der Integration von den Preußen etwas abschauen, die den Einwanderern im Zentrum große Kirchen ihrer mitgeführten Religion errichteten, um ihnen geistige Heimat zu geben. Aber auch, um ihnen abzuverlangen, sich der herrschenden zumal toleranten Kultur anzupassen. Immerhin bastelten die preußischen Staatsmänner in Berlin bereits an einem Rechtsstaat moderner Prägung, als sich die Briten noch mit der Abschaffung der Sklaverei schwertaten.

Als Deutsche dürfen wir da ruhig kritisch mit dem britischen Herrscherhaus umgehen. Schließlich sind diese selbsternannten Windsors eigentlich Hannoveraner, die, als sie Damen auf den Thron hievten, diese wiederum mit anderen deutschen Häusern vermählen ließen.

Wie scherzte Kaiser Wilhelm II. so gerne? Er freue sich schon sehr auf die nächste Aufführung des Theaterstückes „Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg-Gotha“. Ja, auch er hatte Humor. Morgen werden wir einen solchen dringend brauchen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Nina – 19.05.2011 - 16:18

    Sicher, dass die Sonderhefte zum Thema “Hohenzollern” Bestseller sind? Hab ganz gegenteiliges gehört… des sollen Lagerhüter sein…

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