Schmalspuragenda sagt ein Schmalspurpolitiker. Joschka Fischer

Tote Tante Konservativismus

Unser Kolumnist wundert sich über die Sehnsucht der Deutschen nach dem Konservativismus. Dabei haben sie nichts gründlicher erledigt als die Liebe zum Althergebrachten. Man meuchelt ja auch nicht die eigene Erbtante und heult dann an ihrem Grab herum.

HÖREN SIE, es gibt wirklich nichts Schöneres, als dem Schweigen eines dummen Menschen zu lauschen. Leider kommt man sehr selten in diesen Genuss. Auch gestern wieder nicht. Da schwafelte mich auf einer Potsdamer Gartenparty eine Dame, die wohl eine gesellschaftliche Größe in Brandenburg darstellt und ihre Köter nach Wagner’schen Opernhelden tauft, eifrig mit ihren Ansichten nieder. Sie inszenierte sich als Bayreuth-Insiderin und konservative Großinquisitorin des Opernbetriebs, lobte dabei allerdings besonders groteske Inszenierungen der Regietheaterszene. “Sie haben ja nicht einmal den Heiner-Müller-Tristan gesehen, da müssen Sie noch viel lernen, bis Sie mitreden können, junger Mann”, herrschte sie mich im Tonfall einer bösen Gouvernante an, als ich ihrem Urteil widersprach, dass es eine besonders originelle Idee sei, Klingsor aus der Oper “Parsifal” in Strapsen auftreten zu lassen.

Man gibt sich preußisch-elitär

Da war er wieder, dieser merkwürdige Widerspruch, der die paralysierte bundesdeutsche Gesellschaft seit Langem umtreibt. In der Schickeria der wiedervereinten Republik möchten sie alle so irre gerne ein bisserl preußisch sein, so fesch konservativ, und wenn’s geht, auch noch elitär. Katholizismus ist auch en vogue und eben jenes wagnerianische Insidergetue. Was keiner zu kapieren scheint: Konservativismus funktioniert nicht als Partytrend. Er ist nicht mit der Prada-It-Bag auf dem Ku’damm zu erwerben und auch kein noch so gefuchster PR-Berater kann ihn einem als Image maßschneidern. Rührend sind besonders die Leitartikler von etwa “FAS” oder “Welt am Sonntag”, die sich als Gegenmodelle zu den schreibenden Salonsozialisten wie Heribert Prantl zu positionieren versuchen und redlich an Kolumnen basteln, die den diskreten Charme der Bourgeoisie versprühen. Und doch schimmert durch ihre Zeilen, dass sie sich ihre Haltung zusammengeklaubt haben und es sie nach Redaktionsschluss nicht in die Nikolaikirche zieht, um einer Bach-Motette zu lauschen, sondern zu ein paar Partygirls ins Grill Royal. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen, ich bin ja auch so. Aber man kann sich nicht dauernd als Christkonservativer vom Dienst aufführen, gleichzeitig die Kollegen von der “Titanic” witzig finden, wenn die in einer Karikatur Jesus am Kreuz von einem Pfaffen einen blasen lassen.

Nun, da die imaginäre Sarrazin-Partei 18 Prozent in Wahlen bekäme, eine Friedrich-Merz-Partei sogar 20, denken auch die Merkelianer wieder nach, sich rasch ein bisschen Konservativismus aufrougen zu lassen. Das ist nämlich der andere Aspekt, den die Sarrazin-Staatsaffäre zum Vorschein bringt: Das Volk da draußen scheint nicht bloß die bunte Republik leidlich schick zu finden, es hapert ihm auch auf der politischen Seite rechts von den schwulen Bundesaußenministern und CSU-Vorsitzenden, die “die freie Liebe propagieren” (Copyright: Gerhard Schröder).

Es ist kein Wunder, dass die letzten konservativen Größen dieses Landes, wie Helmut Schmidt, Otto Schily, Klaus von Dohnanyi oder eben Thilo Sarrazin, nicht bei der CDU gemeldet sind. Dort gelten konservative Leitlinien seit Langem als lästiges, aber notwendiges “Gib dem Affen Zucker”. Und wie sollte es auch anders sein. Konservativ ist man oder ist man nicht. Ein Konservativer springt eben empört auf, wenn er ins Theater gegangen ist und sich in einem intellektuell aufgeladenen Nacktputzauftritt wiederfindet, und schreit wie dazumal Dohnanyi Richtung Bühne: “Man kann dieses Stück doch auch anständig spielen.” Aber selbst die Stoibers und Kochs, die wenigstens noch ein bisschen Bigotterie mitbrachten, legten sich zu jedem Schweinskram, der ihnen als modern serviert wurde, die diplomatische Formel von Kaiser Franz Josef I. zu. Der hätte wohl auch CSD-Umzüge, anarchistische Chaostage und Nackte-Arsch-Bühnenshows mit seinem wohlwollenden “Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut” besiegelt.

Gib dem Affen Zucker

In diesen Tagen wird viel darüber geredet, was man in dieser Demokratie so äußern darf und was eher zum Berufsverbot führt, ob als TV-Sprecherin oder Bundesbankvorstand. Tatsächlich fängt die kritische Zone schon da an, wenn einen die Abtreibungsquoten bestürzen, man kopulierende Paare nicht für Kunst, sondern für Porno hält und man mit seinen Kindern einfach nicht zusammen kiffen möchte.

Wir sollten uns damit abfinden, dass die alte Tante Konservativismus das Zeitliche gesegnet hat. Schon Goebbels freute sich bekanntlich teuflisch, als die britischen Bomber ihre Fracht über den Vierteln des deutschen Großbürgertums abwarfen und die lästige Elite des Ancien Régime ausräucherten. Danach erklärte man kurzerhand die Fangemeinde der transatlantischen Freundschaft zur Ersatzveranstaltung. Heute gibt es wiederum so einen feschen Jung-Konservativismus, den reiselustige Jugendliche für sich beanspruchen, um ihrer Verantwortung als Enkel von “Stürmer”-Abonnenten gerecht zu werden und den Staat Israel gegen das Arabergschwerl zu verteidigen, aber das ist ein anderes Phänomen.

Ich selbst vermisse den Konservativismus übrigens nicht. Für einen Stresemann-Anzug fehlt mir einfach die richtige Figur. Und wenn, wie kürzlich meine Tischdame bei einem Dinner, eine metropolitane Deutschrussin übrigens, die mit einem Herrn der Münchner Society ein liederliches Verhältnis betreibt, jemand in schallendes Gelächter verfällt, bloß weil ich zugebe, manchmal eine heilige Messe zu besuchen, dann bleibe ich gelassen und denke still und bescheiden bei mir: Schlampe, halt’s Maul.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von David Baum: Das Prinzip Heino

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