Der Kommunismus findet Zulauf nur dort, wo er nicht herrscht. Henry Kissinger

„Ich bin furchtbar unglücklich“

Er ist der Dieter Bohlen Afghanistans: Von 2004 bis 2008 moderierte Daoud Sediqi die Talentshow “Afghan Star”, seit Anfang 2009 lebt Sediqi in den USA, wohin er vor Morddrohungen der Taliban floh. Im Interview spricht er über den Einfluss seiner Show auf die afghanische Gesellschaft und offenbart, warum er nach Afghanistan zurück will. Das Gespräch führte Sophie Diesselhorst.

The European: Herr Sediqi, Sie haben die Sendung “Afghan Star” nicht nur von 2004 bis 2008 moderiert, sondern auch mitkonzipiert. Mit welchen Ideen sind Sie an die Sache herangegangen?
Sediqi: Natürlich haben wir bei anderen Ländern ein wenig abgekupfert. “Afghan Star” hat schon ein ziemlich ähnliches Konzept wie “Deutschland sucht den Superstar” oder “Pop Idol”. Es war so, dass sich nach dem Einmarsch der Amerikaner hier ziemlich schnell eine ganze Reihe Privatsender formiert hatte. Die Konkurrenz war also da – und wir wollten etwas Großes aufziehen, das mit Musik zu tun haben sollte. Zum Glück hat das funktioniert – die Show ist zur beliebtesten Sendung in der Geschichte des afghanischen Fernsehens geworden.

The European: Ihr deutsches Vorbild “Deutschland sucht den Superstar” ist vor allem für die strengen bis unter die Gürtellinie gehenden Kommentare der Jury bekannt …
Sediqi: … ja, das ist der große Unterschied. So etwas können wir in Afghanistan nicht machen. In einem Land, das sich ständig in einem kriegsähnlichen Zustand befindet, würde man die Leute mit solch einer Negativ-Haltung verschrecken. Unser Hauptziel ist weniger die strenge musikalische Beurteilung, es geht uns vor allem darum, dass möglichst viele Leute die Show gucken und sich darum bewerben, teilnehmen zu dürfen.

The European: “Soldaten kämpfen mit Gewehren, ich kämpfe mit Musik”, haben Sie einmal in einem Interview gesagt. Wie meinten Sie das?
Sediqi: Es ist ein Kampf um die jungen Leute – die in Afghanistan mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Nach diesem langen Krieg waren und sind die Strukturen zerrüttet, viele Jugendliche sehen keine Perspektive. Das nutzen zum Beispiel die Taliban, um sie gegen Geld anzuwerben. Mit unserer Show wollten wir diesen Teufelskreis durchbrechen und den jungen Leuten zeigen, dass es auch andere Perspektiven geben könnte. Ich glaube, wir haben es geschafft, den Leuten das Gefühl zu vermitteln, dass man auch über andere Dinge als Krieg und Kampf nachdenken kann.

The European: Sie haben auch weibliche Kandidaten zugelassen – einige der Frauen, die an der Show teilgenommen haben, mussten ihre Teilnahme abbrechen, weil sie von den Taliban bedroht wurden …
Sediqi: Ja, ich werfe mir das trotzdem nicht vor. Im Gegenteil: Wir haben doch damit das Spotlight auf die Probleme gerichtet, die Frauen in Afghanistan immer noch haben. Eine Frau, die ganz normal am gesellschaftlichen Leben teilhaben will, die ihre Meinung äußern will, ins Kino gehen will, Musik machen will, hat es immer noch äußerst schwer in Afghanistan.

The European: Glauben Sie wirklich, dass eine Fernsehsendung auf lange Sicht die Art, wie eine Gesellschaft mit solchen Dingen umgeht, verändern kann?
Sediqi: Ich weiß es nicht. Viel wichtiger ist es mir aber, was der Erfolg der Show bereits bewiesen hat: Elf Millionen Menschen haben sie regelmäßig geguckt, das ist ein Drittel der afghanischen Bevölkerung. Das sind doch eine ganze Menge Leute, die offenbar in einem Land leben wollen, in dem Menschen- und Frauenrechte geachtet werden!

The European: Wie erleben Sie die internationalen Bemühungen um den Wiederaufbau der afghanischen Zivilgesellschaft?
Sediqi: Zunächst mal würde bei uns ohne internationale Hilfe überhaupt nichts funktionieren. Die internationalen Hilfstruppen bringen uns Sicherheit und sind von essenzieller Bedeutung für den Wiederaufbau. Ich habe selbst direkt davon profitiert: Ohne internationale Unterstützung hätten wir unseren Sender und damit “Afghan Star” finanziell gar nicht stemmen können.

“Lernt uns ein bisschen besser kennen”

The European: Wie weit sollte denn das internationale Engagement Ihrer Ansicht nach auf lange Sicht gehen?
Sediqi: Tja, nach acht Jahren fragt man sich hier im Westen, warum immer noch so viel Geld und Menschenleben in dieses Land gesteckt werden, das doch scheinbar einfach nicht befriedbar ist, nicht wahr? Ich habe einen Vorschlag: Lernt uns ein bisschen besser kennen, dann wird es auch mit dem Wiederaufbau vorangehen. Es ist nämlich leider immer noch so, dass das Verhältnis zwischen den afghanischen Zivilisten und den internationalen Helfern durch gegenseitiges Missverstehen geprägt ist – was viel damit zu tun hat, dass die internationale Seite sich kulturell abschottet und nicht wirklich Interesse an unserer Kultur zeigt. Genau dieses Misstrauen auf der Seite der afghanischen Bevölkerung instrumentalisieren die Taliban und Konsorten. Die internationalen Helfer müssen der afghanischen Bevölkerung unmissverständlich klar machen, dass sie da sind, um zu helfen, und dass sie unsere Kultur nicht verändern und durch ihre eigene ersetzen wollen.

The European: “Afghan Star” ist ja auch an westliche Modelle angelehnt …
Sediqi: … naja, zum Beispiel in Indien gibt es schon seit Jahren ähnliche Formate. Ich würde das Konzept eher als global und kulturübergreifend denn als spezifisch westlich bezeichnen.

The European: Warum sind Sie Anfang 2009 in die USA emigriert und haben Ihren Moderatoren-Job gekündigt?
Sediqi: Das liegt daran, dass ich mich einfach nicht mehr sicher gefühlt habe in meinem Land. Ich habe ständig Morddrohungen erhalten – darin stand, ich sei ein Verräter, instrumentalisiert von den “westlichen Imperialisten”. Es ist schrecklich deprimierend: Als wir mit der Show anfingen, da surften wir auf einer Welle der Aufbruchstimmung, die das ganze Land ergriffen hatte. Aber dann, um 2006 herum, kamen die Taliban mit aller Macht zurück. Wir waren wohl alle etwas naiv gewesen – das gilt übrigens auch für die internationalen Truppen. Die Gefahr, dass die Taliban sich in der Grenzregion zu Pakistan ganz still und heimlich neu organisieren könnten, ist unterschätzt worden.

The European: Was planen Sie denn für Ihre persönliche Zukunft?
Sediqi: Im Moment moderiere ich für “Voice of America” eine Talkshow, die sich aus der Exilperspektive mit den zivilgesellschaftlichen Entwicklungen in Afghanistan auseinandersetzt. Das ist alles gut und schön, aber ich bin im Grunde genommen furchtbar unglücklich. Ich bin zwar sicher hier, ich habe ein gutes Leben, aber ich bin es gewohnt, für etwas zu kämpfen – und hier ist nichts, wofür ich kämpfen möchte. Ich muss unbedingt zurück nach Afghanistan, auch weil ich meine Kollegen und vor allem meine Familie schrecklich vermisse. Ich hoffe, dass das in nicht allzu ferner Zeit möglich sein wird.

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