Selbst sehr mächtige Länder können fremde Gesellschaften nicht in den Griff bekommen. Stephen Walt

Wunderbare Fußballwelt

Von wegen Randsportart: Frauenfußball kommt an. Ohne Ausschreitungen, ohne Polizeischutz, dafür mit moderner Spielphilosophie und 100.000 verkauften Nationaltrikots – und einer deutschen Mannschaft, die den Herren einige Titel voraushat.

Die sechs nationalen Großsponsoren der Frauen-WM lesen sich wie ein Auszug aus dem Dax. Der Aufkleberfabrikant Panini hat erstmals ein Frauen-WM-Album herausgebracht, die Deutsche Bahn hat einen ihrer ICEs mit dem Logo der Frauen-WM beklebt und auch die Sportartikelhersteller werben gleichberechtigt mit Frauen neben Özil und Schweinsteiger. Fußball ist in Deutschland zum erfolgreichsten und beliebtesten Mannschaftssport von Frauen geworden.

Nummer eins der Welt

Kein Wunder! Schließlich haben die Damen bewiesen, wovon die Herren seit 21 Jahren nur träumen können: Sie sind die beste Mannschaft der Welt. Die Frauen-Nationalmannschaft hat mit ihren Erfolgen eine Menge für das Ansehen dieser Sportart getan und genießt hohe Sympathiewerte in der Bevölkerung. Dabei vertritt Silvia Neid eine moderne Philosophie: Das offensive, direkte Spiel über die Flügel ist das Markenzeichen der Mannschaft und Spielerinnen wie Superstar Lira Bajramaj müssen in Sachen Taktik, Fitness, Athletik und Ästhetik keinen Vergleich scheuen. Kein Wunder, dass die Länderspiele der DFB-Frauen mit bis zu 30.000 Besuchern oft ausverkauft sind und auch zu Top-Spielen der Bundesliga bis zu 3.000 Zuschauer kommen. Das ist moderner, dynamischer Fußball von hoher Qualität.

Während die Innenminister der Bundesländer über eine Kostenbeteiligung der Vereine an den Polizeieinsätzen während Bundesligaspielen diskutieren und bei Drittligaspielen zum Teil mehr Polizisten im Einsatz als Zuschauer auf den Rängen sind, funktioniert der Frauenfußball fantastisch: Männer in Bajramaj-Shirts, Frauen in Lahm-Trikots vom letztjährigen WM-Sommer und viele Kinder in den Stadien.

Während die 73.000 Zuschauer des Eröffnungsspiels im Berliner Olympiastadion berechtigterweise ein Partypublikum der Extraklasse waren, für eine einzigartige familiäre Atmosphäre sorgten und die Deutsche Mannschaft auf La-Ola-Wellen euphorisch zum erfolgreichen Turnierstart trugen, zeigten die Fans im Spiel der DFB-Frauen gegen Nigeria in Frankfurt echten Fußball-Sachverstand: Stadionwellen, Aufmunterungen und deutliche Pfiffe wechselten sich ab. Ohne grölende Fans, ohne übertriebene Männlichkeitsspiele, ohne fliegende Gegenstände auf den Platz und ohne Bengalos. Dafür mit Spielerinnen, die nach TV-Interviews raus in die Fankurve laufen, um Autogramme zu schreiben und tanzend mit ihren Anhängern auf der Tribüne feiern.

100.000 verkaufte Trikots

Logisch, dass immer mehr junge Frauen (und auch Männer!) bei der WM Twitter & Co nutzen, um ihre Stars und Lieblinge zu entwickeln und die Namen von Laudehr, Kulig und Okoyino da Mbabi auf das bereits über 100.000 Mal verkaufte DFB-Frauentrikot drucken. Wir sollten die Frauen-WM als das nehmen, was sie ist: wunderbarer Fußball. Die überwältigende Mehrheit unserer Gesellschaft hat das vermeintliche Kräftemessen der Nationen in das umgedeutet, was es längst ist: ein globales Fest der Kulturen mit einer geballten Vielfalt.

Die steigende Akzeptanz und zunehmende Beliebtheit des Frauenfußballs in Deutschland schlägt sich auch statistisch nieder. Über eine Million Frauen und Mädchen sind Mitglied im Deutschen Fußball Bund (DFB). Der Frauenfußball hat durch die WM in Deutschland eine große Chance, sich rund um den Erdball weiterzuentwickeln. Die Entwicklung des Frauenfußballs wird sicher schneller vorankommen, als sie es ohne die WM getan hätte. Jetzt gilt es, den Frauen- und Mädchenfußball verstärkt zu fördern und sich für eine stärkere Präsenz von Frauenfußball in der öffentlichen Wahrnehmung und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk neben der Männer-Bundesliga einzusetzen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lukas Hermsmeier, Matthias Heitmann, Stefan Erhardt.

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