Die meisten Journalisten haben kein Gewissen mehr. Jörg Kachelmann

Mach neu, was dich kaputtmacht

Die Autoren Ralf Fücks und Harald Welzer suchen in ihren Büchern Wege aus der Fortschrittsfalle. Wo Welzer einem radikalen Postmaterialismus frönt, warnt Fücks vor der Ökodiktatur.

Vierzig Jahre nach dem Bericht des Club of Rome, „Die Grenzen des Wachstums“, wird vor allem in Deutschland eine intensive Debatte über die Frage geführt, ob und wie viel Wachstum im Hinblick auf die Krisen unserer Zeit akzeptabel ist. Der damals aufwendig erstellte Bericht untersuchte die globalen Auswirkungen von Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung und Umweltzerstörung. Wenn nichts geschieht, würde – so die zentrale Prognose des Berichts – ab dem Jahr 2030 der Kollaps der Weltwirtschaft eintreten. Die Endlichkeit der Ressourcen führe zu einer Endlichkeit des Wachstums. Bislang ist der Kollaps ausgeblieben. Der Club of Rome kennt Politik nur als Nullsummenspiel: Die einen (im Norden) genießen und gewinnen zulasten der anderen (im Süden).

Hölle auf Erden

Die Kritik des Club of Rome stieß hierzulande auf ein großes Echo. Nach der Wachstum- und Fortschrittseuphorie der 1950er- und 1960er-Jahre stellte vor allem die Studentenbewegung das marktwirtschaftliche Wohlstandsmodell infrage. Der Kapitalismus führe zu Armut und Umweltzerstörung in der Ditten Welt. Die in dieser Zeit sozialisierte Öko- und Friedensbewegung der 1980er-Jahre entwickelte die Theorie weiter und sah eine zentrale Antwort im „Degrowth“, der vollständigen Änderung der Wirtschaftsweise durch stationäres Wachstum.

Dieser Denkschule schließt sich der Sozialpsychologe Harald Welzer an. In seinem Pamphlet „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ bietet er das radikale Gegenmodell zur real existierenden globalen Marktwirtschaft. Eine Gemeinwohlökonomie, die auf Kultivierung statt Wachstum und auf Glück statt Konsum setzt. Dem herrschenden „TINA-Prinzip“ (there is no alternative) setzt Welzer sein Diktum von den eigenen Handlungsspielräumen und ein Plädoyer für eine moralische Ökonomie und Intelligenz entgegen. Intelligenz sei vor allem eine moralische Kategorie, zitiert er Theodor W. Adorno. Moral statt (Macht-)Politik. Die deutschen Parteien schreibt Welzer im Widerstand gegen den globalen Kapitalismus ab. Er setzt stattdessen auf eine radikale Veränderung einiger Weniger („Drei bis fünf Prozent“). „Der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle“, schrieb der kritische Rationalist Karl Popper und warnte 1945 in seiner Schrift „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ vor alten und neuen Utopien. Wer sich einem Guru und seiner neuen Widerstandsbewegung anschließen will, ist bei Welzer gut aufgehoben.

Lässt sich allein mit elitärer Moral und radikalem Widerstand die Welt retten? Der Vorstand und Chefdenker der Grünen, Ralf Fücks, greift in seinem Titel „Intelligent wachsen“ den von Welzer zitierten Adorno-Aphorismus ungewollt auf und kommt zu einem anderen Schluss. Die Antwort auf die anhaltende Krise des Kapitalismus sieht er in dessen ökologischer Transformation. Ähnlich wie die Arbeiterbewegung den Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts verändert hat, verändert ihn zu Beginn des 21. Jahrhunderts die ökologische Bewegung. Nicht in ihrem Ende, sondern in einer Erneuerung der Industriegesellschaft sieht Fücks die Lösung.

Veränderung statt Verzicht und grünes statt gar kein Wachstum stellt er den Wachstumsgegnern entgegen, die er als „heroische Verweigerer“ bezeichnet. Sein Hauptvorwurf: „Realitätsflucht“. Während weltweit Milliarden Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika auf dem Weg in die industrielle Moderne sind, macht sich nach Fücks in Deutschland eine neue Endzeitstimmung breit. Die „Armen und Entrechteten“ der Dritten Welt wollen nicht auf das Ende des Wachstums der Ersten und Zweiten Welt warten, sondern fordern ihren Teil des wachsenden Kuchens. Die Alternative zu einem zerstörerischen, ressourcenfressenden Wachstum sieht Fücks in einem „Green New Deal“, der Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch, ermöglicht durch eine „grüne Revolution“. Der dritte Weg sei die Verbindung von Ökonomie und Ökologie, von nachhaltigem Wohlstand durch intelligentes Wachstum.

Die Welt steht heute besser da

Wo Welzer einem radikalen Postmaterialismus frönt, polemisiert Fücks gegen „heroische Verweigerer“, deren „scheinradikaler Konsumverzicht“ geradewegs in die Ökodiktatur führe. Die Provokation ist Absicht. Die Frage, welcher Weg in das grüne Reich der Freiheit führt, spaltet die grüne Partei. Fücks will sie mit seinem Buch zu einer klaren Antwort bringen. Wer alles auf einmal wolle, erreiche am Ende nichts. Damit ist er ganz bei Poppers „social engineering“, einer Politik der kleinen Schritte.

Die Welt steht heute ökonomisch und ökologisch tatsächlich besser da als 1972. In wenigen Jahren werden aufstrebende Länder in Afrika EU-Mitgliedsländer wie Portugal und Griechenland überholt haben. China kündigt ein Ende des „Mega-Wachstums“ an und investiert Milliarden Euro in Umweltschutz und grüne Technologien. Ralf Fücks’ „grüne Revolution“ ist inzwischen Mainstream. Das mag manchen zu wenig sein. Es ist jedoch mehr, als vor 40 Jahren der Club of Rome und seine Nachfolger vorhersagten.

Ralf Fücks: Intelligent wachsen. Die grüne Revolution; Hanser Verlag, München 2013; 362 S., 22,90 Euro, als E-Book 16,99 Euro

Harald Welzer: Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand; S. Fischer, Frankfurt am Main 2013; 328 S.; 19,99 Euro, als E-Book 17,99 Euro

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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